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Ungeahnte Fähigkeiten

„Wo Freund?“ – wenn Tiere anfangen, Fragen zu stellen

Fischkatze Flounder neben ihrem Soundboard
Als Fischkatze Flounder ihren Freund vermisste, drückte sie diese zwei Worte. Zufall – oder eine echte Frage? Foto: Nina Leipold/Flounder the cat
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30. April 2026, 13:28 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten

Können Tiere Fragen stellen oder ist das eine Fähigkeit, die nur uns Menschen vorbehalten ist? Lange galt Letzteres als wissenschaftlicher Konsens. Doch immer mehr Tierhalter berichten von erstaunlichen Beobachtungen, die genau das infrage stellen. So auch im Fall der Hündin Bunny und der Katze Flounder. Was sie mit sogenannten Soundboards zeigen, wirkt auf viele Beobachter wie mehr als antrainiertes Verhalten. Im PETBOOK-Interview erzählen die Halterinnen von Flounder und Bunny von Momenten, die selbst sie zunächst zweifeln ließen und die heute eine neue Sicht auf tierische Kommunikation eröffnen.

Menschenaffen stellten nie selbst Fragen

Lange Zeit ging man in der Verhaltensforschung davon aus, dass allein der Mensch in der Lage sei, Fragen zu stellen. Fundierte wissenschaftliche Studien gab – und gibt – es dazu allerdings kaum. Die Erkenntnisse zu solchen Fähigkeiten stammen meist aus der Zusammenarbeit und dem Training mit Tieren.

So brachten Forscher Menschenaffen wer Gorillas oder Orang-Utans Gebärdensprache bei, um sich mit den Tieren zu verständigen. Doch obwohl die Affen Fragen verstanden, stellten sie nie selbst welche.1

Erste dokumentierte Fälle waren zwei Graupapageien

Der erste Vogel, der nachweislich eine Frage stellte, war ein Graupapagei names Alex. Als er sich 1980 selbst im Badezimmerspiegel erblickte, fragte er „Was ist das?“ – worauf Laborstudentin Kathy Davidson antwortete: „Das bist du“.

Viel bekannter ist heutzutage Graupapagei Apollo, der auf Instagram mit seinem Account „apolloandfrens“ über1,4 Millionen Follower begeistert und dort regelmäßig Fragen stellt wie „Wie heißt das?“ und „Welche Farbe hat das?“.

Soundboards ermöglichen Tieren Kommunikation

Doch während die Kommunikation mit Papageien einfach ist, da sie unsere Sprache imitieren und tatsächlich Wörter und ganze Sätze bilden können, wird es bei anderen Tieren schon schwieriger, festzustellen, ob auch sie sich Fragen stellen oder stellen würden, wenn sie denn könnten.

Doch seit einigen Jahren werden Soundboards als Kommunikations-Systeme für Haustiere wie Hunde, Katzen und sogar Kleintiere immer beliebter. Vor allem auf Social Media finden sich zahlreiche Accounts. Zu den berühmtesten gehören der von Hündin Bunny und der von Fischkatze Flounder.

„Where friend“ – wenn Trauer zur Frage wird

Für Nina Leipold, die Halterin von Flounder, war es ein zutiefst emotionaler Moment, der ihre Sicht auf tierische Kommunikation veränderte, wie sie PETBOOK im Gespräch mitteilt. Lange war sie unsicher, wie sie die Äußerungen ihrer Fischkatze einordnen sollte. Doch dann kam ein Ereignis, das alles veränderte.

Am Tag nach dem Tod von Mitbewohner-Katze Fiki begann Flounder das Haus nach ihm abzusuchen. Als sie ihn nicht fand, drückte sie schließlich auf ihrem Soundboard zwei Worte: „Where friend“ (z.Dt.: „Wo Freund“).

„Ich glaube, dass Flounder in der Lage ist, Fragen zu stellen“, sagt Leipold heute. Dieser Moment habe für sie deutlich gemacht, dass es sich nicht nur um erlernte Abläufe oder einfache Bedürfnisse handelt, sondern um ein aktives Suchen nach Information. Flounder wollte wissen, wo ihr Gefährte ist.

