4. Februar 2026, 11:02 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Stadttauben sind weder „Ratten der Lüfte“ noch Wildtiere, sondern verwahrloste Haustiere und auf menschliche Hilfe angewiesen. Trotzdem ist es vielerorts verboten, Tauben zu füttern. PETBOOK-Redakteurin und Biologin Saskia Schneider erklärt, warum das rechtlich und biologisch problematisch ist, welche Mythen über Tauben nicht stimmen – und wie wir den Vögeln wirklich helfen können.
Darf man Tauben füttern?
Kaum ein Stadttier polarisiert so sehr wie die Taube. Für die einen sind sie ein Ärgernis, für andere schutzbedürftige Tiere. Und irgendwo dazwischen steht die Frage: Darf man Tauben überhaupt füttern?
Eine bundesweit einheitliche Regelung gibt es nicht. Stattdessen entscheiden Städte und Gemeinden selbst, ob das Füttern von Tauben erlaubt ist oder nicht. In vielen Kommunen gilt ein Verbot – teils mit empfindlichen Bußgeldern. In Hamburg, Stuttgart oder Braunschweig können bei wiederholten Verstößen bis zu 5000 Euro fällig werden, in anderen Städten deutlich weniger. Auch Vermieter dürfen das Taubenfüttern auf Balkon oder Fensterbank untersagen, wenn dies im Mietvertrag festgelegt ist.1
Rechtlich ist die Lage allerdings weniger eindeutig als viele denken. Mehrere Gutachten – unter anderem im Auftrag der ehemaligen Berliner Landestierschutzbeauftragten – kommen zu einem für manche überraschenden Ergebnis: Stadttauben sind keine Wildtiere, sondern verwahrloste Haustiere. Pauschale Fütterungsverbote stehen damit im Widerspruch zum Tierschutzgesetz. Die Diskussion ist also längst nicht abgeschlossen. 2
Das droht, wenn man Tauben füttert
Wer trotz kommunalen Verbots Tauben füttert, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Das kann – je nach Stadt und Häufigkeit – mit einem Verwarngeld oder einem hohen Bußgeld enden. Auch Konflikte mit Nachbarn sind vorprogrammiert, wenn sich Tauben dauerhaft an einem Ort niederlassen.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Unkontrolliertes Füttern schadet den Tieren oft mehr, als es ihnen hilft. Vor allem Brot, Essensreste oder ungeeignetes Vogelfutter führen zu Mangelernährung, Krankheiten und dem berüchtigten dünnflüssigen „Hungerkot“. Genau dieser Kot ist es, der Tauben ihren schlechten Ruf eingebracht hat.3
Warum sollte man Tauben trotzdem füttern?
So widersprüchlich es klingt: Stadttauben sind auf menschliche Unterstützung angewiesen. Denn sie sind ein menschengemachtes Problem. Stadttauben stammen von Haus- und Brieftauben ab. Über Jahrtausende wurden sie gezüchtet, genutzt – und später sich selbst überlassen. Ihr extrem starker Bruttrieb ist angezüchtet. Das bedeutet: Tauben brüten selbst dann weiter, wenn kaum Nahrung vorhanden ist. Fütterungsverbote führen deshalb nicht zu weniger Tauben, sondern zu mehr Leid. 4, 5
Studien zeigen, wie dramatisch die Folgen sind: Mangelernährte Stadttauben werden oft nur zwei bis drei Jahre alt. Unter guten Bedingungen könnten sie zwölf bis 15 Jahre leben. Fütterungsverbote lassen Populationen nicht schrumpfen – sie sorgen dafür, dass Tiere langsam verhungern.6
Womit sollte man Tauben füttern?
Falls gefüttert wird, dann bitte richtig. Brot ist tabu. Es quillt im Kropf auf, macht Tauben krank und verschärft das Kotproblem.
