6. Juni 2025, 15:02 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Sie sind für ihre ausufernden Hinterteile bekannt und sorgen auch mit ihrem Namen für ein Schmunzeln: Fettschwanzschafe. Doch was genau sind Fettschwanz- und Fettsteißschafe, wie unterscheiden sie sich, wo kommen sie her und was macht sie besonders?
Auf Instagram und TikTok sorgen Fettschwanzschafe derzeit für Erheiterung und zahlreiche Likes. Und auch in manchen Kreuzworträtseln tauchen sie als Frage auf: Fettsteiß- und Fettschwanzschafe. Doch während sie wegen ihrer teils ausladenden Hinterteile in der digitalen Welt eher vorgeführt werden, sind die Tiere in den oft kargen Regionen ihrer Heimatländer ein wichtiger Lieferant für Fleisch und Fett. Zudem ist die Wolle bestimmter Arten der Rohstoff für ein weltbekanntes Handelsgut: Teppiche. Doch das zusätzliche Pölsterchen am Po dient natürlich einem anderen, viel wichtigerem Zweck für die in der Wüste beheimateten Tiere.
Der Name kommt nicht von irgendwo
Fettschwanz- und Fettsteißschafe sind eng miteinander verwandt. Exakt trennen lassen sich die beiden Gruppen nicht, es gibt zahlreiche Übergangsformen. Fettschwanz- und Fettsteißschafe sind daher auch keine einzelne Art, sondern vielmehr die Bezeichnung für eine bestimmte Gruppe von Hausschafen, die aus verschiedenen Arten besteht. Dazu gehören unter anderem Karakulschafe, Mongolenschafe und Somalie- beziehungsweise Hissarschafe ebenso wie kasachische Fettschwanzschafe.
Die kuriose Bezeichnung Fettschwanzschaf verdanken die Tiere ihrer wichtigsten Eigenschaft: Ähnlich wie Trampeltiere und Dromedare Fett in ihren Höckern speichern können, speichern die Schafe Fett in ihren Schwänzen oder eben der Steißregion. Je nach Größe und Unterart können die Tiere bis zu zehn, mitunter auch 15 Kilogramm Fett im Unterhautgewebe ihres Schwanzes speichern. Die auch in Deutschland bekannten Karakulschafe speichern meist bis zu zehn Kilogramm Fett. Die Formen der Fetteinlagerungen unterscheiden sich mitunter deutlich, können aber bis zu einem Sechstel des Gesamtkörpergewichts eines Tiers ausmachen.
Der antike griechische Geschichtsschreiber Herodot (490/480 bis 430/420 v. Chr.) etwa erwähnt in einem Bericht über die einstige Region Arabien Schafe mit derart ausladenden Schwänzen („manchmal sogar eine Elle breit“), dass sie sich angeblich nur mithilfe fahrbarer Gestelle fortbewegen konnten. Darauf zogen sie ihre schweren Schwänze hinter sich her, damit diese nicht über den Boden schleifen, wo sie sich entzündeten. Die hölzernen Gestelle hatten Hirten extra für ihre Tiere gebaut, so Herodot.
Älteste Nutztierrasse der Welt
Ursprünglich stammen Fettschwanzschafe aus dem arabischen Raum beziehungsweise Vorderasien. Ganz genau datieren und bestimmen lässt sich die Herkunft der Tiere nicht. Fest steht aber: Die Schafe sind keine natürliche Mutation, sondern wurden gezielt gezüchtet. In den Regionen lebende Hirtenvölker bemerkten offenbar schon früh die Neigung einiger Schafe, in besonderem Maß Fett einzulagern und züchteten daher bevorzugt mit diesen Tieren. Ihr Ziel war, Schafe zu erhalten, die einerseits mit knapper und magerer Nahrung zurechtkommen, andererseits aber Gewicht zulegen und Fett speichern. Denn sowohl das Fleisch als auch die Wolle und das Fett der Tiere sollten und mussten in kargen Zeiten verwertet werden. Das Fett diente nicht nur selbst als Nahrungsmittel, sondern wurde auch zur Zubereitung von Fleisch eingesetzt.
