29. April 2026, 6:11 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten
„Adopt, don’t shop“ – vier Worte, die in der Hundewelt mittlerweile denselben Status haben wie ein Grundgesetz. Wer einen Hund kauft, statt zu adoptieren, muss sich rechtfertigen. Wer aus dem Ausland adoptiert, gilt dagegen fast automatisch als moralisch überlegen. Ich finde diesen Slogan grundsätzlich gut gemeint. Aber gut gemeint ist nicht immer gut gemacht – und genau das möchte Hundetrainerin und PETBOOK-Autorin Katharina Marioth einmal laut aussprechen. Denn hinter dem schönen Versprechen stecken Widersprüche, die wir als Hundeliebhaber nicht länger ignorieren sollten.
Was hinter dem Slogan steckt – und was nicht
Die Idee ist simpel und im Kern richtig: Tierheime sind voll, Züchter verdienen Geld, also adoptiere lieber, statt zu kaufen. In Deutschland stimmt das Bild tatsächlich in Teilen. Es gibt Tierheime, die Hunde suchen, es gibt Menschen, die einen Hund wollen – und beide könnten zusammenfinden. So weit, so gut.
Das Problem beginnt dort, wo der Slogan zum Absolutum wird. Wo jeder Kauf beim Züchter pauschal verurteilt wird und jede Auslandsadoption als Heldentat gilt. Denn diese vereinfachte Schwarz-Weiß-Malerei blendet aus, was tatsächlich hinter den Kulissen passiert – auf beiden Seiten. Und sie tut etwas, das ich für besonders gefährlich halte: Sie ersetzt sachliches Nachdenken durch moralischen Autopiloten.
Rumänien: Das Geschäft mit dem Leid
Ein Blick nach Rumänien macht deutlich, wie komplex die Realität ist. Schätzungsweise 600.000 Straßenhunde leben dort, viele unter katastrophalen Bedingungen. Seit 2013 gilt ein Gesetz, das Kommunen erlaubt, eingefangene Hunde nach 14 Tagen töten zu lassen, wenn sie nicht adoptiert werden. Was daraus geworden ist, hat BILD kürzlich auf Grundlage eines parlamentarischen Berichts der rumänischen Abgeordneten Aurora Tasica Simu dokumentiert, der auch dem Europaparlament vorgelegt wurde: Darin werden massive Missstände beschrieben – Korruption, fehlende Kontrollen, falsche Abrechnungen und ein System, in dem mit dem Einfangen und Töten von Hunden schlicht Geld verdient wird.
Laut dem Bericht sollen mehr als eine Milliarde Euro an öffentlichen Geldern – darunter nach Angaben von Tierschützern auch Hunderte Millionen EU-Fördermittel – indirekt in Strukturen geflossen sein, in denen Straßenhunde getötet werden. Zwischen 2001 und 2025 wurden laut PETA rund 2,76 Millionen Hunde eingefangen, etwa 1,285 Millionen von ihnen starben. Allein in den vergangenen drei Jahren sollen rund 70.000 Tiere eingeschläfert worden sein – etwa die Hälfte davon in nur vier privaten Einrichtungen. In einer davon lag die Euthanasierate laut rumänischem Veterinäramt bei 81 Prozent.
Bilder, die bestürzen
Die Bilder, die Tierschützer und Influencer wie Nathan Goldblat, Christian Wolf und Jan Kraume aus diesen Einrichtungen mitgebracht haben, sind kaum auszuhalten: Kühltruhen voller toter Hunde, Müllsäcke mit Kadavern, Tiere, die mit Fangstangen gegen Wände gedrückt werden. In einer Toilette fanden Ermittler große Mengen Frostschutzmittel – ob es zum Töten eingesetzt wurde, klären derzeit Untersuchungen. „Die Tiere werden häufig nicht gefüttert und nicht medizinisch versorgt“, sagt Aktivist Nathan Goldblat, der mit der Organisation „VETO“ vor Ort hilft.
