28. März 2026, 16:44 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Als „Rattenkönig“ bezeichnet man ein Knäuel von Ratten, die mit ihren verknoteten Schwänzen untrennbar miteinander verbunden sind. Was auf den ersten Blick wie ein Mythos aus dunklen Zeiten wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein seltenes, aber reales Naturphänomen. PETBOOK-Redakteurin und Biologin Saskia Schneider erklärt, wie ein solches Gebilde entsteht und was hinter dem Namen „Rattenkönig“ steckt.
Ratten, die an den Schwänzen miteinander verknotet sind? So etwas kann es doch gar nicht geben. Tatsächlich dachte man lange Zeit, solche Gebilde wären menschengemacht – oder es ginge hier mit dem Teufel zu. Doch trotz aller Legenden gibt es plausible biologische Erklärungen für das gruselige Phänomen.
Wie entsteht ein Rattenkönig?
Rattenkönige entstehen fast ausschließlich unter Hausratten (Rattus rattus), die über besonders lange, dünne und greiffähige Schwänze verfügen. In engen Nestern oder Bauhöhlen kann es passieren, dass sich die Schwänze mehrerer junger Ratten beim Kriechen und Klettern berühren, sich reflexartig umschlingen und – unterstützt durch feuchte oder klebrige Substanzen wie Urin, Kot, Blut oder Nistmaterial – verkleben. Wird dann ein Fluchtversuch unternommen, zieht sich das Knäuel fest zusammen. Der entstehende Knoten ist so eng, dass sich die Tiere nicht mehr voneinander lösen können. 1
Besonders häufig tritt das Phänomen im Winter auf – möglicherweise begünstigt durch das Zusammenfrieren feuchter Schwänze. Manche Hypothesen, etwa dass die Ratten sich absichtlich verknoten, gelten heute als widerlegt. Auch Manipulationen oder Präparate, die nach dem Tod arrangiert wurden, sind in Einzelfällen nicht auszuschließen.
Warum heißt es „Rattenkönig“?
Die Bezeichnung „Rattenkönig“ stammt aus dem deutschen Sprachraum. Sie dürfte sich aus der Vorstellung speisen, dass in jeder Gruppe ein König herrsche – auch im Rattenreich. In alten Darstellungen sitzt dieser König auf einem Thron aus Rattenschwänzen, mit Krone und Zepter ausgestattet. Eine besonders bildhafte Vorstellung, die sich bis heute in Literatur und Popkultur erhalten hat.
„Rattenkönig“ wurde ursprünglich aber auch metaphorisch verwendet: Mal meinte man damit eine besonders große Ratte, die über andere herrsche, mal diente er als Schimpfwort für habgierige Menschen. Erst später bezog sich der Begriff auf das tatsächliche Phänomen miteinander verknoteter Ratten. 2
Mythen und Glauben rund um den Rattenkönig
Im Mittelalter galt der Fund eines Rattenkönigs als böses Omen – ein Vorbote von Krankheit, Tod und insbesondere der Pest. Tatsächlich ist dieser Glaube nicht völlig aus der Luft gegriffen: Eine hohe Rattendichte kann ein Indikator für schlechte hygienische Bedingungen sein, was wiederum das Risiko für seuchenhafte Erkrankungen erhöhte. Der „Rattenkönig“ wurde deshalb mit Misstrauen und Angst betrachtet. In der Literatur wurde er dämonisiert – als mehrköpfiges Ungeheuer wie in Julius Wolffs „Rattenfänger von Hameln“ oder als übernatürliches Wesen, das von seinen Untertanen getragen wird.
Können die Ratten überleben?
Erstaunlicherweise: ja – zumindest für eine gewisse Zeit. Es gibt belegte Fälle lebend gefundener Rattenkönige, bei denen einzelne Tiere sogar Zeichen einer Versorgung durch andere Ratten aufwiesen. Die betroffenen Tiere können sich zwar nicht fortbewegen, ernähren sich jedoch möglicherweise von Futterresten im Nest oder von durch den Boden rieselnden Körnern. 3
Dennoch ist ein Rattenkönig ein evolutionäres Dilemma: Die verknoteten Tiere sind leichte Beute für Fressfeinde und sterben meist an Hunger, Verletzungen oder Infektionen. Dass viele Rattenkönige mumifiziert entdeckt wurden, etwa eingeklemmt in engen Gebäudestrukturen, erklärt sich durch die trockene Umgebung und mangelnde Verwesung.
Historische Belege
Der bekannteste und größte Rattenkönig wurde 1828 im thüringischen Buchheim bei Altenburg gefunden – ein Knäuel aus 32 Hausratten, mumifiziert in einem Kamin. Dieses Präparat ist bis heute im Naturkundemuseum „Mauritianum“ in Altenburg ausgestellt. 4Insgesamt sind weltweit etwa 50 bis 60 Funde dokumentiert – die meisten aus Mitteleuropa, insbesondere aus Deutschland, Frankreich, dem Baltikum und Dänemark. 5
Seit dem 20. Jahrhundert werden Rattenkönige immer seltener gefunden – vermutlich wegen besserer Hygiene, sinkender Rattenpopulationen und der Verdrängung der Hausratte durch die robustere Wanderratte (Rattus norvegicus), deren kürzerer Schwanz ein Verknoten weniger wahrscheinlich macht.
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Phänomen gibt es auch bei Eichhörnchen
Weniger bekannt, aber nicht minder erstaunlich ist das vergleichbare Phänomen des sogenannten „Eichhörnchenkönigs“. Dabei verkleben die Schwänze junger Eichhörnchen – meist durch Baumharz, Nistmaterial oder menschliche Abfälle – zu einem unentwirrbaren Knoten. Anders als bei Ratten wird dieser Zustand fast immer entdeckt, wenn die Tiere noch leben, etwa wenn sie gemeinsam aus dem Nest stürzen.
In Nordamerika und Kanada wurden in den letzten Jahrzehnten mehrere solcher Fälle dokumentiert, bei denen die Tiere mit Hilfe von Menschen erfolgreich getrennt werden konnten. Ohne Eingreifen wären sie kaum überlebensfähig gewesen.
Fazit:
Der Rattenkönig ist ein ebenso seltenes wie faszinierendes Naturphänomen, das seit Jahrhunderten Wissenschaftler wie Laien in seinen Bann zieht. Zwischen Aberglaube, Schrecken und staunenswerter Biologie liegt seine Geschichte – und sie erinnert uns daran, wie überraschend und kurios die Natur manchmal sein kann. Ob als Warnsignal für schlechte Lebensbedingungen oder als biologisches Kuriosum: Der Rattenkönig bleibt ein Phänomen, das unsere Vorstellungskraft ebenso fesselt wie unsere Forschung herausfordert.
Zur Autorin
Dr. Saskia Schneider ist promovierte Biologin. In ihrem Studium an der Freien Universität Berlin widmete sie sich vor allem der Zoologie und dem Verhalten von Tieren.
