28. Oktober 2025, 13:42 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Was im ersten Moment skurril klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ernstzunehmendes Tierschutzproblem: Immer wieder berichten Spaziergänger davon, wie sie am Wegesrand oder auf dem Deich Schafe in einer ernsthaften Notlage entdeckten, und durch einen beherzten Schubser retteten. Warum solche Situationen überhaupt entstehen und was hinter dem Phänomen steckt, erklärt dieser PETBOOK-Artikel.
Wenn das eigene Fell zur Gefahr wird
Was zunächst wie ein skurriler Küstenbrauch klingt, hat einen ernsten Hintergrund. Denn so robust Schafe auch wirken, sie geraten immer wieder in eine lebensbedrohliche Lage: Einige Schafe – insbesondere trächtige Tiere oder Rassen mit kurzen Beinen – kippen auf den Rücken und können sich nicht mehr selbst aufrichten. In solchen Fällen zählt jede Minute. Deshalb ruft der Niedersächsische Landesbauernverband immer wieder zur Mithilfe auf: „Schafe schubsen“ sei ausdrücklich erwünscht. 1
Vor allem in den wärmeren Monaten tragen viele Schafe ein besonders dichtes, schweres Vlies. Dieses starke Haarwachstum ist das Ergebnis gezielter Zucht – mit gravierenden Folgen für die Tiere. Wird es feucht oder warm, beginnt die Haut unter der Wolle schnell zu jucken. Um sich zu kratzen, wälzen sich Schafe auf dem Boden. Doch nicht alle Tiere kommen danach wieder selbstständig auf die Beine.
So passiert es, dass besonders Schafe mit stark ausgeprägtem Körperbau oft hilflos auf dem Rücken liegen bleiben. In dieser Lage droht ihnen ein schneller Tod: Im Verdauungssystem – konkret im Pansen – sammeln sich Gase, die das Tier innerhalb kurzer Zeit qualvoll verenden lassen, wenn keine Hilfe kommt.
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Qualzucht statt Natur – das Problem ist menschengemacht
Viele heutige Schafrassen sind das Ergebnis extremer Zuchtmaßnahmen. Um möglichst viel Wolle und Fleisch zu gewinnen, wurde dem einst wild lebenden Mufflon der natürliche Fellwechsel aberzogen. Das Fell wächst also unaufhörlich weiter – ein Prozess, der mit der natürlichen Anatomie des Tieres längst nicht mehr vereinbar ist.
Die sogenannten Wollschafe können ihr Fell also nicht mehr selbst wechseln. Vor allem in den Sommermonaten führt die schwere Wolle zu starkem Juckreiz, sodass sich einige Tiere auf den Rücken werfen, um sich zu kratzen.
Neben dem Fell behindern weitere körperliche Merkmale die Beweglichkeit. Besonders bei den für ihr Fleisch gehaltenen Rassen wurde gezielt ein breiterer Rumpf gezüchtet. Der breite Körperbau in Verbindung mit kurzen Beinen erschwert das Aufstehen enorm. Schafe, die auf dem Rücken liegen, sind also komplett auf menschliche Hilfe – in Form von einem kräftigen Schubsen – angewiesen.
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So schubsen sie Schafe sicher und stressarm
Mit der richtigen Technik kann jeder Spaziergänger schnell und stressarm helfen. Wichtig ist dabei ein ruhiges und sicheres Vorgehen, das das Tier nicht zusätzlich in Panik versetzt. Zunächst sollte man es kurz aus der Distanz beobachten und dann in ruhigem Tempo auf das Tier zugehen – idealerweise von der Seite. Dies wirkt für das Tier am wenigsten bedrohlich. Denn Schafe sind Fluchttiere mit einem weiten Gesichtsfeld, das hauptsächlich zur Seite und nach hinten reicht. Direktes Herantreten von vorn oder hinten können sie nicht direkt sehen und überrascht die hilflosen Tiere.
Anschließend fassen Sie das Schaf vorsichtig am Fell – nicht an Beinen oder Kopf ziehen! Am effektivsten helfen Sie, indem Sie dem Schaf an der Hinterhand einen kräftigen, aber kontrollierten Schubser geben. Das bringt den Körper in Bewegung, sodass das Tier in eine Seitenlage rollen kann. Unterstützen Sie den Bewegungsablauf ruhig mit etwas Kraft über die Hände, indem Sie dem Schaf beim Rollen helfen, bis es wieder auf den Beinen steht.
Sobald das Schaf steht oder wegläuft, halten Sie Abstand. Streicheln oder Nachlaufen wäre für das Tier wiederum Stress. Geben Sie ihm Zeit, sich zu beruhigen. Wenn das Tier sich auch nach dem Aufrichten nicht normal verhält oder weiterhin liegt, wenden Sie sich an die zuständigen Schäfer oder die nächste Tierschutzstelle. Häufig sind auf Weidezäunen oder Informationstafeln Kontaktdaten angebracht.
Tierschutz, aber kein Artenschutz
Die Aufforderung zum Schubsen von Schafen ist aus tierschutzrechtlicher Sicht sinnvoll und richtig. Doch wie in der Pressemitteilung der Halter auch betont wird, hat das Ganze nichts mit dem „Schutz der Spezies“ zu tun. Denn anders als Wildtiere wie Wildbienen oder Wiesenvögel sind Nutztierrassen nicht vom Aussterben bedroht – sie werden so lange weitergezüchtet, wie der Mensch Fleisch, Wolle oder Milch daraus gewinnt.
Durch die permanente Fellproduktion sind Schafe zwingend auf regelmäßige Schur angewiesen. Doch auch das birgt Risiken: Wird zu früh geschoren, kann ein plötzlicher Kälteeinbruch zum Tod durch Unterkühlung führen. Bleibt das Fell hingegen zu lange, drohen bei sommerlicher Hitze lebensgefährliche Hitzeschläge. Hinzu kommt, dass die Schur für das Fluchttier Schaf mit extremem Stress verbunden ist – eine Situation ohne echten Ausweg für die Tiere.
Das idyllische Bild friedlich grasender Schafe auf dem Deich darf nicht darüber hinwegtäuschen: Diese Tiere wurden gezielt so gezüchtet, dass sie dem Menschen nutzen. Wer ein Schaf wieder aufrichtet, hilft dem einzelnen Tier – verändert aber nichts an den Grundbedingungen. Denn das gerettete Tier bleibt weiterhin Teil eines Systems, das seine Verwertung vorsieht.
Wer Schafen nachhaltig helfen möchte, der kann das System der Überzüchtung nur durch konsequenten Verzicht auf durch sie gewonnene Produkte durchbrechen. Auch abseits von Fleisch und Milch gibt es mittlerweile zahlreiche Alternativen zu Schafwolle – und das ganz ohne Tierleid. Viele dieser Produkte sind nicht nur hochwertig, sondern auch angenehm zu tragen – und kratzen nicht einmal. 2