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Meinung

Wieso ich nie wieder in eine Pferdekutsche steigen würde

Pferdekutschen auf dem Residenzplatz in Salzburg Aldstadt
Pferdekutschen gehören in einigen Städten noch fest mit zu dem Tourismus. Aber ist das noch zeitgemäß? Foto: Getty Images
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Porträt Emily Reimann
PETBOOK-Redaktion

30. März 2026, 14:25 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Pferdekutschen stehen für Entschleunigung, Romantik und ein Stück Vergangenheit. Doch trügt dieses Bild? Denn hinter dem scheinbar idyllischen Angebot verbirgt sich eine Debatte, die seit Jahren an Schärfe gewinnt – und unbequeme Fragen aufwirft. PETBOOK-Autorin Emily Reimann hat jedoch schon lange für sich entschieden: Pferdekutsche? Nie mehr!

Worum es bei Kutschfahrten wirklich geht

„Ich steige in diesem Leben nicht mehr in eine Pferdekutsche.“ Das habe ich mir geschworen – und mich damit gleichzeitig in ein Dickicht aus Nesseln gesetzt. Zu dem Thema Pferdekutschen gibt es die verschiedensten Meinungen. Oft wird die Diskussion als eine Entscheidung zwischen „Tierquälerei und Tradition“ geführt. Besonders zugespitzt ist der Diskurs rund um sogenannte Fiaker – das sind traditionelle, zweispännige Lohnkutsche, die besonders in Wien als Wahrzeichen und Touristenattraktion gelten – oder immer dann, wenn es zu Unfällen oder Todesfällen im Zusammenhang mit Kutschen kommt.

Zuletzt wurden zwei Pferde nach einem Unfall in Potsdam laut einer Polizeimeldung der Polizei Brandenburg eingeschläfert, der Kutschfahrer kam mit Verletzungen ins Krankenhaus. Kurz darauf meldete sich die Tierrechtsorganisation Peta zu Wort und forderte in einer Pressemitteilung ein Kutschverbot vom Landrat Marko Köhler. Aber was ist eigentlich das Problem mit Kutschfahrten?

Zwischen Nostalgie und Zweifel

Als Kind saß ich oft in Pferdekutschen – etwa in Feriencamps oder bei Ausflügen mit der Schule. Wenn ich heute daran zurückdenke, ist da vor allem Nostalgie: Kinderlachen, gemeinsames Singen, dieses unbeschwerte Unterwegssein. Und doch habe ich schon damals darauf geachtet, welches Pferd vor der Kutsche stand. In der Regel zogen uns Kaltblüter ruhig im Schritt durch den Wald.

Als ich älter wurde und mit meinen Eltern kleine Städtetrips machte, begann sich mein Blick zu verändern. Vor allem Kutschpferde in Städten wirkten auf mich oft anders: einige kaum bemuskelt, im Verhältnis zur Kutsche fast schon zierlich, manche sehr alt oder noch sehr jung. Manchmal hatte ich auch das Gefühl, dass sie nicht ausreichend ernährt waren – Heu an den Standplätzen habe ich zumindest nie gesehen.

Debatte um Kutschpferde ist lauter geworden

Gleichzeitig gab es auch andere Pferde: wach, kräftig, gut gepflegt. Gerade dieser Unterschied ist mir mit der Zeit immer stärker aufgefallen – und hat Fragen aufgeworfen. Zu dieser Zeit hatte ich selbst ein Pferd und begann, mich intensiver damit auseinanderzusetzen, woran man erkennt, ob es einem Tier gut geht – und was es braucht, damit es langfristig gesund bleibt. Vielleicht liegt genau hier der Wendepunkt. Denn je mehr ich darüber gelernt habe, desto weniger konnte ich das, was ich bei manchen Kutschpferden gesehen habe, einfach ausblenden.

Wenn ich heute darüber nachdenke, warum ich nicht mehr in eine Kutsche steigen würde, dann hat das genau damit zu tun. In den vergangenen zehn Jahren ist die Debatte um Kutschpferde – besonders in Innenstädten – deutlich lauter geworden. Kritische Stimmen nehmen zu, ebenso die Forderungen: strengere Regeln, Fahrverbote bei Hitze, teilweise auch ein grundsätzliches Aus.

Das eigentliche Problem hinter der Kutschfahrt

Wieso gibt es eigentlich diese scheinbar endlose Debatte rund um Kutschpferde – vor allem in Großstädten, wo sie auf Touristen warten? Kritiker sehen darin mehr als nur ein nostalgisches Angebot. Sie verweisen auf Hitze ohne ausreichenden Schatten, lange Arbeitszeiten, unregelmäßige Wasserversorgung und vor allem auf einen grundlegenden Widerspruch: Pferde sind Fluchttiere.1

Genau darin liegt eines der größten Probleme – nicht nur für die Tiere, sondern auch für Menschen. Pferde nehmen ihre Umgebung permanent wahr und reagieren sensibel auf Geräusche, Bewegungen und Unvorhergesehenes. Ein hupendes Auto, ein plötzlich bremsendes Fahrrad, eine Menschenmenge – all das kann ausreichen, um ein Tier zu erschrecken. Anders als in einer ruhigen, kontrollierten Umgebung gibt es im Stadtverkehr kaum Rückzugsmöglichkeiten. Gerät ein Pferd in Panik, ist es nicht nur sich selbst ausgeliefert, sondern zieht die Kutsche und damit auch Menschen mit in eine potenziell gefährliche Situation.