Zudem gelten Fettschwanzschafe als ergiebige Milchlieferanten. Funde aus Mesopotamien, vor allem nahe des Euphrat, belegen, dass solche Schafe, die unter anderem der Rasse Karakul zuzuordnen sind, bereits rund 4500 Jahre vor Christus in der Region als Hausschafe gehalten wurden. Somit gehört das Karakulschaf zu den ältesten Nutztierrassen der Welt. In Usbekistan, der Mongolei, in Kasachstan, Pakistan, aber auch in Afghanistan und Namibia, Russland und ehemaligen Sowjetrepubliken, Tunesien und der Türkei gehören Fettschwanzschafe wie die der Rasse Karakul noch heute zu häufig gehaltenen Nutztieren. Und immer noch werden diese Schafe zur Fleisch- und Milchherstellung sowie als Wolllieferanten, etwa für Teppiche, genutzt.
Rund ein Viertel aller weltweit gehaltenen Schafe sind Fettschwanzschafe. Das Schwanzfett der Tiere gilt in den Herkunftsländern auch heute noch als wertvolles Nahrungsmittel. Traditionelle Gerichte etwa aus der persischen und usbekischen Küche werden häufig mit dem Fett der Schafe zubereitet. Unter anderem wird es wie Speck genutzt und auf Fleischspieße gesteckt oder geschmolzen über fertige Gerichte geträufelt. In einigen Regionen des Libanon wird das Fett mit Gewürzen und Kräutern ausgelassen. Das Fleisch der Tiere gilt als hochwertig, die Milch als nahrhaft.1
Die „schwarze Rose“ aus Usbekistan
Ihre Beliebtheit verdanken Fettschwanzschafe ihrem Ruf als genügsame und widerstandsfähige Tiere, die hervorragend an das Leben in kargen Steppen angepasst sind. Sie ernähren sich überwiegend von Gräsern und Kräutern, im Herbst und Winter fressen sie bodennah wachsende Sträucher und Laub. Weil die Tiere ihr Fett in den oberen Teilen ihrer Schwänze einlagern, können sie zudem längere Zeiten bei Nahrungsknappheit überstehen als andere Schaf- und Nutztierarten.
Männliche Karakulschafe, Widder genannt, erreichen eine Widerristhöhe von etwa 70 Zentimetern und bringen meist zwischen etwa 50 bis 80 Kilogramm auf die Waage. Weibchen sind wenige Zentimeter kleiner und wiegen in der Regel bis etwa 60 Kilogramm. Karakulschafe haben oft einen schwarzen Kopf, schwarze, lange Schlappohren und schwarze Beine. Die Wolle ist meist grau, kann aber auch verschiedene Brauntöne aufweisen. Sie ist bei erwachsenen Tieren eher borstig und fest und kaum als Strickwolle geeignet. Meist wird sie daher für die Filzproduktion oder Teppiche verwendet.
Männliche Karakuls tragen oft Hörner, weibliche sind überwiegend hornlos oder haben lediglich kleine Hornstummel. Die Lämmer werden meist mit schwarzem oder dunkelbraunem Fell geboren. Aber auch hellere Farben wie rosa und weiß kommen vor. Vom speziell gelockten Fell der neugeborenen Lämmer soll das Karakul auch seinen Namen erhalten haben: Der Begriff Karakul leitet sich demnach vom assyrischen Wort „Kara-gjull“ ab, was „schwarze Rose“ bedeuten soll.2
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Lämmer sterben für Jacken und Mützen
Eben jene Lämmer der Karakulschafe sind zudem die Lieferanten der bis heute als „Persianer“ bekannten Pelze. Den Namen haben die Pelze einst von ihren Haupt-Umschlagplätzen im persischen Raum erhalten. Die charakteristisch gelockte, zart-weiche Wolle gilt auch heute noch als besonders hochwertig. Nachdem das Tragen von Pelzen zumindest in Mitteleuropa jahrelang verpönt war, erlebt der Handel mit dem teuren Fell inzwischen wieder einen Aufschwung.
