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„Bio“ und „Natur“ können täuschen

Kosmetik ohne Tierleid? Warum Tierversuche trotz Verbot weiterhin Realität sind

Tierversuchsfrei Kosmetik
Natürlich schön, ganz ohne Tierversuche? Wem das bei seinen Produkten wichtig ist, sollte ganz genau hinschauen Foto: Getty Images
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Porträtbild Rebecca Stringa
Rebecca Stringa

23. September 2025, 6:57 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

„Bio“ und „Natur“ sind Begriffe, die zunächst einmal gut klingen – und mit natürlichen und tierversuchsfreien Inhaltsstoffen bei Kosmetik assoziiert werden. Doch gerade in Sachen Tierschutz haben Verbraucher keine garantierte Sicherheit.

Was bedeutet eigentlich „tierversuchsfrei“ bei Kosmetik?

Es gibt in Deutschland inzwischen viele Verbote gegen Tierversuche, die aber nicht immer lückenlos gelten. Das gilt auch für den Beauty-Markt. „Im Grunde kann jedes Kosmetikprodukt in Deutschland von sich behaupten, ‚tierversuchsfrei‘ zu sein“, erklärt Stephanie Link, Fachreferentin beim Deutschen Tierschutzbund. Tatsächlich tierversuchsfrei sei viele Kosmetik aber nicht – auch solche, die mit diesem Begriff werben würden.

Nach Angaben des Industrieverbands Körperpflege und Waschmittel (IKW) verzichtet die deutsche Kosmetikindustrie bereits seit 1989 freiwillig auf Tierversuche für kosmetische Fertigprodukte.

Seit 2004 gibt es dafür auch ein EU-weites Verbot. Die einzelnen Inhaltsstoffe von Kosmetikprodukten dürfen im EU-Raum seit 2009 nicht mehr an Tieren getestet werden. Und seit 2013 ist auch der Verkauf von Kosmetika, deren Inhaltsstoffe außerhalb der EU an Tieren getestet wurden, verboten.

Gesetzeslücke bei multifunktionalen Inhaltsstoffen

Doch auch innerhalb der EU gibt es immer noch Inhaltsstoffe für Kosmetikprodukte, die an Tieren getestet wurden – denn der Schutz greift nur eingeschränkt. Denn betroffen sind ausschließlich Produkte und Inhaltsstoffe, die nach diesem Stichtag neu auf den Markt gekommen sind. Kosmetikartikel, deren Bestandteile vor dem 11. März 2013 an Tieren getestet wurden, dürfen weiterhin legal verkauft werden.

Ein weiterer Schwachpunkt des Verbots liegt in seiner eingeschränkten Reichweite: Es betrifft nur Substanzen, die ausschließlich in Kosmetik- und Pflegeprodukten verwendet werden. Kommen Inhaltsstoffe jedoch auch in anderen Produktkategorien zum Einsatz – etwa in Reinigungsmitteln, Arzneimitteln oder Farben – gelten sie als chemische Stoffe im Sinne des Chemikaliengesetzes. Etwa in Wandfarben, Reinigungsmitteln oder Medikamenten, erklärt Birgit Huber, Bereichsleiterin Schönheitspflege des IKW. Das Verbot gilt jedoch explizit nur für rein für Kosmetik genutzte Stoffe.

Für diese Stoffe können weiterhin Tierversuche vorgeschrieben sein. Da viele Kosmetikinhaltsstoffe auch in anderen Branchen Anwendung finden, bleibt tierversuchsfreier Konsum für Verbraucherinnen und Verbraucher schwer durchschaubar.

Tierversuche für den Weltmarkt

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt mit globaler Dimension: Viele Hersteller verkaufen ihre Kosmetikprodukte nicht nur innerhalb Europas, sondern auch international. Für einige dieser Märkte – etwa China – sind Tierversuche gesetzlich vorgeschrieben, bevor ein Produkt dort verkauft werden darf. Einige Naturkosmetik-Unternehmen haben aus diesem Grund entschieden, sich vom chinesischen Markt zurückzuziehen.

