Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für alle Tierbesitzer und -liebhaber
Tauben Alle Themen
Auch vom Deutschen Tierschutzbund

„Tauben verlernen ihre Instinkte“ – Deutsche-Bahn-Plakat sorgt für heftige Kritik

Zwei Taube am Kölner Hauptbahnhof
Tauben verlernen durch Füttern ihre natürlichen Instinkte zur Futtersuche – sagt zumindest die Deutsche Bahn. Der Deutsche Tierschutzbund sieht das anders Foto: Getty Images
Artikel teilen
Porträt Emily Reimann
PETBOOK-Redaktion

28. April 2026, 14:50 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Tauben füttern – ja oder nein? Diese Frage führt nicht nur in kleinen Diskurskreisen zu Grundsatzdiskussionen, sondern bewegt auch die Deutsche Bahn zu Kampagnenplakaten, die bei Tierschützern nur zu mehr Fragezeichen führen. Grund dafür: Laut dem Plakat sollen Tauben durch das Füttern ihre Instinkte verlieren, selbst auf die Futtersuche zu gehen. PETBOOK hat bei der Deutschen Bahn und dem Deutschen Tierschutzbund nachgefragt, was es mit dieser Behauptung auf sich hat.

Die Deutsche Bahn und die Tauben

Für die Deutsche Bahn ist das Thema Tauben vor allem eine Frage von Sauberkeit und Sicherheit an stark frequentierten Orten.

Eine Bahnsprecherin betont auf Anfrage von PETBOOK, es sei dem Unternehmen wichtig, dass sich Gäste am Bahnhof wohlfühlen. Damit Reisende und Bahnhofsbesucher nicht durch Tauben oder Taubenkot belästigt würden, versuche die Deutsche Bahn (DB), die Ausbreitung der Tiere in Bahnhöfen einzudämmen – unter anderem durch intensive Reinigungsmaßnahmen. Dafür wende der Konzern jährlich einen hohen zweistelligen Millionenbetrag auf.

In Bahnhöfen gilt ein klares Futterverbot

Neben der Reinigung setzt das Unternehmen nach eigenen Angaben auf weitere Maßnahmen zur Kontrolle der Population. So nutze man jede tierschutzgerechte Möglichkeit, um die Taubenpopulation in einem vertretbaren Rahmen zu halten. Dazu gehöre auch die Errichtung von Taubenhäusern – allerdings nur, wenn geeignete Flächen vorhanden seien und bestimmte Bedingungen erfüllt würden, etwa ausreichend Abstand zu Oberleitungen.

Außerdem dürften die Einflugschneisen nicht über den Kunden liegen, damit Reisende nicht durch Vogelkot verschmutzt würden. Voraussetzung sei zudem eine regelmäßige und nachhaltige Versorgung der Tiere, etwa durch Tierschutzvereine. Unter diesen Bedingungen könnten Taubenhäuser eine artgerechte Fütterung ermöglichen – im Gegensatz zur Verfütterung von Essensresten durch Reisende.

Gleichzeitig gilt in Bahnhöfen ein klares Fütterungsverbot. Die Deutsche Bahn verweist dabei auf ihre Hausordnung. „Um Tauben nicht anzulocken, ist das Füttern von Vögeln laut Hausordnung in den Bahnhöfen deshalb auch verboten. Denn Bahnhöfe sind durch den Publikumsverkehr und die Gefahren des Eisenbahnverkehrs keine geeigneten Orte für Tauben und insbesondere Jungtiere. Darauf sollen die Plakate die Reisenden unter anderem aufmerksam machen“, so eine Bahnsprecherin.

Umstrittener Kern der Kampagne

Im Zentrum der Kritik steht vor allem die Begründung auf dem Plakat: die Behauptung, Tauben würden durch Fütterung ihre Instinkte verlieren.

„Der Text der Plakate und verlinkten Webseite stützt sich auf Haag-Wackernagel, Murton, Hudec sowie Gespräche mit vogelkundigen Personen, z. B. Taubenzüchtern“, teilt die Deutsche Bahn PETBOOK mit. Nach Angaben einer Bahnsprecherin kämen Wissenschaft und allgemeine Fachmeinung zu dem Ergebnis, dass Tauben durch Zufüttern ihre eigenen Instinkte verlernten. „Dies lasse sich an den unterschiedlichen Verhaltensweisen der Stadttauben in Stadtbereichen mit unterschiedlichem Fütterungsverhalten ablesen. Zudem wird festgestellt, dass das stetig steigende Zufüttern die Populationssteigerung überhaupt erst verursache“, führt die Deutsche Bahn weiter aus.

Unstrittig ist zwar, dass Fütterung das Verhalten von Stadttauben beeinflussen kann – etwa indem sie sich verstärkt an bestimmten Orten aufhalten. Ob sie dadurch jedoch ihre grundlegenden Instinkte zur Nahrungssuche verlieren, ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt.

