Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für alle Tierbesitzer und -liebhaber
Katzenverhalten Alle Themen
Krankheit und Haltungsfehler

Alle hielten Lilly für unsauber – dabei schrie sie stumm um Hilfe

Katze Lilly
Was zunächst wie eine Verhaltensstörung aussah, entpuppte sich bei Katze Lilly als Folge starker Schmerzen Foto: Helena Becker / erstellt mit Canva
Artikel teilen
Jasmin Reddmann
Autorenfoto
Berlin, 3.6.2026
(c) Niels Starnick / BILD
Redakteurin

14. Juli 2026, 16:48 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Als Katze Lilly immer und immer wieder neben ihre Toilette urinierte, wusste ihre Halterin keinen Ausweg mehr. Sie dachte sogar daran, das Tier auszusetzen. Erst Verhaltenstherapeutin Helena Becker erkannte, dass hinter dem vermeintlichen Problemverhalten etwas ganz anderes steckte. Damit rettete sie Lilly vermutlich das Leben. Gegenüber PETBOOK berichtet sie von diesem Tierschutzfall, der sie nie ganz losgelassen hat.

Die Katze war nicht das eigentliche Problem

Als Helena Becker 2018 den Anruf erhielt, schien der Fall zunächst nichts Ungewöhnliches zu sein. Die damalige Verhaltenstherapeutin am Cat Institute von Katzenexpertin Birga Dexel sollte einer Halterin helfen, deren Katze immer wieder unsauber wurde. Mehrmals täglich setzte Lilly ihren Urin außerhalb der Katzentoilette ab. Für die Besitzerin stand fest: Mit ihrer Katze stimmte etwas nicht.

Heute weiß Becker, dass genau das Gegenteil der Fall war: „Ich habe relativ schnell gemerkt, dass hier etwas nicht stimmt“, erinnert sie sich. Zwar habe die Halterin immer wieder betont, wie wichtig ihr Lilly sei, gleichzeitig habe sich aber fast alles um ihren eigenen Leidensdruck gedreht. Darum, wie oft sie putzen müsse und wie belastend die Situation für sie geworden sei. Das Leid der Katze spielte dagegen kaum eine Rolle.

Besonders irritierte Becker, dass die Halterin Lilly offenbar vor allem als Verursacherin des Problems sah. „Sie wollte hören, dass Lilly böse und schuldig ist“, sagt sie heute. Stattdessen versuchte Becker immer wieder deutlich zu machen, dass die Katze selbst unter enormem Leidensdruck stehen musste.

Ein Sturz blieb jahrelang unbehandelt

Während der ausführlichen Anamnese erzählte die Besitzerin, dass Lilly zwei Jahre zuvor eine Treppe hinuntergestürzt war. Seitdem habe sie sich verändert. Ein Besuch beim Tierarzt blieb trotzdem aus, obwohl Becker die deutliche Empfehlung gab, Lilly medizinisch untersuchen zu lassen.

Je länger die Gespräche dauerten, desto größer wurde Beckers Sorge. Irgendwann äußerte die Halterin sogar, Lilly aussetzen zu wollen. Und das nur, weil sie mit der Situation völlig überfordert sei. Für Becker war damit klar: Diese Katze brauchte Hilfe und das dringend.

Auf der Pflegestelle zeigte sich das ganze Ausmaß

Gemeinsam mit der Maine-Coon-Hilfe organisierte Becker eine Pflegestelle. Dort nahm Sabine Kauffeld Lilly auf. Was sie vorfand, schockierte selbst erfahrene Tierschützer. „Der ganze Fall wurde mit jedem Tag und jeder Information eigentlich nur schlimmer und schlimmer“, sagt Becker.

Die Langhaarkatze war nicht nur überwiegend vegetarisch ernährt worden. Lilly wurde über längere Zeit kaum gepflegt, viel allein gelassen, war stark übergewichtig und litt vermutlich seit Jahren unter Schmerzen. Ihr Fell war ungepflegt und so stark verfilzt, dass der Tierarzt zunächst große Filzplatten entfernen musste, bevor er sie überhaupt untersuchen konnte. Weil Lilly offenbar nur noch tröpfchenweise Urin absetzen konnte, war ihr Fell dauerhaft mit Urin verschmutzt. Beim ersten Bad, erinnert sich Becker an die Schilderungen der Pflegestelle, habe sich regelrecht eine braune Brühe aus dem Fell gelöst.

