31. August 2025, 16:58 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Auf den Schlachtfeldern des Mittelalters ragen sie empor, während das Donnern ihrer Hufe den Boden erschüttert. Nach einem Sieg schreiten sie dann triumphierend durch die Burgtore. Bei amtlichen Ritterspielen leisten sich tollkühne Helden auf ihren Rücken epische Kämpfe. Groß, prachtvoll und vor Kraft strotzend – so stellen wir uns Pferde im Mittelalter vor. Doch eine Studie zeigt, dass die kräftigen Pferde in Rüstungen gar nicht so groß gewesen sind, wie wir denken.
Wann war eigentlich das Mittelalter?
Eine genaue Datierung ist historisch gesehen gar nicht so einfach und wird selbst heute noch in zahlreichen Hörsälen diskutiert. Es gibt verschiedene Ereignisse, die sich als Anfang und Ende festsetzen lassen könnten. Traditionell gesehen würde man den Zerfall des weströmischen Reiches 376 als Anfang nehmen, während das Ende des Mittelalters durch die Reformation oder den Buchdruck eingeleitet wird. Je nach Fachrichtung gibt es ebenfalls unterschiedliche Daten. Das hängt mit den jeweiligen Ereignissen zusammen, die für die entsprechende Forschung relevant sind. 1
Welche Bedeutung hatten Pferde im Mittelalter?
Lasten ziehen, Ritter tragen und Botenbringer: Pferde hatten viele Funktionen zur damaligen Zeit. Durch ihre starken Muskeln wurden sie auf Lehnshöfen oft zur Feldarbeit für das Pflügen der Äcker eingesetzt. Bekanntermaßen sind Pferde auch ziemlich schnell und mit dem richtigen Ausdauertraining können sie auch weite Strecken zurücklegen. Aufgrund dessen waren sie ein wichtiger Bestandteil im Nachrichten- und Verkündigungsnetzwerk.
Darüber hinaus waren sie auch als Last- und Kutschpferde unabdinglich: Mit ihrer Hilfe wurden Waren und Güter transportiert und edle Damen und Herren herumkutschiert. Besonders wichtig war letzteres, denn zur damaligen Zeit war es üblich, als König von Pfalz zu Pfalz zu ziehen und keinen festen Hauptsitz zu haben. Pferde waren daher sehr wichtig für eine konstante und stabile Herrschaftsausführung.2 3
Nicht zuletzt waren besonders starke Pferde wichtiger Bestandteil in der Kriegsführung. Sie mussten fähig sein, ihre Ritter samt der namensgebenden Ausrüstung zu tragen.
Auch interessant: So wurden Katzen im Alten Ägypten verehrt
Wie groß waren Pferde im Mittelalter?
Ein Forschungsteam unter der Leitung von Carly Ameen teilte dazu ihre Erkenntnisse, welche die Fachzeitschrift „International Journal of Osteoarchaeology“ veröffentlichte. In der Studie von 2021 analysierten die Forscher 1964 Skelettteile von Pferden aus England. Die Fundstücke von 171 verschiedenen Orten stammen dabei aus der Zeit zwischen 300 und 1650 nach Christus. Das Ziel bestand darin, die Knochen hinsichtlich der Größe, Form und Robustizität (Knochenstärke) zu untersuchen und daraus historische Rückschlüsse zu ziehen.
Um entsprechende Vergleichswerte zu erhalten, nahm das Forschungsteam auch die Maße von 490 zeitgenössischen Tieren, darunter Pferde, Ponys, Esel und auch Maultiere. Dabei bezog man zehn verschiedene Knochenarten mit ein. Um dabei relative Größenunterschiede herauszufinden, nutzte das Forscherteam die sogenannte Log-Standard-Index-(LSI)-Berechnung. Über die Berechnungen schätzten sie dann die entsprechende Widerristhöhe. 4
Durchschnittliche Widerristhöhe lag unter 1,48 Metern
Das Forschungsteam kam zu dem Schluss, dass entgegen der breiten gesellschaftlichen Vorstellung, die durchschnittliche Widerristhöhe zwischen dem 5. und 12. Jahrhundert unter 1,48 Metern lag. Zum Vergleich: Laut der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) ist der Richtwert, an dem man Ponys und Pferde unterscheidet, bei 1,48 Meter. Also waren die Pferde in dem Zeitraum nach heutigen Vorstellungen Ponys. 5
Erst mit dem 13. Jahrhundert gab es vermehrt größere Pferde. Ausnahmefälle waren dabei nachweislich sogar 1,6 Meter groß. Ab dem Spätmittelalter stellten die Forscher vermehrt höhere Durchschnittsgrößen von Pferden fest, jedoch auch ein breiteres Größenprofil.
Was die seltenen Carneddau-Ponys so besonders macht
Die Geschichte der legendären Marwari-Pferde
Zucht im Mittelalter
Weitere interessante Erkenntnisse beruhen auf der Untersuchung der Robustheit. Es gab deutliche Unterschiede bei der Analyse der Vor- und Hinterbeine. Im Laufe des Hochmittelalters, so stellten es die Forscher fest, nahm die Hinterhand an Robustizität zu. Diese Beobachtung könnte ein Hinweis darauf sein, dass in der Zeit eine Selektion der Tiere durch Züchtung vorgenommen wurde. Dies sollte besonders kräftig und tragfähig sein.
Eines dieser Züchtungen könnte der sogenannte Destier sein. Dazu gibt es leider keinen verdichteten Forschungsstand, weshalb sich nur vermuten lässt, dass diese Pferde im Mittelalter vor allem als starke Ritterpferde gezüchtet wurden.
Woher kommt der Irrtum?
Die Antwort auf die Frage ist gar nicht so einfach. Zeitgenössische Darstellungen aus den Jahrhunderten des Mittelalters weisen eigentlich ein ganz anderes Bewusstsein auf. Oft sieht man große Männer auf kleinen Pferden. Eigentlich liefert uns damit das Mittelalter selbst eine Bildquelle. Eine Studie hatte zudem herausgefunden, dass, anders als nämlich vielleicht angenommen, Männer im Mittelalter eine ungefähre Durchschnittsgröße von 1,73 Metern hatten. Allerdings mit der Anmerkung, dass diese Zahl gegen Ende des Mittelalters aufgrund von Hungersnot schwankte. 6
Ein kulturgeschichtlicher Artikel des Online-Fachmagazins Compendium heroicum erklärte, wie sich Narrative zum Thema Pferd veränderten oder aufgeladen haben. Dabei kam das Team zum Schluss, dass gerade die Vorstellung von Pferden aus westlicher Perspektive meist mit heroischen Charakterzügen durchzogen ist. Dabei waren Kriegspferde einerseits Statussymbol und Begleiter kriegerischer Helden, andererseits traten Pferde selbst als eigenständiger Held mit Tapferkeit und Persönlichkeit hervor. Ein neuer Wendepunkt war der Wandel vom Kriegspferd zum Turnier- beziehungsweise Sportpferd – dabei wird die Darstellung von Pferden stärker emotionalisiert. 7
Außerdem kommt es bei Darstellungen und Berichten über das Mittelalter häufig zu missverständlichen Bildern. Oft wird es als das dunkle Zeitalter wahrgenommen, wobei die Forschung schon lange dagegen argumentieren kann.