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Neugier, die über Worte hinausgeht

Auch in weniger dramatischen Situationen zeigt Flounder eine bemerkenswerte Form von Neugier. Nachdem sie das Wort „Wingapo“ – ein „Hallo“ aus der Powhatan-Sprache, das sie aus dem Disney-Kalssiker „Pocahontas“ aufgeschnappt hatte – in ihren Wortschatz integriert hatte, kombinierte sie eines Tages mehrere Buttons zu einer Sequenz: „Warum“ – „Pocahontas“ – „Wingapo“.

Für Leipold wirkte es, „als ob sie versuchen würde, zu verstehen, warum Pocahontas ein anderes Wort für ‚Hallo‘ benutzte.“ Eine Katze, die sich über Sprachunterschiede wundert? Solche Momente sind es, die selbst skeptische Beobachter innehalten lassen.

Wann ist es eine Frage und wann nur ein Wunsch?

Eine der zentralen Herausforderungen ist allerdings, wie man echte Fragen von bloßen Forderungen unterscheidet.

Leipold beschreibt klare Unterschiede: „Bitten werden in der Regel von Wörtern wie ‚bitte‘ oder ‚möchte‘ begleitet und Fragen enthalten meist Fragewörter wie ‚warum‘, ‚wo‘ oder ‚hmm?‘.“ Doch entscheidend sei auch immer der Kontext.

Wichtig ist ihr zudem, dass Flounders Kommunikation nicht auf bloßen Wiederholungen basiert. „Ich achte sehr darauf, beim Vorzeigen keine Abläufe zu wiederholen, damit sie Kommunikation nicht als eine Abfolge von Schritten betrachtet, die es zu lernen gilt.“ Für sie ist klar: Es geht nicht um Dressur, sondern um Ausdruck.

„Vielleicht eine Frage. Vielleicht etwas Frageähnliches.“

Noch weiter geht Alexis Devine, Halterin der Hündin Bunny, die zu den bekanntesten „sprechenden“ Hunden der Welt zählt. Ihre Analyse ist ebenso differenziert wie philosophisch.

Zunächst zieht sie eine grundlegende Grenze: „Eine Bitte zielt auf eine Handlung ab. Eine Frage zielt auf Informationen ab.“ Wenn Bunny Buttons wie „WANT OUTSIDE“ oder „GO PARK“ drückt, ist das eindeutig eine Aufforderung. Doch es gibt Situationen, die darüber hinausgehen.

Sie beschreibt etwa, wie Bunny beim Anblick eines Elchs aus dem Fenster von sich aus „WHAT ANIMAL“ drückt, ganz ohne Aufforderung. Für Devine ist das mehr als ein Reflex: „Ich verstehe das als eine ernst gemeinte Bitte um Informationen.“

Noch spannender wird es, wenn die erste Antwort nicht ausreicht. „Wenn meine Antwort sie nicht zufriedenstellt, fragt sie noch einmal nach oder formuliert die Frage um (…). Das ist keine erlernte Assoziation, die sich wiederholt.“ Ein Verhalten, das an echtes Nachfragen erinnert.

Besonders eindrücklich sind für Devine Situationen, in denen es um Abwesenheit geht. Wenn etwa ihr Vater John zu Besuch war und wieder gegangen ist, fragt Bunny am nächsten Tag: „WHERE JOHN“.

Für Devine ist das ein Schlüsselmoment: „Dazu bedarf es etwas, das Assoziationen allein nicht erklären können: ein mentales Modell der Welt, in dem ‚John irgendwo existiert, aber nicht hier ist‘.“ Ihr Fazit bleibt vorsichtig, aber deutlich: „Das ist keine Anfrage. Vielleicht eine Frage. Vielleicht etwas Frageähnliches. Ganz sicher nicht nur Konditionierung.“

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Kommunikation als Beziehung, nicht als Trick

Kritiker führen oft an, dass solche Interaktionen durch unbewusste Hinweise des Menschen beeinflusst sein könnten. Devine widerspricht dieser Sichtweise grundlegend.

