11. Dezember 2025, 16:44 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Was sagt das Schnurren einer Katze über sie aus? Mehr, als viele denken. Eine Studie offenbart überraschende Erkenntnisse über die vokale Kommunikation von Katzen. Während das Miauen von Situation zu Situation stark variiert, ist das Schnurren deutlich stabiler – und verrät viel über die individuelle Identität jeder Katze.
Schnurren als akustischer Fingerabdruck
Ein Forschungsteam um Danilo Russo (Universität Neapel), Anja Birgit Schild (Freie Universität Berlin) und Mirjam Knörnschild (Museum für Naturkunde Berlin & HU Berlin) untersuchte, wie stark individuelle Merkmale in zwei zentralen Lauten von Hauskatzen – Miauen und Schnurren – erkennbar sind. Die Ergebnisse wurden 2025 in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ veröffentlicht.
Die Forscher analysierten über 800 Lautäußerungen von Hauskatzen und verglichen das Miauen zusätzlich mit Lauten von fünf Wildkatzenarten. Ziel war es, herauszufinden, wie stark Domestikation und Mensch-Katze-Interaktion die Stimmvielfalt beeinflusst haben – mit verblüffenden Ergebnissen.
Miauen als menschorientiertes Signal
Individuelle Erkennbarkeit über Stimme spielt in der Tierwelt eine wichtige Rolle. Etwa für soziale Bindungen, Kooperation oder das Wiedererkennen von Artgenossen. Zwar weiß man, dass viele Tierarten stimmliche „Signaturen“ besitzen, doch bislang war kaum erforscht, ob diese je nach Lauttyp unterschiedlich stark ausgeprägt sind.
Besonders interessant wird dies bei Haustieren wie der Katze (Felis catus), deren Lautverhalten sich durch die Nähe zum Menschen deutlich verändert hat. Vor allem betrifft dies das Miauen als menschorientiertes Signal, das in der freien Wildbahn kaum eine Rolle spielt. Die Forscher vermuteten deshalb, dass gerade das Miauen besonders viele Informationen über die Identität der Katze enthalten könnte. Doch wie sich zeigte, ist das Gegenteil der Fall. Denn während das Miauen von Hauskatzen in seiner Form stark variiert, bleibt das Schnurren eines Tieres stabil. Somit liefert es deutlich zuverlässigere Hinweise auf die Identität der Katze, mit weitreichenden Implikationen für unser Verständnis von Haustierkommunikation.
Forscher analysierten Hunderte Miau- und Schnurrlaute
Untersucht wurden 276 Miau-Laute von 14 Hauskatzen sowie 557 Schnurrlaute von 21 Hauskatzen. Alle Tiere lebten in Privathaushalten oder Tierheimen in Berlin und wurden in Alltagssituationen aufgenommen – etwa beim Warten auf Futter (Miauen) oder beim Streicheln (Schnurren).
Zusätzlich analysierte das Team 185 Miau-Laute von fünf Wildkatzenarten: Afrikanische Wildkatze (Falbkatze), Europäische Wildkatze, Rohrkatze, Gepard und Puma. Alle diese Arten gehören zur Familie der Kleinkatzen (Felinae), die im Gegensatz zu den Großkatzen (Pantherinae) miauen und – mit Ausnahme des Pumas – auch durchgehend schnurren können.
Das Forschungsteam untersuchte mithilfe automatischer Spracherkennungstechnologien sowie mit Aufnahmen aus dem Tierstimmenarchiv am Berliner Naturkundemuseum verschiedene Lautäußerungen. Durch hochpräzise Methoden (u. a. der sogenannten „mel-frequency cepstral coefficients“ – MFCC) wurden individuelle Unterschiede in der Klangstruktur erfasst. Die Studie war rein beobachtend und erfüllte alle ethischen Anforderungen.
Domestizierung macht Miauen vielfältiger
Dabei zeigte sich: Sowohl Miau- als auch Schnurrlaute enthielten erkennbar individuelle Merkmale, doch das Schnurren zeigte deutlich stärkere Identitäts-Signaturen. Bei der automatischen Zuordnung zu den richtigen Katzen lag die Trefferquote bei Schnurren bei 84,6 Prozent – im Vergleich zu nur 63,2 Prozent beim Miauen.
Der sogenannte „Stereotypie-Index“ (HS) zeigte, dass Schnurren Informationen über bis zu 22 Individuen transportieren kann, Miauen hingegen nur über etwa sechs. Sowohl Miau- als auch Schnurrlaute enthielten erkennbar individuelle Merkmale.
