4. Dezember 2025, 10:58 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Carmen Borsche leitet das DACH-Geschäft von Nestlé Purina PetCare – und verbindet dabei wirtschaftliche Verantwortung mit echter Tierliebe. Im Gespräch mit PETBOOK erklärt sie, warum Forschung für die Gesundheit von Haustieren essenziell ist, wie Purina Innovation und Nachhaltigkeit vorantreibt und weshalb Tiere für sie nicht nur beruflich, sondern auch persönlich eine Herzensangelegenheit sind.
»Ich bin ein absoluter Tierfreak
PETBOOK: Frau Borsche, wie sind Sie eigentlich zu Purina gekommen?
Carmen Borsche: „Ich bin tatsächlich ein echtes ‚Nestlé-Gewächs‘. Ich habe dort als Trainee angefangen – ursprünglich mit dem Plan, nach zwei, drei Jahren weiterzuziehen. Aber Nestlé hat mir immer wieder spannende Aufgaben gegeben, sodass ich geblieben bin. Zuletzt war ich Geschäftsführerin für das Schokoladengeschäft des Konzerns in Deutschland und Österreich.
Und weil ich ein absoluter Tierfreak bin – ich rette jede Biene, jeden Käfer – war Purina schon immer mein Traum. Seit zwei Jahren darf ich diesen Traumjob leben – und er ist genau das, was ich mir erhofft hatte.“
Carmen Borsche: „Mein erstes ‚Herzenstier‘ war Hobsi“
Was begeistert Sie besonders an Ihrer Arbeit bei Purina?
„Der Purpose. Meine Arbeit bei Purina ist für mich ganz nah an meinen Herzensthemen. Unser soziales Engagement für Menschen in schwierigen Lebenssituationen ist mir sehr wichtig. Gerade bei mentalen Problemen können Haustiere eine große Stütze sein – unter anderem dafür setzen wir uns ein. Außerdem genieße ich die stark digital orientierte Arbeit, wir arbeiten viel mit Start-ups und haben eigene digitale Plattformen rund um das Leben mit Haustieren. Das macht meine Arbeit sehr vielschichtig und sinnstiftend.“
Sie sagen, Sie sind ein Tiermensch. Wie hat das angefangen?
„Seit meiner Kindheit. Ich bin mit Hamstern, Hasen, Wellensittichen aufgewachsen – nur ein Hund war nie drin, das wäre zu viel Aufwand gewesen für meine Eltern. Mein erstes ‚Herzenstier‘ war Hobsi, ein angebliches Zwergkaninchen, das sich später als riesiger Stallhase entpuppte. Er hat sich aus seinem Käfig befreit und alle Kakteen auf der Fensterbank aufgefressen. Zum Glück ist nichts passiert – außer, dass wir alle herzlich gelacht haben.“
„Wir setzen auf langfristige Partnerschaften“
Haben Sie heute Haustiere?
„Bis vor Kurzem hatte ich zwei British Shorthair-Kater, Brüder – einer lebt leider nicht mehr. Ich bin aber weder Katzen- noch Hundemensch, ich liebe beides. Sobald es mein Lebensstil wieder zulässt, werde ich definitiv einen Hund haben.“
Wie stark können Sie Ihre Tierleidenschaft in Ihre Arbeit einbringen?
„Sehr stark. Wir entwickeln unsere europäische Strategie gemeinsam mit den Geschäftsführern der einzelnen Länder und dem europäischen Führungsteam. Danach setzen wir sie in der DACH-Region um – mit eigenen Projekten. Wir entscheiden also lokal, was zu uns passt: Ob Kooperationen mit Tierheimen, die Initiative ‚Tiere bauen Brücken‘ oder unsere langjährige Partnerschaft mit Vita Assistenzhunde. Um wirklich etwas bewegen zu können für die wichtige Beziehung zwischen Haustieren und Menschen, setzen wir auf langfristige Partnerschaften.“
„Wir sehen durch Inflation und Krisen eine Spaltung“
Wie hat sich der Heimtiermarkt in den letzten Jahren verändert?
„Corona war der Gamechanger. Plötzlich wollte jeder ein Haustier – die Märkte waren leergefegt. Danach hat sich die Situation stabilisiert, der Markt für Katzenprodukte wächst noch leicht, das Hundesegment stagniert.
Gleichzeitig sehen wir durch Inflation und Krisen eine Spaltung: Viele müssen sparen und greifen zu günstigeren Produkten, andere investieren bewusst in Premiumfutter. Haustiere sind Familienmitglieder – das merkt man am Kaufverhalten.
Ein weiterer Trend: Menschen übertragen ihre eigenen Ernährungsgewohnheiten auf ihre Tiere. Pflanzliche Proteine oder funktionale Ernährung werden immer wichtiger. Und natürlich wächst der Online-Handel enorm.“
„Wir entwickeln stark im Bereich Gesundheit“
Woran arbeitet Purina derzeit besonders intensiv?
„Zum einen an ‚Extras‘ – also Produkten für Verwöhnmomente, etwa unsere neuen Liquid-Snacks, die die Katze vom Finger schleckt. Diese Nähe zwischen Mensch und Tier ist zentral.
Zum anderen entwickeln wir stark im Bereich Gesundheit: Probiotika, Nahrung für ältere Tiere, Futter für sensible Verdauung. Und wir haben mit ‚Purina ONE HydraLife‘ gerade ein Produkt auf den Markt gebracht für die bessere Flüssigkeitsversorgung bei Katzen – viele trinken zu wenig.“
Purina betreibt also eigene Forschung?
