7. August 2025, 16:40 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Wenn sich Kakadus zur Musik wiegen, steckt offenbar mehr dahinter als bloßer Instinkt. Eine Studie geht diesem Verhalten auf den Grund und untersucht, was bei Kakadus tatsächlich Tanzen auslösen kann. Denn die Vögel zeigen dabei sogar bis zu 30 verschiedene „Moves“, von denen viele zuvor nicht beobachtet wurden. Warum sie das tun und ob Musik dafür überhaupt notwendig ist, wirft weitere spannende Fragen auf.
Kakadus überraschen mit 30 verschiedenen Tanzbewegungen
Ein Kakadu, der rhythmisch headbangt oder auf einem Ast seitlich hin und her marschiert – diese Szenen sind nicht nur virale Internet-Hits, sondern auch wissenschaftlich hochinteressant. Bereits zuvor wurden Fälle dokumentiert, in denen Papageien scheinbar im Takt zur Musik tanzten, doch scheinbar sind menschengemachte Rhythmen gar nicht nötig dafür. Immer mehr Untersuchungen legen zudem nahe, dass die bunten Vögel auch nicht nur für Weibchen tanzen.
Wie weit das Tanzverhalten bei Kakadus ging, konnte man bislang nur mutmaßen. Untersuchungen an Einzelvögeln wie dem berühmten Kakadu Snowball zeigten bereits spontane rhythmische Bewegungen wie Kopfnicken oder Fußstampfen. Auch aus der freien Wildbahn kennt man komplexe Balzverhalten, die rhythmischen Mustern folgen – etwa beim Palmenkakadu, der mit seinem eigenen Beat trommelnd Weibchen anlockt.
Doch Kakadus tanzen auch gern allein oder mit ihrer menschlichen Bezugsperson. Eine Hypothese dazu ist, dass Tanzverhalten mit der Fähigkeit zur Imitation und zum rhythmischen Entrainment (Anpassung an externe Rhythmen) zusammenhängt. Beides sind Merkmale von Arten mit hoher vokaler Lernfähigkeit.
Gleichzeitig könnten Tanzbewegungen ein Anzeichen für positives Wohlbefinden sein. Hier setzt die Studie an: mit dem Ziel, Tanzverhalten systematisch zu erfassen, zu verstehen und seinen möglichen Nutzen als Umweltanreicherung zu prüfen. Die Frage lautet: Ist Tanz bei Papageien ein Ausdruck von Lebensfreude – oder bloß ein missverstandenes Verhalten?
Kakadus tanzen sogar zu Podcasts
Wissenschaftler von der Charles Sturt University (Australien) und der University of Bristol (UK) haben gemeinsam 45 Clips untersucht. Sie analysierten die „Moves“ von verschiedenen Goffinkakadus, Gelbhaubenkakadus und Weißhaubenkakadus. Die Studie, veröffentlicht am 6. August 2025 in „Plos One“ unter der Leitung von Natasha Lubke umfasst auch ein Playback-Experiment mit Zoo-Vögeln Wagga Wagga Zoo & Aviary.
Für die Analyse wurden nur Videos berücksichtigt, in denen Musik eindeutig während der Aufnahme gespielt wurde und in denen die Vögel mindestens zwei verschiedene Bewegungen zeigten. Anhand dieser Clips entwickelten die Wissenschaftler ein detailliertes Verhaltensinventar („Ethogramm“) mit 30 klar definierten Tanzbewegungen, davon 17 bisher nicht dokumentiert. Ebenfalls beschrieben wurden viele weitere „seltene“ Bewegungen, die nur einzelne Individuen zeigten.
Im zweiten Teil durften sechs Kakadus der verschiedenen Arten zeigen, was sie aufs Parkett bringen. Die Tiere wurden in Paaren jeweils drei Reizen ausgesetzt: Musik (ein Song mit 126 BPM), einem gesprochenen Podcast und Stille. Die Verhaltensreaktionen wurden per Videoaufzeichnung dokumentiert und analysiert. Das Experiment wurde von der Ethikkommission der Charles Sturt University genehmigt.
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Im Video-Teil der Studie waren die am häufigsten gezeigten Bewegungen „Downward“ (Kopf nach unten senken, 50 Prozent der Vögel) und „Sidestep“ (Seitwärtsschritt, 43 Prozent). Im Playback-Experiment zeigten alle sechs Zoo-Kakadus Tanzbewegungen – unabhängig davon, ob sie Musik, Sprache oder Stille hörten. Auffällig war, dass das Tanzverhalten sowohl zwischen den Arten als auch zwischen einzelnen Tieren stark variierte. Selbst eng verwandte Arten entwickelten offenbar eigene „Top Ten“ bevorzugter Bewegungsformen. Einige Tiere kombinierten mehrere Bewegungen zu ganz individuellen Choreografien.
Viele der dokumentierten Bewegungen erinnerten stark an typische Balztänze, wie sie auch bei wildlebenden Papageienarten beobachtet werden. Allerdings haben viele Kakadus ihr ganzes Leben bei Menschen verbracht. So können sie sich das Tanzen weder bei Artgenossen abgeschaut noch direkt von ihren Besitzern gelernt haben. Die Forscher vermuten daher, dass der Tanz aus inneren Impulsen entsteht. Also ein eigenständiges Verhaltensmuster, das ursprünglich aus dem Balzverhalten stammt, sich aber in Heimtierhaltung verändert hat.
Gleichzeitig liegt die Ähnlichkeit vieler Bewegungen vermutlich auch in der natürlichen Kommunikation der Tiere begründet. Kreisende Bewegungen, rhythmisches Wippen und das Plustern des Gefieders spielen auch in der freien Wildbahn eine Rolle, eben vor allem während der Balz. Deshalb liegt für das Forschungsteam nahe: Der Tanz der Kakadus in Gefangenschaft könnte eine Form verhaltensbiologischer Übertragung sein, mit der die Tiere versuchen, mit Menschen in Kontakt zu treten.
Haben Kakadus den Rhythmus einfach im Blut?
Die Studie liefert starke Hinweise darauf, dass Tanzverhalten bei den Vögeln ein weitverbreitetes, nicht ausschließlich balzbezogenes Verhalten ist. Da Kakadus auch ohne Musik tanzten, ist davon auszugehen, dass sie dazu nicht zwingend rhythmische Reize brauchten. Das spricht dafür, dass es sich um eine Form des sozialen Spiels oder der Selbststimulation handelt – möglicherweise mit positiver Wirkung auf das Wohlbefinden.
Gleichzeitig deutet die Vielzahl der Bewegungsmuster und individuellen Varianten auf komplexe kognitive Fähigkeiten hin, darunter Imitation, Kreativität und motorisches Lernen. Die Tatsache, dass sich Tanzmuster nicht bei Kakadus derselben Art decken, deutet auf andere Einflussfaktoren wie Haltung, Erfahrung oder individuelle Präferenzen hin.
Weitere Untersuchungen müssen nun klären, ob es sich dabei um stereotypes Verhalten handelt – also repetitive, funktionslose Bewegungsmuster, die bei Tieren in Gefangenschaft auftreten können. Die Bewegungsvielfalt spricht jedoch eher gegen diese Interpretation, sondern eher dafür, dass Kakadus Tanz nutzen, um ihr Wohlbefinden zu steigern.
Allerdings stehen abschließende Bewertungen zur Ursache und Funktion des Tanzverhaltens noch aus. Wenn sich bestätigt, dass es zum Spielverhalten zählt, könnte es eine Bereicherung für die Haltung darstellen, den Tieren gelegentlich „eine Bühne zu bieten“. 1