6. Mai 2026, 16:46 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Tauben sind in sämtlichen Metropolen der Welt kaum wegzudenken. Und obwohl wir tagtäglich an ihnen vorbeikommen, schauen nur wenige genauer hin. Dabei zeigt sich besonders an den Füßen der Tiere, wie es um die Vögel steht. Viele Stadttauben haben mit verletzten oder fehlenden Zehen zu kämpfen. Ein trauriges Phänomen, das auf den Menschen zurückzuführen ist. PETBOOK sprach mit dem Taubenhaus Südkreuz e.V., und verrät, was genau hinter den verstümmelten Füßen der Tauben steckt.
Warum so viele Stadttauben verstümmelte Füße haben
Wer in der Stadt genau hinschaut, sieht sie immer wieder: Tauben, die humpeln, denen Zehen fehlen oder die kaum noch laufen können. Verstümmelte Füße gehören für viele Stadttauben zum Alltag. Doch die Ursache liegt meist nicht bei den Tieren selbst, sondern in ihrer Umgebung.
Die häufigste Ursache für die Verletzungen ist überraschend banal. „Die Verschnürungen kommen von Fäden aus Jacken, langen Kopfhaaren, Fäden aus Verpackungen – also alles, was fadenähnlich ist“, erklärt Lara-Salina Küchler vom Taubenhaus Südkreuz e.V. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Berliner Vereins kümmern sich täglich um genau solche Fälle und erleben das Leid der Tiere aus nächster Nähe.
Was zunächst harmlos aussieht, wird für die Vögel schnell zur bedrohlichen Falle. Mit jedem Schritt schneiden sich die Fäden tiefer ins Gewebe, schnüren die Blutzufuhr ab und führen im schlimmsten Fall dazu, dass Zehen oder ganze Füße absterben. Dringen zusätzlich Bakterien in die offenen Wunden ein, kommt es zu Entzündungen. Die Folge sind zusätzliche Schmerzen und Schwellungen an den Füßen.1
Neben Verschnürungen durch Müll können aber auch Erkrankungen oder Verletzungen dazu führen, dass Tauben verstümmelte Füße haben. Dazu zählen etwa die Knochenweiche, auch Rachitis genannt, oder Fußsohlengeschwüre (Pododermatitis).
Nahrungssuche mit Tücken
Auffällig ist, dass nicht überall gleich viele Tauben betroffen sind. Der Grund liegt im Verhalten der Tiere. „Ursache an sich ist, dass die Tauben hungrig sind und auf der Straße herumlaufen.“
Vom Taubenhaus Südkreuz e.V. heißt es weiter, dass in großen Städten wie Paris besonders viele Tauben von Verschnürungen betroffen seien. In Berlin hingegen gebe es weniger solcher Fälle. „Ursache dafür ist, dass in vielen Städten ein Fütterungsverbot von Tauben gilt“, so Küchler. In Städten, wie Paris, die ein strenges Fütterungsverbot haben, sind die Vögel wesentlich häufiger gezwungen, stundenlang nach Essbarem auf dem Boden zu suchen und dadurch mit dem gefährlichen Müll in Kontakt kommen.
Doch Gefahren lauern nicht nur am Boden. Auch Vergrämungsmaßnahmen an Gebäuden stellen ein erhebliches Risiko dar. Tauben brüten häufig zwischen angebrachten Spikes, die eigentlich zur Abschreckung dienen sollen. Dabei können sich die Tiere verletzen, etwa wenn sie sich an den Spitzen aufreißen oder verfangen. Besonders Küken sind gefährdet und können durch die Metallspitzen schwer verletzt oder sogar aufgespießt werden. Solche Wunden bleiben oft unbehandelt und können sich entzünden, was im schlimmsten Fall zu dauerhaften Schäden wie verstümmelten Füßen führt.2
Schmerzen und Einschränkungen
„Für die Tiere bedeutet das in erster Linie Schmerzen und Bewegungseinschränkungen“, so Küchler. Manche Tauben können kaum noch laufen, bei anderen sind sogar beide Füße eingeschnürt, was die Fortbewegung immens erschwert. Die Verletzungen haben aber noch weitere gravierende Folgen. Die ohnehin schwierige Nahrungssuche wird dadurch noch zusätzlich erschwert – ein Teufelskreis, der oft tödlich endet.
Während leichte Verschnürungen in der Regel mit einer Nagelschere entfernt werden können, bleibt in schweren Fällen nur der Gang zum Tierarzt. „Manchmal kann man die Fäden einfach abschneiden, wenn die Fäden nicht zu tief in die Füße schneiden und/oder noch nicht lange verschnürt sind. Es kommt aber auch vor, dass Zehenglieder oder ganze Füße bereits abgestorben sind und dann eine Amputation und Medikation von Antibiotikum nötig sind.“ Solche Behandlungen sind nicht nur aufwendig, sondern müssen von Privatpersonen oder Tierschutzvereinen selbst finanziert werden.
Was Menschen tun können
Die gute Nachricht: Ein Teil des Problems lässt sich relativ einfach vermeiden. So gibt das Taubenhaus Südkreuz e.V. an, selbst aufmerksam zu sein. Schnüre, Haare oder Fäden gehören richtig entsorgt und nicht einfach achtlos auf den Boden.
Auch wer eine verletzte Taube entdeckt, kann helfen. „Verschnürte Tauben sollte man selbst versuchen zu sichern oder bei den Facebook-Notfallgruppen zu melden“, erklärt Küchler. Das gilt im Übrigen auch für verletzte und kranke Tauben.
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Das müsste sich in Städten ändern
Langfristig braucht es jedoch strukturelle Lösungen in den Großstädten. Dazu zählt der Ausbau von Taubenhäusern. Dort werden die Vögel regelmäßig gefüttert und medizinisch versorgt. „Wenn sie an Futterstellen oder in betreuten Taubenhäusern täglich versorgt werden, halten sie sich nicht auf dem Boden auf und sitzen erhöht. Somit kommt es auch zu weniger Verschnürungen und eventuell notwendigen Amputationen“, meint Küchler.
Fütterungsverbote sieht das Taubenhaus Südkreuz e.V. kritisch. Wo Tauben nicht versorgt werden, steigt der Druck zur Nahrungssuche und damit das Risiko für Verletzungen. In Städten wie Frankfurt am Main, Hamburg oder Dresden müsste das Verbot in den Städten aufgehoben werden, um verletzte Taubenfüße zu vermeiden.
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Mehr als nur ein Problem der Füße
Verletzte Füße sind nur eines von zahlreichen Problemen, mit denen Stadttauben zu kämpfen haben. Häufig sind sie auch von Brüchen, Unterernährung oder Kollisionen mit Gebäuden betroffen. Jungvögel, die nicht mehr von ihren Elterntieren versorgt werden, stehen im Wettbewerb um Nahrung oft schlechter da als erwachsene Tiere. Gleichzeitig gibt es insgesamt nur wenig Futter, sodass viele von ihnen verhungern.3
Hinzu kommen Krankheiten wie die Paramyxovirose, die zu neurologischen Störungen führt, oder Verletzungen durch direkte menschliche Gewalt. Viele dieser Probleme haben eines gemeinsam: Sie entstehen durch das Leben in einer vom Menschen geprägten Umwelt.