„Ja, weltweit. Eines unserer Forschungszentren steht in Frankreich. Dort erforschen wir Futterakzeptanz, Nährstoffwirkung und auch gesundheitliche Aspekte. Aus den Erkenntnissen entstehen Produkte wie ‚Pro Plan LiveClear‘, das Menschen mit Katzenallergie hilft: Es neutralisiert die Eiweiße im Speichel, die allergische Reaktionen auslösen. Eine echte Innovation, die bei Purina entwickelt wurde.“
„Langfristig beschäftigen wir uns auch mit pflanzlichen Proteinen“
Ein spannender Durchbruch. Wird dazu auch weiter geforscht?
„Ja, wir arbeiten eng mit Veterinärmedizinern zusammen, etwa an Varianten für Tiere mit bestimmten Erkrankungen – wie Nierenproblemen. Forschung und Wissenschaft stehen bei uns immer im Zentrum.“
Viele Verbraucher fragen sich: Wie nachhaltig ist Tiernahrung – gerade beim Thema Fleisch?
„Wichtig ist: Für unsere Produktion wird kein Tier zusätzlich geschlachtet. Wir verwenden Nebenprodukte der Lebensmittelproduktion – also Teile, die sonst entsorgt würden. Das ist ressourcenschonend.
Langfristig beschäftigen wir uns natürlich auch mit pflanzlichen Proteinen und Insektenprotein als Alternativen. Letzteres kam bei den Verbrauchern noch nicht gut an, als wir vor einigen Jahren schon ein Produkt im Markt getestet haben, aber wir bleiben dran. Außerdem investieren wir in Umweltprojekte – etwa der Regeneration von Meereslebensräumen oder regenerative Landwirtschaft. Wir hängen alle von einer intakten Erde und Meeren ab. Deshalb leisten wir unseren Beitrag, damit wir, unsere Kinder und unsere Haustiere auch in Zukunft gut auf unserem Planeten leben können.“
„Wir legen großen Wert auf wissenschaftliche Fundierung“
Und Laborfleisch?
„Wir beobachten das sehr genau, besonders in den USA. Aber wir bleiben wissenschaftlich vorsichtig – die Gesundheit der Tiere steht an erster Stelle.“
Wie lange dauert es, bis ein neues Produkt auf den Markt kommt?
„Je nach Innovationsgrad: Grundlagenforschung kann vier bis fünf Jahre dauern, inklusive Studien und Akzeptanztests. Kleinere Anpassungen gehen schneller – manchmal in weniger als einem Jahr. Start-ups sind da oft agiler, aber wir legen großen Wert auf wissenschaftliche Fundierung.“
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Start-ups?
„Sehr partnerschaftlich. Viele junge Unternehmen sind dankbar, wenn wir sie im Rahmen unseres Start-up-Förderprogramms Unleashed etwa bei Distribution und Marketing unterstützen. Wir profitieren wiederum von ihrer Schnelligkeit und Innovationskraft. Das ist kein Konkurrenzkampf, sondern wir lernen mit- und voneinander.
Auch unser Tochterunternehmen Terra Canis hat einmal ganz klein mit einer innovativen Idee angefangen – heute arbeiten wir auf Augenhöhe zusammen, ergänzen uns perfekt und die Zusammenarbeit macht richtig Spaß.“
Fressnapf-CEO Johannes Steegmann über die aktuellen Trends auf dem Haustiermarkt
Start-up „Hunderunde“ hilft mit Leckerli und Armbändern Hunden in Not
Longevity ist auch im Heimtierbereich angekommen
Gibt es Unterschiede zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz?
„Ja. Deutschland und Österreich sind ähnlich – preisbewusst, aber qualitätsorientiert. In der Schweiz ist die Kaufkraft höher, dort achten die Menschen noch stärker auf Qualität und Veterinärprodukte. Promotions spielen dort eine kleinere Rolle als in Deutschland, aber auch da sehen wir eine große Dynamik der Preise im Markt.“
Welche Themen werden die Heimtierbranche in den nächsten Jahren prägen?
„Ganz klar Nachhaltigkeit – ökologisch und sozial. Außerdem die Themen Longevity – also ein langes, gesundes Leben – sowohl bei Mensch als auch Tier. Und weil das Marktwachstum in Volumen stagniert, werden Premiumisierung und Zusatzprodukte wichtiger.“
Pferde wären gute Führungskräfte
Gibt es ein Herzensthema, das Sie persönlich vorantreiben möchten?
„Ja, die soziale Nachhaltigkeit. Ich möchte das Bewusstsein für psychische Gesundheit und die Rolle von Tieren darin stärken. Unsere Projekte – etwa mit Therapiehunden auf Kinderstationen – zeigen, wie viel Tiere bewirken können. Das möchte ich noch stärker fördern.“
Zum Schluss eine persönliche Frage: Wenn Sie einem Tier für einen Tag Ihre Position überlassen müssten – welches wäre es?
„(lacht) Ein Pferd! Meine Tochter hat eins, und kürzlich, als wir beide traurig waren, kam es zu uns und legte den Kopf auf unsere Schultern. Zehn Minuten lang. Pferde haben ein unglaubliches Gespür für Emotionen – genau wie gute Führungskräfte. In Leadership braucht man Empathie und emotionale Intelligenz – deshalb würde ich das Pferd wählen.“