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Wunderpferd „Totilas“

Wie mit Sperma von totem Hengst ein Millionengeschäft gemacht wird

Der schwarze Rappe Totilas ist mit seinem Reiter auf einem Tunier
Totilas wurde 2010 für 10 Millionen Euro verkauft. Foto: picture alliance / dpa | Uwe Anspach
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Werkstudentin

28. August 2025, 11:13 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Totilas, der Wunderhengst. Er brach seine eigenen Rekorde, hatte über 1000 Nachkommen und war ein absoluter Publikumsliebling. Nach seinem Tod kam es zu einem Rechtsstreit zwischen Vorbesitzer und aktuellem Besitzer. Worum es ging? Um Sperma, Millionen und Geschlechtskrankheiten. Was dahintersteckt, erfahren Sie hier.

Totilas wurde für 10 Millionen Euro verkauft

Mit zahlreichen Erfolgen, aufgestellten Weltrekorden und einer beeindruckenden Zahl an Goldmedaillen ging Totilas als Jahrhundertpferd in die Geschichte der Dressur ein. Dazu trug nicht zuletzt auch sein außergewöhnlich hoher Verkaufspreis bei. 2010 wurde Totilas für rund 10 Millionen Euro an den deutschen Unternehmer und ehemaligen Springreiter Paul Schockemöhle verkauft – eine Summe, die das Unvorstellbare berührt.

Bis zu diesem Verkauf gehörte Totilas dem niederländischen Unternehmer Kees Visser und trat unter seinem Bereiter Edward Gal an. Dieser wurde allerdings immer wieder mit Vorwürfen der Rollkur-Praxis konfrontiert. Später wurde das Jahrhundertpferd von Matthias Alexander Rath geritten, mit dem er ebenfalls auf zahlreichen Turnieren in hohen Dressurklassen an den Start ging.1,2

Wunderhengst, Jahrhundertpferd und Geldgrube?

Der Grand Prix ist in der Dressur die höchste und schwierigste Klasse der Prüfungen. Eine hohe Punktzahl in der Wertung macht den Sieg im Dressurviereck erreichbarer. Die Punkte werden in Prozent angegeben, wobei 100 Prozent die höchste mögliche Wertung sind. Dabei entsteht die Gesamtnote, indem die einzelnen Lektionen auf einer Skala von 0,00 bis 10,00 bewertet werden. Fünf Richter vergeben unabhängig voneinander die Noten für die Übungen.

Für eine Lektion eine 10,00 zu erhalten, war und ist immer noch sehr besonders. Diese Punktzahl sagt eigentlich: „Das ist das Ideal, besser geht es nicht.“ Das Erreichen der 10 bedeutet Perfektion. Totilas hat diese eigentlich unantastbare Höchstnote ganze 28 Mal bekommen. Die Reitsportwelt war besonders angetan von seinem passionierten Trab und seiner atemberaubenden Ausführung der Piaffe. Piaffe ist eine Übung in der klassischen Reitkunst, in der das Pferd in trabartigen Bewegungen auf der Stelle tritt.

Durch seine Leistungen setzte er neue Standards im Reitsport. Für Züchter war das besonders interessant. Totilas’ Eigenschaften machten ihn als Deckhengst sehr attraktiv. Normalerweise läuft das Decken der Stuten im persönlichen Kontakt ab. Oft wird allerdings auf künstliche Befruchtung mit frischem oder tiefgefrorenem Sperma des Wunschhengstes zurückgegriffen.

Die höchste Decktaxe für Samen von Totilas lag bei 8000 EUR pro Portion. Zwischenzeitlich fiel diese im Jahr 2016 auf 2500 EUR. Zu diesem Zeitpunkt verkündete Schockemöhle, einer der Eigentümer von Totilas, das Karriereaus des Wunderhengstes. Quellen zufolge müsste Totilas über 1000 Nachkommen haben. Selbst bei der niedrigsten Decktaxe ist das ein Millionengeschäft.3,4

Tot und trotzdem lebendig?

Mit seinem Tod im Jahr 2020 legte sich ein tiefschwarzer Schleier über die Landschaft des Dressursports. Der geliebte Totilas war an Folgen einer Kolik gestorben. Zuvor gab es laut Berichterstattung allerdings weitaus mehr Krankheitsbilder. Unter anderem war die Rede von einem Knochenödem im Huf. Zuvor soll Totilas im Jahr 2013 sich sogar einen Sehnenschaden hinzugefügt haben, ausgerechnet beim Sprung auf eine Phantomstute für eine Samenspende.

Man sollte meinen, dass mit dem Tod des Spitzenhengstes auch der Wunsch nach weiteren Nachkommen begraben wurde. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Pferdezucht entdeckte tiefgefrorene Spermien für sich. So froren sowohl Totilas’ Vorbesitzer als auch die aktuellen Besitzer seine Samen ein. Aktuell kann man sich ganz einfach über eine Website der aktuellen Halter Spermien von Totilas für 4000 EUR kaufen – natürlich zuzüglich Mehrwertsteuer. Dementsprechend wird es auch in Zukunft möglich sein, seinen eigenen Totilas zu züchten. 5

Wem gehört das Sperma?