„Menschen achten vor allem auf das Miauen, weil Katzen diese Laute hauptsächlich gegenüber uns einsetzen“, erklärt Erstautor Danilo Russo in einer Pressemitteilung. „Aber nachdem wir die akustische Struktur genau untersuchten, stellte sich das gleichmäßige Schnurren als das bessere Mittel zur Identifikation verschiedener Individuen heraus.“
»Jede Katze hat charakteristisches Schnurren
Die vom Team genutzten Technologien waren ursprünglich für die automatische Erkennung menschlicher Sprache entwickelt worden. Und doch konnte ein Computer zuverlässig allein anhand des Klangs die jeweilige Katze und ihre Laute identifizieren.
„Jede Katze in unserer Studie hatte ihr eigenes charakteristisches Schnurren“, sagt Mitautorin Anja Schild. „Schnurren tritt häufig in entspannten Situationen auf, etwa beim Streicheln oder in engem Kontakt mit einer vertrauten Person. Es wird auch für die Kommunikation zwischen Mutterkatze und ihren Jungen kurz nach der Geburt verwendet. Das Miauen hingegen ist bekannt für seine Vielseitigkeit.“
Katzen setzen ihr Miauen besonders in der Interaktion mit Menschen ein – etwa beim Futterbetteln, dem Einfordern von Aufmerksamkeit oder dem Äußern von Unzufriedenheit. Diese situationsbedingte Vielfalt spiegelte sich auch in den akustischen Mustern wider. Innerhalb eines Individuums zeigen Miaus deutlich größere Unterschiede als Schnurrlaute.
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Domestikation fördert stimmliche Anpassungsfähigkeit
Um diese Ergebnisse evolutionär einzuordnen, verglichen die Forscher dann die Lautäußerungen der fünf Wildkatzenarten mit denen der Hauskatzen. Die Aufnahmen aus dem umfangreichen Tierstimmenarchiv des Museums zeigten: Die Miaus der Hauskatzen waren erheblich variabler als die ihrer wilden Verwandten.
„Das Leben mit Menschen, die sich in Routinen, Erwartungen und Reaktionen stark unterscheiden, hat vermutlich Katzen begünstigt, die ihre Miaus flexibel anpassen konnten. Unsere Ergebnisse stützen die Idee, dass sich Miaus zu einem hochgradig anpassungsfähigen Werkzeug entwickelt haben, um das Leben in einer vom Menschen geprägten Welt auszuhandeln“, sagt Seniorautorin Mirjam Knörnschild.
Somit verdeutlicht die Studie, wie sich die vokale Kommunikation von Katzen durch die Domestikation verändert hat. Während das stereotype, niederfrequente Schnurren als verlässliches Erkennungsmerkmal fungiert und eher unterbewusst erzeugt wird, nutzen Katzen das variantenreiche Miauen aktiv, um in der komplexen Mensch-Tier-Kommunikation flexibel auf unterschiedliche Situationen reagieren zu können.
Zwei Laute, zwei Funktionen
Die Studie liefert neue Einblicke in die komplexe Lautsprache von Katzen. Sie legt nahe, dass die Domestizierung vor allem die Flexibilität des Miauens gefördert hat. Während das tiefere, rhythmische Schnurren als stabiles Merkmal des Individuums fungiert, das Erkennung im engen sozialen Umfeld ermöglicht, dient Miauen als Kommunikationsmittel zum Ausdruck individueller Bedürfnisse und Emotionen gegenüber Menschen.
Erstmals gibt es hier auch einen direkten Vergleich zwischen den beiden wichtigsten Lautäußerungen von Hauskatzen im Hinblick auf individuelle Erkennbarkeit. Die Ergebnisse widerlegen die Annahme, dass das für Menschen gedachte Miauen besonders viele Identitätsmerkmale tragen müsste. Dies könnte daran liegen, dass Schnurren weitgehend von anatomischen Merkmalen des Stimmapparats bestimmt ist.
Miauen dagegen ist stark durch Situation, Emotion und Lernprozesse geprägt. Vor allem bei menschlichen Bezugspersonen scheinen Katzen ihr Miauen aktiv zu modulieren – je nachdem, welche Reaktion sie auslösen möchten. Die große Bandbreite des Miauens bei Hauskatzen zeigt, wie sehr sich diese Lautäußerung durch das Zusammenleben mit uns verändert hat. Der Mensch scheint über Zucht und Interaktion unbewusst Einfluss auf die Entwicklung dieser Laute genommen zu haben.