„Jedes Gespräch (…) ist von Natur aus beziehungsorientiert“, erklärt sie. Kommunikation sei immer ein Zusammenspiel, ein gegenseitiges Reagieren. „Gegenseitige Reaktionsfähigkeit ist kein Mangel in der Kommunikation, sondern die eigentliche Struktur der Kommunikation selbst.“

Auch Leipold begegnet Skepsis mit Gelassenheit und der Einladung: „Probieren Sie es aus.“ Sie selbst sei anfangs „ein großer Skeptiker“ gewesen. Doch erst die eigene Erfahrung habe sie überzeugt: „Ich musste es selbst erleben und Flounder mir das Gegenteil beweisen lassen.“

Was verstehen Tiere wirklich?

Die vielleicht schwierigste Frage ist die nach dem Verständnis. Wissen Tiere eigentlich, was sie sagen?

Devine verlagert die Antwort in die Philosophie der Sprache. Bedeutung entstehe nicht isoliert in Worten, sondern „durch Beziehungszusammenhänge“ und gemeinsame Nutzung. In diesem „Sprachspiel“, wie sie es in Anlehnung an Wittgenstein beschreibt, sei Bunnys Verständnis „genauso echt wie meins“. Eine steile These, aber eine, die zum Nachdenken zwingt.

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Eine neue Art des Zuhörens

Vielleicht liegt die größte Erkenntnis gar nicht darin, was Tiere können, sondern darin, was wir lange nicht gesehen haben.

„Soundboards zeigen keine neuen Fähigkeiten bei Hunden. Sie bringen uns vielmehr zurück dazu, wirklich zuzuhören“, sagt Devine. Für sie zeigen diese Tools weniger die Fähigkeiten der Tiere als vielmehr eine verlorene menschliche Kompetenz: aufmerksam zuzuhören, ohne sofort zu interpretieren.

Auch Leipold hat durch Flounder gelernt, wie viel ihr zuvor entgangen ist. Katzen, sagt sie, seien „viel aufmerksamer, als ich es je gedacht hätte“ und könnten sich für erstaunlich viele Dinge interessieren.

Zwischen Faszination und Vorsicht

Bleibt also die Frage: Stellen Tiere wirklich Fragen? Eine endgültige Antwort gibt es nicht. Selbst Devine bleibt vorsichtig. Doch die Beispiele von Bunny und Flounder zeigen, dass die Grenze zwischen menschlicher und tierischer Kommunikation weniger klar ist, als lange angenommen.

Wenn eine Katze „Where friend“ drückt, wenn ein Hund „WHERE JOHN“ fragt oder wenn ein Tier über „Pocahontas Wingapo“ nachdenkt, dann entsteht zumindest der Eindruck von etwas, das wir lange nur uns selbst zugeschrieben haben: echtes, neugieriges Fragen.

Und vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt. Nicht, dass wir endgültig beweisen können, dass Tiere Fragen stellen. Sondern dass wir beginnen, sie überhaupt als mögliche Fragende zu betrachten.

Porträt Saskia Schneider auf dem PETBOOK Relaunch
Redaktionsleiterin

Meine Einschätzung als Verhaltensbiologin

„Ich verfolge den Account von ‚Flounder the Cat‘ schon seit einigen Jahren auf YouTube und Instagram. Zu Beginn war ich sehr skeptisch, aber Fischkatze Flounder zeigt so viele Eigenarten und Verhaltensweisen, die niemand hätte auch nur ansatzweise trainieren oder konditionieren können. Sicher ist sie eine besonders intelligente Fischkatze, aber es gibt neben ihr auch andere Accounts, wie der von Katze Elsie, die ebenfalls sehr komplexe Kommunikation zeigt. Mittlerweile bin ich fest davon überzeugt, dass wir die Intelligenz unserer Haustiere und die von vielen Wildtieren massiv unterschätzen.“

Quellen

  1. iflscience.com, „Are These 2 African Gray Parrots The Only Non-Human Animals To Ever Ask A Question?“ (aufgerufen a, 30.04.2026) ↩︎

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