Wer sich allerdings in einen Persianer kleiden möchte, sollte wissen: Die neugeborenen Lämmer der Karakulschafe geben für Jacken, Mützen und Muffs nicht bloß ihre Wolle, sondern ihr Leben – und das der Mutter oftmals noch dazu. Denn das lockige Baby-Fell, das als Persianer bezeichnet wird, ist nicht etwa geschorene Wolle oder entsteht als „Nebenprodukt“, wenn die Tiere zur Herstellung von Nahrungsmitteln wie Fleisch und Fett geschlachtet werden. Die Gewinnung des Persianer genannten Rohstoffs ist ein grausamer Akt, wie unter anderem die Tierrechtsorganisation Peta bereits 2018 beschrieb. Da sich schon drei Tage nach der Geburt das anfangs gelockte Haarkleid des Karakul-Nachwuchses glättet, müssen die Tiere möglichst schnell ihr Leben lassen. Also werden Lämmer, deren Fell für die Modeindustrie eingesetzt werden soll, kurz nach der Geburt getötet.
Als noch „schöner“ und wertvoller gilt jedoch das Fell von tot geborenen Lämmern. Allerdings werden vergleichsweise wenige Tiere aufgrund natürlicher Ursachen tot geboren. Daher gebe es Züchter, die laut Peta zu drastischen Methoden greifen, um an den wertvollen Rohstoff zu gelangen: Trächtigen Schafen werde der Nachwuchs aus dem Mutterleib herausgeschnitten, berichtete Peta in einem Blog-Eintrag. Demnach bringe eine Karakul-Mutter meist drei Lämmer zur Welt und werde bei der Entnahme des vierten, ungeborenen Lamms geschlachtet. Zahlen aus dem Jahr 2018 zufolge wurden laut Peta seinerzeit jährlich bis zu vier Millionen Karakullämmer allein wegen ihres Felles getötet.3
Deutsches Karakul ist bedrohte Art
Vor allem wegen der begehrten Lämmerfelle kamen Anfang des 20. Jahrhunderts erste Karakulschafe aus Usbekistan nach Deutschland. Die Universität Halle/Saale importierte im Jahr 1903 rund 60 Karakulschafe zu Zuchtzwecken. Bis 1936 entstand aus dieser Zucht ein Bestand aus rund 10 000 Tieren – das Deutsche Karakul. 1907 ließ ein Leipziger Pelzhändler erstmals Tiere dieser Züchtungen in die damalige deutsche Kolonie Südwest-Afrika, heute Namibia, bringen. Daraus entwickelte sich ebenfalls eine eigene Linie, Swakara genannte Karakulschafe.
Ende der 1960er-Jahre stammten rund 40 Prozent der weltweit gehandelten Karakul-Felle aus Namibia. Die in den folgenden Jahren stetig sinkende Nachfrage nach Pelzen führte schließlich weltweit zu einem Einbruch der Umsatz- und Absatzzahlen der Felle. Der Verband deutscher Karakulzüchter löste sich daraufhin auf. Weil die Tiere wirtschaftlich uninteressant wurden, ging auch der Bestand an Karakulschafen hierzulande drastisch zurück – das Deutsche Karakul stand kurz vor dem Aussterben. 2015 wurde es von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) zur „gefährdeten Nutztierrasse des Jahres“ gewählt. Dennoch: Zahlen aus 2019 nannten lediglich noch 285 Mutterschafe dieser Rasse für ganz Deutschland und nur noch 16 Züchter, die sich diesen Tieren widmen. Noch immer gilt das Deutsche Karakul als gefährdet.4, 5