Zugegeben, das ist eine untypische Frage im Alltag. Allerdings war genau das Mittelpunkt eines Rechtsstreites zwischen ehemaligen und aktuellen Besitzern von Totilas. Grund dafür war erst das Ableben des Starpferdes. Denn der ehemalige Besitzer Kees Visser hatte vor dem Verkauf des Hengstes 240 Becher, gefüllt mit Spermien, einfrieren lassen. Nach dem Tod von Totilas versuchte er, die Proben für knapp 4000 EUR zu verkaufen – ein potenzielles Millionengeschäft.

Darauffolgend türmten sich die Ereignisse: Paul Schockemöhle, der Besitzer Totilas bis zu dessen Tod, reichte eine Anzeige gegen Visser ein. Da Schockemöhle das alleinige Zuchtrecht innehatte, bestand er auf dem alleinigen Verkaufsrecht der Spermien. So urteilte auch das Landgericht Oldenburg in der entsprechenden Verhandlung. Nun nahm die Sperma-Odyssee ihren Lauf: Visser ließ das Urteil nicht auf sich sitzen und reichte Berufung ein.

Zur selben Zeit in den Niederlanden: Schockemöhle wurde von Visser angeklagt. Damit wollte der Vorbesitzer erreichen, dass er weiterhin die Samen verkaufen darf. Grundlage dafür war die Annahme, dass bei Verkauf eines Pferdes, nicht automatisch die tiefgekühlten Spermien dem neuen Besitzer zustehen. Doch auch dieser Prozess lief nicht reibungslos ab: Nach einem gefühlt ewigen Hin und Her an Zuweisungen der Zuständigkeiten der niederländischen Gerichte im Jahr 2022, folgte ein aufschlussreiches Urteil. Visser darf keine Spermien des toten Hengstes verkaufen.6,7,8

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Die zwei Seiten der Medaille

Bei dem ganzen Drama im Gericht bleibt aber auch ein anderer Beigeschmack. Neben all den Totilas-Fans gibt es auch kritische Stimmen. Hierbei steht nicht das Pferd im Fokus, sondern die Halter und Bereiter. Sowohl der niederländische Bereiter Edward Gal als auch der deutsche Bereiter Matthias Alexander Rath, standen oft in Bezug auf ihre Trainingsmethoden in der Kritik. In beiden Fällen geht es um die sogenannte und im Reitsport breit diskutierte Rollkur.

Bei der Rollkur wird das Pferd durch die Hand des Reiters über die Zügel in eine Hyperflexion gebracht. Dabei wird der Pferdekopf weit nach unten gezogen und auf die Brust gepresst – mit fatalen Folgen. Bei einer solchen Überdehnung leidet das Pferd unter Druck auf Bandscheiben, Blockaden und den damit einhergehenden Schmerzen. Bekanntermaßen sind Pferde Fluchttiere – wichtig für sie ist das Gefühl von Sicherheit. Die Rollkur schränkt allerdings gravierend die Sicht des Pferdes ein und sorgt für Unsicherheit und Anspannung. Das belastet auch die Beziehung zum Reitpartner. Weitere Folgen der Rollkur können sein: Blockade des Rückens, Überstreckung der Halswirbel, Blockade des Rückens und Abdrückung der Luftröhre.9

Das Spermien-Wirrwarr geht in die nächste Runde

Wer denkt, dass die Akte Totilas nach zwei rechtskräftigen Urteilen geschlossen ist, der irrt sich gewaltig. Während nämlich die Prozesse in den Niederlanden und Deutschland liefen, wurden neue Anschuldigungen erhoben: Paul Schockemöhle behauptete, dass er den Hengst 2010 mit einer CEM-Infektion gekauft hat.

Bei CEM handelt es sich um die sogenannte ansteckende Pferdemetritis, eine bakterielle Deckinfektion. Für Züchter ist das ein absoluter Schrecken. Infizierte Stuten leiden nicht nur unter Entzündungen der Geschlechtsorgane, sondern auch an Fehlgeburten. Bei Hengsten lassen sich meist keine Symptome erkennen. Visser behauptet, immer negative Testergebnisse bekommen zu haben. Ein Urteil zu diesen Anschuldigungen steht aber noch aus.10

Quellen

  1. pferde.de, „Von Poseidon bis Totilas: Die berühmtesten Pferde der Welt“ (aufgerufen am 28.08.2025) ↩︎
  2. magazine.clipmyhorse.tv, „Totilas – Das Jahrhundertpferd im Portrait“ (aufgerufen am 28.08.2025) ↩︎
  3. shop.schockemoehle.com, „Totilas“ (aufgerufen am 28.08.2025) ↩︎
  4. faz.net, „Totilas-Samen zum ,Schnäppchen-Preis‘“ (aufgerufen am 28.08.2025) ↩︎
  5. spiegel.de, „Der Unvollendete“ (aufgerufen am 28.08.2025) ↩︎
  6. zuechterforum.com, „Kees Visser darf kein TG-Samen von Totilas vertreiben“ (aufgerufen am 28.08.2025) ↩︎
  7. pferde.de, „Dauer-Streit vor Gericht: Wem gehört Totilas‘ Sperma?“ (aufgerufen am 28.08.2025) ↩︎
  8. blick.ch, „Besitzer streiten sich um Sperma von Totilas“ (aufgerufen am 28.08.2025) ↩︎
  9. wehorse.com, „Rollkur im Pferdesport: Warum du nicht wegsehen darfst“ (aufgerufen am 28.08.2025) ↩︎
  10. blv.admin.ch, „Ansteckende Pferdemetritis“ (aufgerufen am 28.08.2025) ↩︎

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