Die Realität zeigt also: Auch mehr als zehn Jahre nach Inkrafttreten des EU-weiten Tierversuchsverbots bleibt kosmetische Tierleidfreiheit ein komplexes und noch immer nicht vollständig gelöstes Problem.

Toxizitätstests, Atemlähmungen oder innere Blutungen

Tierversuche, die für Rohstoffe in Kosmetik durchgeführt werden, sind unter anderem akute und chronische Toxizitätstests, bei denen die Testsubstanzen Ratten und Mäusen verabreicht werden. „Hier leiden die Tiere oft extrem und sterben qualvoll, beispielsweise an Atemlähmungen oder inneren Blutungen“, erklärt Link. Haut- und Augenreizungstests werden meist an Kaninchen durchgeführt.

Link sieht solche Versuche aus mehreren Gründen kritisch: „Neben der ethischen Frage, was wir Tieren antun dürfen, stellt sich auch die Frage nach der wissenschaftlichen Übertragbarkeit der Ergebnisse. Ein Mensch ist schließlich keine 70 Kilo schwere Maus oder Ratte“, sagt die Tierschützerin. „So unterscheiden wir uns unter anderem in der Lebensdauer, in Fragen von Ernährung und Stoffwechsel, und es gibt Unterschiede in Nervensystem, Gehirn und Sinnesorganen.“ 

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Alternativmethoden zu Tierversuchen

Gleichzeitig gebe es schon einige Alternativen. „Unter Alternativmethoden zum Tierversuch versteht man sogenannte In-vitro-Methoden – Methoden, die man außerhalb lebender Organismen im Reagenzglas durchführt, beispielsweise anhand von Zellkulturen“, erklärt Huber.

Die deutsche Kosmetikindustrie ziehe tierversuchsfreie Alternativmethoden auch deshalb vor, weil sie schneller und kostengünstiger seien. Allerdings sei der Weg zur gesetzlich anerkannten Alternativmethode weit: Für jede entwickelte Methode müsse man zunächst belegen, dass sie dem Tierversuch gleichwertig sei. Im Anschluss müsse man diese Daten den Behörden vorlegen.

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Bio steht nicht für Tierschutz

Was also können Menschen tun, denen es wichtig ist, dass für ihre Kosmetika keine Tiere leiden mussten? Der reine Griff zur Bio- oder Naturkosmetik ist es nicht. „Bio bezieht sich auf die Qualität. Das heißt nicht automatisch, dass die Mittel tierversuchsfrei sind“, erklärt Alexandra Borchard-Becker von der Verbraucher-Initiative. „Möglich ist auch, dass Rohstoffe enthalten sind, die in der Vergangenheit aufgrund der geltenden gesetzlichen Regelungen an Tieren getestet wurden.“ Ähnliches gilt für Naturkosmetik, auch wenn man in diesem Sortiment häufiger fündig wird. Denn laut Borchard-Becker lehne die Naturkosmetik Tierversuche grundsätzlich schon seit vielen Jahren ab. 

Wie erkenne ich tierversuchsfreie Kosmetik?

Klare Orientierung können Label bieten, erklärt die Expertin. Etwa das BDIH-Siegel, die Veganblume und das Label Leaping Bunny. Als weltweit strengstes Label gilt das Symbol des Kaninchens unter schützender Hand der Tierrechtsorganisation Peta.

„Nur Kosmetikhersteller, die seit 1979 konsequent auf Tierversuche bei ihren Produkten und Inhaltsstoffen verzichten, kommen auf die Liste“, erklärt Link. Mittlerweile gibt es auch Apps, die den Verbrauchern Orientierung bieten können. Hier gibt es zum Beispiel:

Einfach nach einem bestimmten Produkt suchen, die App zeigt dann an, ob die verwendeten Inhaltsstoffe tierversuchsfrei sind.

Mit Material der dpa

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