Die EU weist die Vorwürfe einer direkten Mitfinanzierung zurück. Tierschützer lassen das nicht gelten: Zwar würden EU-Gelder offiziell für Bereiche wie Abfallmanagement bereitgestellt – doch genau darunter fällt auch das sogenannte „Stray-Dog-Management“, also das Einfangen und Beseitigen von Straßentieren. „Die EU-Kommission muss offenlegen, wohin die Gelder tatsächlich fließen. Solange das nicht nachvollziehbar ist, bleibt Grund zur Annahme, dass das System auch durch öffentliche Mittel gestützt wird“, sagt eine VETO-Sprecherin. Und die eigentliche Pointe dieser Geschichte? „Wäre das gleiche Geld in flächendeckende Kastrationen geflossen, wäre das Problem längst gelöst – ohne dass ein einziger Hund hätte sterben müssen“, sagt Goldblat. Das ist kein radikaler Aktivismus, das ist schlichte Logik.
Was hat das mit „Adopt, don’t shop“ zu tun?
Sehr viel. Denn ein erheblicher Teil der Hunde, die in Deutschland über Tierschutzvereine vermittelt werden, kommt genau aus diesen Regionen. Das ist nicht grundsätzlich falsch, und ich sage das ohne jeden Vorwurf an die vielen engagierten Vereine, die unter schwierigsten Bedingungen echte Lebensretter sind. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen.
Denn die Nachfrage aus Westeuropa nach Auslandshunden hat auch eine Kehrseite: Sie schafft einen Markt. Und wo ein Markt entsteht, entstehen auch Strukturen, die diesen Markt bedienen wollen – nicht immer mit dem Wohlergehen der Tiere als oberstem Ziel.
Es gibt seriöse Vereine, die transparent arbeiten, Hunde tierärztlich versorgen, ehrlich über Vorgeschichten informieren und Interessenten sorgfältig prüfen. Und es gibt schwarze Schafe, die Hunde unter fragwürdigen Bedingungen transportieren, Vorerkrankungen verschweigen und vor allem schnell vermitteln wollen. Den Unterschied zu erkennen ist nicht immer einfach – aber er ist entscheidend.
„Ich habe ihn aus der Tötung gerettet“ – und andere Sätze, die Sie kennen sollten
Es gibt Formulierungen, bei denen ich als Trainerin innerlich die Alarmglocken höre – nicht, weil sie immer gelogen sind, sondern weil sie gezielt Emotionen ansprechen und sachliches Nachdenken kurzschließen. Und sie kommen von beiden Seiten.
Im Auslandstierschutz sind es Sätze wie: „Dieser Hund hat nur noch Stunden.“ „Er wurde misshandelt und braucht jetzt dringend eine Chance.“ „Wenn du nicht zusagst, kommt jemand anderes.“ Das Foto dazu zeigt einen abgemagerten Hund hinter Gittern, Blick direkt in die Kamera. Das Herz bricht. Die Zusage kommt, bevor auch nur eine einzige kritische Frage gestellt wurde. Und vier Wochen später steht ein traumatisierter, verhaltensauffälliger Hund in einer Wohnung, auf den weder der Halter noch das Tier vorbereitet war.
Ich zweifle nicht daran, dass die Not real ist. Sie ist es – die Zustände in rumänischen Tötungsstationen sind dokumentiert und erschütternd. Aber genau diese echte Not wird von manchen Vermittlern instrumentalisiert, um schnelle Entscheidungen zu erzwingen. Zeitdruck, emotionale Sprache, dramatische Bilder – das sind klassische Verkaufsmechanismen. Dass sie im Tierschutz eingesetzt werden, macht sie nicht weniger wirksam. Und nicht weniger problematisch.
Auf der anderen Seite stehen Züchter mit ihrem eigenen Repertoire: „Dieser Welpe ist für Sie wie gemacht.“ „Er hat sich von Anfang an nur Ihnen zugewandt.“ „So einen Wurf haben wir in Jahren nicht gehabt.“ Dazu ein flauschiges Knäuel auf dem Arm, das gegen die eigene Brust drückt – und die Vernunft verabschiedet sich still durch die Hintertür. Professionelle Züchter wissen, dass der Moment des ersten Körperkontakts mit einem Welpen eine enorme psychologische Wirkung hat. Manche nutzen das bewusst.
Warum gerade das tückisch ist
Beiden Mechanismen liegt dasselbe Prinzip zugrunde: Wer emotional überwältigt ist, prüft nicht mehr. Und wer nicht mehr prüft, trifft Entscheidungen, die er später bereut – und für die am Ende der Hund den Preis zahlt.