Artgerecht sind:
- Körner und Samen
- Hülsenfrüchte wie Erbsen oder Linsen
- Maisbruch, Weizen
- spezielle Taubenfuttermischungen
- Grit zur Mineralstoffversorgung
Wichtig: Nur so viel ausstreuen, wie die Tiere sofort fressen. Futterreste sollten wieder entfernt werden. Noch besser ist es, das Füttern nicht privat zu übernehmen, sondern betreute Taubenschläge zu unterstützen.7
Tauben machen Dreck? Nicht, wenn sie satt sind
Einer der hartnäckigsten Mythen lautet: Taubenkot zerstört Gebäude. Doch das stimmt so nicht. Untersuchungen der TU Darmstadt zeigen, dass Taubenkot kaum materialschädigend ist – deutlich weniger als Abgase oder saurer Regen.
Was viele als besonders störend empfinden, ist der flüssige, helle Kot. Dabei handelt es sich meist eben um Hungerkot – ein Zeichen von Fehlernährung. Er entsteht, wenn Tauben sich von Essensresten ernähren müssen. Bekommen sie artgerechtes Futter, ist der Kot fester, geringer in der Menge und leichter zu entfernen.7, 8
In betreuten Taubenschlägen fällt der Großteil des Kots zudem gesammelt an – nicht auf Fensterbänken oder Denkmälern.
Können Tauben Krankheiten übertragen?
Tauben gelten hartnäckig als „Ratten der Lüfte“. Doch dieses Image hält einer wissenschaftlichen Prüfung nicht stand. Die meisten Krankheitserreger, die bei Tauben vorkommen, sind wirtsspezifisch und für Menschen harmlos. Bewertungen von Behörden wie dem Robert-Koch-Institut zeigen: Das Infektionsrisiko durch Tauben ist nicht höher als bei anderen Vögeln oder Haustieren. Für gesunde Menschen besteht praktisch keine Gefahr.8
Wie bei allen Tieren gilt: Kot nicht anfassen, Hände waschen, Abstand halten. Panik ist unnötig.
Was kann man sonst für Tauben tun?
Der nachhaltigste und tierschutzgerechteste Weg ist ein durchdachtes Stadttaubenmanagement. Dazu gehören betreute Taubenschläge, in denen Tauben:
- artgerecht gefüttert werden
- medizinisch versorgt sind
- ihre Eier gegen Attrappen ausgetauscht werden
So lässt sich die Population langfristig und ohne Leid reduzieren. Städte wie Augsburg oder Berlin zeigen, dass dieses Konzept funktioniert – für Mensch und Tier. 9
Auch Aufklärung ist wichtig. Viele Vorurteile halten sich nur, weil Wissen fehlt.
Limburg beschließt, Tauben töten zu lassen – Tierschützer entsetzt
Vom tierfreundlichen Umgang mit Stadttauben
Taube gefunden? Hier gibt es Hilfe
Nicht jede Taube, die ruhig am Boden sitzt, ist hilflos. Wirkt ein Tier jedoch verletzt, apathisch oder blutet, sollte man handeln. Merken Sie sich den Fundort und wenden Sie sich an einen örtlichen Tierschutz- oder Stadttaubenverein.
Eine Aufstellung aller Vereine, Taubenhilfen und Gruppen, die sich in Deutschland für Stadttauben einsetzen oder Tauben im Notfall aufnehmen, findet man beim Stadttaubenprojekt Rhein-Neckar e. V.
Muss die Taube gesichert werden, setzen Sie sie vorsichtig mit einem Tuch in einen Karton mit Luftlöchern und bringen Sie sie zu einer vogelkundigen Tierarztpraxis oder Pflegestelle. Wichtig: Tauben haben oft feste Partner und Nester – deshalb sollte das Tier möglichst wieder an den Fundort zurückgebracht werden.
Fazit
Stadttauben sind keine Plage, sondern unsere ehemaligen Haustiere. Ihr Leid ist menschengemacht – und damit auch unsere Verantwortung. Pauschale Fütterungsverbote lösen kein Problem, sondern verschärfen es. Entscheidend ist nicht, ob geholfen wird, sondern wie.
Wer Tauben mit Wissen, Respekt und Augenmaß begegnet, schützt Tiere, entlastet Städte und räumt ganz nebenbei mit einem der größten und problematischsten Tiermythen unserer Zeit auf.