Tierschutzbund widerspricht deutlich

Genau an diesem Punkt setzt die Kritik des Deutschen Tierschutzbundes an. Auf die Frage, ob die Darstellung dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand entspricht, antwortet der Verband klar: „Uns sind keine Studien an Stadttauben bekannt, die diese Aussage stützen.“

Auch inhaltlich weist der Deutsche Tierschutzbund die Schlussfolgerung zurück:
„Tauben suchen instinktiv Nahrung, aus reinem Überlebenstrieb. Insofern halten wir diese Schlussfolgerung mindestens für fragwürdig. Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass Stadttauben, die gefüttert wurden, nach Einführung von Fütterungsverboten umgehend sterben würden.“ Das sei laut dem Deutschen Tierschutzbund nicht der Fall: „Die Tiere suchen dann weiterhin (ungeeignetes) Futter auf der Straße in Form von Abfällen und Essensresten.“

Mit anderen Worten: Der Instinkt zur Nahrungssuche bleibt bestehen – nur die Qualität der Nahrung verschlechtert sich.

Füttern ist nicht gleich Füttern

Grundsätzlich lehnt der Tierschutzbund das Füttern von Tauben jedoch nicht pauschal ab – differenziert aber deutlich: „Die vielfach noch in Kraft befindlichen Fütterungsverbote für Stadttauben in vielen Städten Deutschlands erachten wir aus Tierschutzsicht als nicht mehr zeitgemäß.“

Der Deutsche Tierschutzbund betont weiter: „Wir können zwar das unkontrollierte Füttern von Stadttauben nicht generell befürworten, da oft kein artgerechtes Futter verwendet wird (und eine unregelmäßige Fütterung weitere Probleme nach sich zieht) und unkoordinierte Wildfütterungen die Arbeit von Tierschützer*innen erschweren können, wenn diese beispielsweise versuchen, die Tiere an einen (neuen) Taubenschlag oder einen anderen, genehmigten Fütterungsplatz zu gewöhnen). Allerdings ist ein Fütterungsverbot ohne das Angebot tierschutzgerechter Alternativen nicht effektiv und nachhaltig, um die Population von Stadttauben zu kontrollieren.“

Das Problem sei also weniger das Füttern an sich – sondern wie und womit gefüttert wird.

Verlagerung statt Lösung?

Nach Einschätzung des Tierschutzbundes kann ein reines Fütterungsverbot das Problem sogar verschärfen: „Ein Verhungern oder Aushungern von Stadttauben ist tierschutzrelevant und führt zu erheblichem Leiden der Tiere.“

Der Deutsche Tierschutzbund erklärt, bei unzureichendem Nahrungsangebot litten adulte Tiere unter Abmagerung und Schwäche infolge nicht artgerechter Nahrungsaufnahme. Der schlechte Ernährungs- und Allgemeinzustand begünstige zudem eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit.

Durch ein Fütterungsverbot seien die Tiere überdies gezwungen, verstärkt auf der Straße nach Nahrungsabfällen zu suchen und sammelten sich dadurch vermehrt an öffentlichen Plätzen und vor Gastronomiebetrieben.

Mehr zum Thema

Was langfristig helfen soll

Als nachhaltige Lösung nennt der Deutsche Tierschutzbund vor allem betreute Taubenprojekte: „Auf langfristige Sicht ist die Etablierung von betreuten Taubenhäusern, -türmen und -schlägen die einzige nachhaltige und tierschutzgerechte Möglichkeit dafür, dass Stadttauben und Menschen in den Städten friedlich koexistieren können.“

Diese sollen mehrere Probleme gleichzeitig lösen. Der Deutsche Tierschutzbund erklärt, durch die Bindung der standorttreuen Tauben an einen Unterschlupf, die Fütterung im Schlag mit artgerechtem Futter sowie den Eieraustausch mit Gipspräparaten lasse sich die Anzahl der Tiere an den Brennpunkten der Städte reduzieren beziehungsweise auf einem tolerablen Niveau halten.

Zentrale Begründung bleibt umstritten

Die Deutsche Bahn verfolgt mit ihrer Kampagne nachvollziehbare Ziele: weniger Verschmutzung, mehr Aufenthaltsqualität und eine kontrollierte Taubenpopulation an stark frequentierten Orten.

Doch ausgerechnet die zentrale Begründung des Plakats – dass Tauben durch Fütterung ihre Instinkte verlieren – ist wissenschaftlich nicht belegt und wird vom Deutschen Tierschutzbund klar zurückgewiesen.

Einigkeit besteht lediglich darin, dass unkontrolliertes Füttern mit Essensresten problematisch ist. Wie eine nachhaltige Lösung im Umgang mit Stadttauben aussehen sollte, bleibt hingegen umstritten.

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.