Die Gegenstrategie ist keine Herzlosigkeit. Sie ist Vorbereitung. Wer sich vor dem ersten Kontakt – sei es mit einem Vermittlungsprofil oder mit einem Züchter – klare Fragen aufschreibt und sich vornimmt, diese auch wirklich zu stellen, ist deutlich besser geschützt. Und wer auf Zeitdruck reagiert, indem er sich ausdrücklich mehr Zeit nimmt, tut das Richtige. Seriöse Vereine und seriöse Züchter akzeptieren das. Wer das nicht tut, sagt damit bereits alles.
Und der gute Züchter? Der verdient eine Rehabilitation
An dieser Stelle möchte ich etwas sagen, das in der aktuellen Debatte kaum jemand laut ausspricht: Ein wirklich guter Züchter ist eine absolut legitime – und manchmal sogar die bessere – Wahl. Nicht trotz „Adopt, don’t shop“, sondern unabhängig davon.
Was macht einen guten Züchter aus? Er züchtet mit dem Ziel, gesunde, wesensfeste Hunde zu produzieren. Außerdem kennt er seine Zuchttiere in- und auswendig, macht Gesundheitsuntersuchungen, gibt Welpen erst dann ab, wenn sie bereit sind, und stellt dem neuen Halter mehr Fragen als umgekehrt. Er hat ein echtes Interesse daran, wohin seine Hunde gehen – und er nimmt einen Hund im Zweifelsfall zurück. Dieser Züchter ist kein Tierquäler, kein Profiteur und kein Gegner des Tierschutzes. Er ist jemand, der seine Rasse liebt und Verantwortung übernimmt.
Das Gegenteil davon sind Welpenmühlen, dubiose Onlineanbieter und Händler, die Hunde wie Waren behandeln. Und hier liegt der eigentliche Skandal – nicht beim verantwortungsvollen Züchter, der jahrelang Erfahrung, Herzblut und erhebliche finanzielle Mittel in seine Zuchttiere investiert. Ihn in dieselbe Schublade zu stecken wie einen Welpenhändler ist nicht nur ungerecht, es ist auch sachlich falsch.
Warum ein Hund aus dem Tierschutz nicht immer die beste Wahl ist
Wie sinnvoll ist es, Tiere aus dem Ausland zu vermitteln?
Das lokale Tierheim – oft vergessen
Gleichzeitig sitzen in deutschen Tierheimen Hunde, die warten. Nicht Welpen, nicht die Instagram-tauglichen Mischlinge mit den großen Augen – sondern ältere Hunde, Hunde mit Geschichte, Hunde, die vielleicht etwas mehr Geduld brauchen. Diese Tiere werden seltener adoptiert, seit der Blick vieler Interessenten auf Auslandsplattformen wandert. Ich will das nicht verurteilen. Jeder Mensch hat das Recht, den Hund zu wählen, der zu ihm passt. Aber ich finde, dieser Aspekt gehört zur ehrlichen Debatte dazu – gerade dann, wenn „Adopt don’t shop“ so laut gerufen wird.
Mein Fazit
Adoptieren ist gut. Beim seriösen Züchter kaufen ist ebenso legitim. Was weder gut noch legitim ist, sind vereinfachte Parolen, die echte Missstände überdecken und gleichzeitig dazu verleiten, die eigene Entscheidung nicht mehr kritisch zu hinterfragen.
Wer wirklich etwas für Hunde tun will, schaut genau hin – beim Verein, beim Züchter, beim Transport, bei den Papieren und bei sich selbst. Er lässt sich nicht von dramatischen Fotos, Verfallsdaten oder einem Welpen auf dem Arm in eine Entscheidung drängen. Und er stellt sich die Frage, die am Ende die einzig relevante ist: Bin ich auf diesen Hund vorbereitet – und ist dieser Hund bei mir wirklich gut aufgehoben?
Der Slogan allein beantwortet diese Frage nicht. Der kühle Kopf schon eher.
Zur Autorin
Katharina Marioth ist Gründerin der Marke Stadthundetraining und des KEML-Prinzips. Sie ist IHK- und behördlich-zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensgutachterin für gefährliche Hunde des Landes Berlin. In ihrem Daily Business arbeitet sie eng mit Veterinären, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten zum Thema Hund zusammen. Mit ihrem Wissen und Können konnte sie sich in der Sat.1-Sendung „Der Hundetrainer-Champion“ den Titel der Hundetrainerin des Jahres 2023 sichern.