Dass diese Risiken nicht nur theoretisch sind, zeigt auch der Umgang mit besonders sensiblen Orten. Nicht umsonst ist es Pferdekutschen untersagt, den Pariser Platz in Berlin zu befahren. Das gilt seit dem 13. Dezember 2017 und wurde mit der Sicherheit für Fußgänger und dem geordneten Verkehr begründet. Außerdem heißt es in der Pressemitteilung des Bezirksamts Mitte vom 29. Januar 2018: „Der Pariser Platz ist zudem für den Aufenthalt von Pferden nicht geeignet, weil es dort keine Möglichkeiten zum Trinken und Ausruhen für die Tiere gibt und auch keine, für das Tierwohl wichtige, Schattenplätze gibt.“

Warum es Pferdekutschen trotzdem noch gibt

Wenn ich an Wien denke, habe ich direkt die Bilder des historischen Zentrums vor Augen. Die Hofburg und der Stephansdom – typisch Wien eben. Die Architektur lädt von sich aus schon ein, sich zu fragen, wie es wohl anfühlen muss, in einer Kutsche durch die Straßen zu fahren. Wien ist nämlich nicht nur für Sisi, Sachertorte und den Charme alter Gebäude bekannt, sondern auch für Fiaker. Ursprünglich waren sie eine Art frühes Taxi-System: Bereits im 17. Jahrhundert wurden Kutschen offiziell lizenziert und an festen Standplätzen angeboten. Im Laufe der Zeit entwickelte sich das Gewerbe vom alltäglichen Transportmittel hin zu einer beliebten Möglichkeit für Touristen, die Stadt zu erkunden. 2

An diese Entwicklung knüpft bis heute auch die Argumentation vieler Fiaker-Betriebe an. Sie verweisen auf Studien, die zeigen, dass gesunde Pferde auch bei höheren Temperaturen leichte Arbeit – wie Kutschfahrten im Schritt – leisten können. Gleichzeitig bleibt die Kritik bestehen, denn die Bedingungen im Stadtverkehr gehen über die reine körperliche Belastung hinaus.

Kutschfahrten sollen heute vor allem Nostalgie und Entschleunigung vermitteln. Doch genau das sehen viele kritisch – und ich ebenfalls: Während Fiaker für die einen Kulturgut sind, fordern andere seit Jahren strengere Regeln oder Verbote. Im Fokus stehen dabei unter anderem lange Arbeits- und Wartezeiten, monotone Abläufe, Stress durch den Verkehr sowie mögliche Unfallrisiken. So dreht sich die Debatte weniger um ein klares Ja oder Nein, sondern um die Frage, unter welchen Bedingungen der Einsatz von Pferden im modernen Stadtleben überhaupt vertretbar ist.3

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Wieso ich nicht mehr in eine Kutsche steigen würde

Ich steige in diesem Leben nicht mehr in eine Kutsche – vor allem nicht in eine touristische. Zu sehr hat sich mein Blick auf Pferde verändert. Aus eigener Erfahrung weiß ich, was es braucht, damit ein Pferd körperlich und mental ausgeglichen ist: ausreichend Wasser, kontinuierlicher Zugang zu Raufutter, Ruhephasen und vor allem eine Haltung, die dem Tier erlaubt, seinen natürlichen Bedürfnissen nachzugehen. Pferde sind soziale Fluchttiere, sie brauchen artgerechte Bewegung, Rückzugsmöglichkeiten und verlässliche Strukturen.

All das steht für mich in einem deutlichen Spannungsverhältnis zu dem, was ich bei vielen Kutschpferden in Städten beobachtet habe: lange Standzeiten auf hartem Untergrund, wenig Abwechslung, dichter Verkehr, Lärm und Hitze. Selbst wenn einzelne Betriebe bemüht sind, gute Bedingungen zu schaffen, bleibt für mich die grundsätzliche Frage bestehen, ob ein Tier, das von Natur aus auf Weite, Bewegung und Herdenleben ausgelegt ist, überhaupt in dieses Umfeld passt. Genau deshalb ist für mich die Entscheidung klar: Ich möchte kein Teil dieses Systems mehr sein.

Zwischen Verantwortung und unbequemen Fragen

Mir ist bewusst, dass nicht alle Kutschbetriebe gleich arbeiten und viele Menschen sich ernsthaft um das Wohl ihrer Tiere bemühen. Es gibt Betriebe, die versuchen, gute Bedingungen zu schaffen und Verantwortung zu übernehmen. Und trotzdem bleibt für mich die Frage bestehen, ob diese Bemühungen ausreichen, wenn das grundlegende Umfeld – der dichte Stadtverkehr, Lärm, Hitze und wenig Rückzugsmöglichkeiten – kaum veränderbar ist.

Vielleicht geht es am Ende weniger darum, einzelne Akteure zu verurteilen, sondern darum, ehrlich zu hinterfragen, welche Rolle Tiere in unserem heutigen Stadtleben noch einnehmen sollten – und wo wir bereit sind, neue Wege zu gehen.

Quellen

  1. peta.de, „Pferdekutschen: Tierquälerei, Stress und Tod“ (aufgerufen am 30.03.2026) ↩︎
  2. fiaker.info, „GESCHICHTE DER WIENER FIAKER“ (aufgerufen am 30.03.2026) ↩︎
  3. nationalgeographic.de, „Kulturgut oder Tierquälerei: Sind Pferdekutschen noch zeitgemäß?“ (aufgerufen am 30.03.3036) ↩︎

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