26. November 2025, 5:44 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Tiere mit Menschenaugen, Elefanten mit Hundeschnauzen und Biber mit Fischschwänzen – waren die Künstler im Mittelalter einfach schlecht im Malen? Ganz und gar nicht. Hinter den schrägen Kreaturen steckt mehr, als man auf den ersten Blick vermutet.
Wenn Sie an mittelalterliche Gemälde denken – woran denken Sie als Erstes? Wie würden Sie den Stil und die Darstellung der Menschen und Tiere beschreiben? Keine Sorge – Sie sollen keine kunsthistorische Analyse durchführen. Aber vielleicht haben Sie sich auch gefragt, warum mittelalterliche Darstellungen manchmal so komisch aussehen. Die Techniken und Perspektiven sind ganz andere als die, die wir heute kennen. Manchmal werden fragwürdige Szenarien abgebildet, bei denen viele Fragen offenbleiben. Und wenn diese schon nicht seltsam genug sind, gibt es auch noch diese eigenartigen Tierzeichnungen.
Ein Elefant, der eher an einen Hund mit einer Trompete als an das bekannte Tier mit Rüssel erinnert. Ein Biber, der aussieht wie ein Hybrid aus Katze und Marder mit einem Fischschwanz. Und dann diese menschlichen Augen – viele Tierabbildungen sehen so aus, als hätte sich ein Mensch mit etwas Pelz oder Feder behangen. Im Internet gibt es eine Reihe von Accounts, die die skurrilsten Darstellungen solcher Zeichnungen posten. Aber warum sehen die Tiere so seltsam aus? Und warum haben so viele menschliche Augen?1
Darum haben Tiere im Mittelalter menschliche Augen
Auf den ersten Blick sieht alles normal aus: ein hockender Hund mit struppigem Fell. Doch beim genaueren Hinsehen sieht das Tier komisch aus. Vor allem die Augen sind auffällig – sie erinnern skurriler Weise an ein menschliches Gesicht. Da fragt man sich glatt: „Was wollte der Künstler damit sagen?“ Tatsächlich waren mittelalterliche Gemälde sehr durchdacht und steckten voller Bedeutungen und Symboliken. Die menschlichen Augen waren kein Mangel an entsprechender Technik, sondern eine absichtlich gewählte Darstellung.
Große Gemälde oder Fresken waren im Mittelalter weitaus mehr als Dekoration. Sie erzählten Geschichten von Kriegen, Siegen, Tragödien und Fabeln oder inszenierten christliche Szenen. Tiere wurden vor allem in Kontexten mit Fabeln gemalt. Charakteristisch für Fabeln ist, dass menschliche Eigenschaften verschiedenen Tieren zugeordnet werden. Ein klassisches Beispiel aus dem späten Mittelalter ist „Reineke Fuchs“ – diese Figur übernahm auch Goethe in seinen Werken.
Die menschlichen Augen dienten also als Mittel, um den Tieren einen entsprechenden Ausdruck zu geben und den Gemälden ein Stück mehr Leben zu geben. 2
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Elefant sieht aus wie ein Hund
Vielleicht sind Ihnen schon einmal tierische Zeichnungen aufgefallen, bei denen Sie gar nicht erraten konnten, welches Tier da eigentlich abgebildet ist. Wenn es nicht an den seltsamen Gesichtszügen liegt, dann wahrscheinlich an unnatürlichen Proportionen oder daran, dass das Tier eher aussieht wie eine Mischung aus fünf verschiedenen Tieren.
Dafür gibt es eine relativ simple Erklärung. Pferde, Hunde und Katzen lassen sich in mittelalterlichen Zeichnungen ziemlich schnell identifizieren – selbst wenn ihre Gesichter oftmals Platz für Interpretationen lassen. Wenn es aber um Biber, Elefanten, Kamele oder Schnecken geht, scheinen Künstler sich besonders gerne kreativ auszuleben. So gibt es einige Darstellungen von Elefanten, die in nur sehr wenigen Punkten der Realität entsprechen. Ein anschauliches Beispiel ist die Größe der Elefanten. Erstaunlicherweise sind sie in manchen Darstellungen außergewöhnlich klein – geradezu kleiner als die Menschen um sie herum. Auch die Köpfe der Elefanten haben äußerst seltsame Proportionen und Formen – einige Köpfe sind stark abgeflacht und in vielen Fällen fehlen sogar die charakteristisch großen Ohren. 3
Wie mittelalterliche Künstler Tiere malten, die sie noch nie gesehen hatten
Ein kurzes Gedankenexperiment: Wenn drei Personen jetzt in dem Moment eine Blume malen sollten, dann würde man drei unterschiedliche Blumen als Ergebnis bekommen. Das ist ganz normal, weil jeder eine eigene Vorstellung einer Blume hat. Spannender wird es, wenn Sie etwas malen müssten, was Sie vorher noch nie gesehen haben. Ähnlich erging es den Menschen im Mittelalter – wobei es hierbei vor allem um den eurozentrischen Raum geht.
Ein Elefant oder ein Kamel kamen so gut wie gar nicht in Europa vor. Dennoch gab es Berichte über die Tiere. Für die Künstler dienten diese Schriftstücke oder mündliche Erzählungen als Quelle. Je nachdem, wie ausführlich diese waren, fielen auch die gemalten Darstellungen aus. Beschrieb eine Quelle einen Leoparden als gepunktete Katze, nutzte der Künstler bei fehlenden Details seine eigene Vorstellungskraft und Interpretation, was die Art der Punkte, die Größe des Tieres oder die Beschaffenheit des Kopfes anging.
Was uns heute zum Schmunzeln bringt, war also einst ein Fenster in eine Welt voller Symbolik, Fantasie und Erzählkunst – wo jeder Pinselstrich mehr über den Menschen verriet als über das Tier.