Die vermeintliche Verhaltensstörung hatte eine einfache Ursache

Die tierärztliche Untersuchung brachte endlich die Ursache für Lillys Unsauberkeit ans Licht. Die Katze litt unter einer schweren Blasenentzündung infolge von Struvitsteinen. Eine Erkrankung, die beim Wasserlassen starke Schmerzen verursacht. Dass sie die Katzentoilette mied, war deshalb kein Trotz oder „Unsauberkeit“, sondern ein völlig nachvollziehbarer Versuch, den Schmerzen zu entkommen. Katzen verknüpfen Schmerzen häufig mit dem Ort, an dem sie auftreten. Das war in Lillys Fall die eigene Katzentoilette.

Mit Schmerzmitteln, Antibiotika und einer konsequenten Ernährungsumstellung begann gleichzeitig ein behutsames Toilettentraining. Verschiedene Katzenklos und unterschiedliche Einstreuarten wurden ausprobiert, bis Lilly ihre bevorzugte Variante gefunden hatte. Und damit ließ der Erfolg nicht lange auf sich warten. Schon nach kurzer Zeit benutzte Lilly die Katzentoilette wieder zuverlässig und auch die vermeintliche Verhaltensstörung verschwand nahezu vollständig.

Aus einer ängstlichen Katze wurde ein völlig neues Tier

„Mit allen Diagnosen, den richtigen Behandlungen und Ernährung nebst Schmerzmittel war Lilly auf der Pflegestelle wie ausgetauscht.“, erzählt Becker. Mit jeder Woche bei der Pflegestelle veränderte sich Lilly weiter. Aus der verunsicherten, schmerzgeplagten Katze wurde eine fröhliche, verschmuste Samtpfote. Nach einigen Monaten konnte Lilly schließlich in ein neues Zuhause vermittelt werden, wo sie liebevoll auf den Namen „Socke“ getauft wurde.

Mehr zum Thema

Dieser Fall verfolgt Helena Becker bis heute

Obwohl Becker in ihrem Berufsleben viele schwierige Fälle erlebt hat, denkt sie bis heute immer wieder an Lilly bzw. Socke zurück. „Mich hat das unglaublich erleichtert und berührt, aber auch sehr wütend gemacht“, sagt sie. „Lilly hätte schon längst ein sicheres und schmerzfreies Leben führen können, wenn ihre ehemalige Halterin ihr die Fürsorge gegeben hätte, die sie verdient hat.“ Vor allem eine Frage beschäftigt sie bis heute: „Wie viele Katzen wie Lilly gibt es da draußen? Leider sehr, sehr viele.“

Instagram Platzhalter
An dieser Stelle findest du Inhalte von Drittanbietern
Um mit Inhalten von Drittanbietern zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Verhalten ist oft ein Hilferuf

Für Becker zeigt Lillys Geschichte vor allem eines: Auffälliges Verhalten ist bei Katzen häufig kein Erziehungsproblem, sondern ein Warnsignal.

„Wenn jemand nicht zum Tierarzt geht oder Warnsignale ignoriert, ist er ein Tierquäler und lässt seine Katzen langsam sterben und qualvoll leben. Viele brüsten sich damit, dass ihre Katzen nie beim Tierarzt waren und 22 Jahre alt wurden. Ein hohes Alter darf nur mit entsprechender Lebensqualität einhergehen und rechtfertigt keine Vernachlässigung.“, sagt sie. Viele Krankheiten würden von Katzen lange verborgen. Umso wichtiger sei es, Veränderungen im Verhalten ernst zu nehmen.

Dass sie mit solchen Aussagen in sozialen Netzwerken nicht immer auf Zustimmung stößt, kennt Becker. Immer wieder werde ihr vorgeworfen, sie übertreibe oder mache aus Kleinigkeiten ein Drama. Doch davon lässt sie sich nicht beirren: „Dieser Fall hat wie viele andere mich nur darin bestärkt weiterzumachen“, sagt sie. „Denn egal, wie vielen Katzen ich helfen kann – viele andere werde ich nie kennenlernen. Aber vielleicht sorgen solche Geschichten dafür, dass wenigstens eine Katze früher die Hilfe bekommt, die sie braucht.“

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.