19. September 2025, 10:53 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Katzen sind beliebte Haustiere – aber könnten sie auch ein Risikofaktor für psychische Erkrankungen sein? Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse hat genau das untersucht: den Zusammenhang zwischen Katzenhaltung in der Kindheit und dem späteren Risiko für Schizophrenie oder ähnliche Störungen. Die Ergebnisse werfen ein neues Licht auf ein unterschätztes Thema – und rufen nach mehr Forschung.
Kann Katzenhaltung Schizophrenie begünstigen?
Die Idee, dass Katzenhaltung ein Risikofaktor für Schizophrenie sein könnte, ist nicht neu – sie basiert auf dem Verdacht, dass der Parasit Toxoplasma gondii dabei eine Rolle spielt. Dieser Einzeller lebt unter anderem im Darm von Katzen und kann Menschen durch direkten Kontakt oder kontaminierte Nahrung infizieren. Bei Tieren ist bekannt, dass ein Befall mit dem Parasiten sie zu Draufgängern macht, die Risiken weniger gut einschätzen können (PETBOOK berichtete). Besonders für Schwangere kann Toxoplasmose sehr gefährlich werden. Darüber hinaus kann T. gondii das zentrale Nervensystem beeinflussen und steht im Verdacht, psychische Veränderungen auszulösen – insbesondere bei Personen mit geschwächtem Immunsystem.
Frühere Einzelstudien kamen zu gemischten Ergebnissen. Einige zeigten einen Zusammenhang zwischen früher Katzenhaltung und erhöhtem Risiko für schizoide Verhaltensweisen, andere wiederum nicht. Auch für sogenannte psychoseähnliche Erfahrungen wie Wahrnehmungsstörungen oder soziale Anhedonie wurde ein möglicher Zusammenhang vermutet. Ziel der vorliegenden Untersuchung war daher eine umfassende, systematische Auswertung aller verfügbaren Originalstudien mit statistischer Gesamtauswertung (Metaanalyse), um belastbare Aussagen zu ermöglichen. Der bisherige Forschungsstand zur Frage sollte zusammengeführt werden und auch klären, ob ein Zusammenhang zwischen Katzenhaltung und Schizophrenie-bedingten Störungen oder sogenannten psychoseähnlichen Erfahrungen (PLE) besteht.
Katzenhaltung erhöht laut Studie Risiko für Schizophrenie um das Doppelte
Die Untersuchung wurde von John J. McGrath und Kolleginnen vom Queensland Brain Institute (University of Queensland, Australien) in Zusammenarbeit mit dem Queensland Centre for Mental Health Research durchgeführt. Veröffentlicht wurde sie in der Fachzeitschrift „Schizophrenia Bulletin“ (Band 50, Ausgabe 3, 2023).
Die Forscher führten dazu eine systematische Literaturrecherche in fünf wissenschaftlichen Datenbanken (Medline, Embase, CINAHL, Web of Science sowie graue Literatur) für den Zeitraum von 1980 bis Mai 2023 durch. In die Metaanalyse flossen ausschließlich Studien ein, die Daten zu Katzenhaltung (vor dem 25. Lebensjahr) und dem späteren Auftreten von Schizophrenie-ähnlichen Störungen oder PLE enthielten.
Dabei zeigte sich eine signifikante Assoziation zwischen früher Katzenhaltung und einem erhöhten Risiko für schizophreniebedingte Störungen. 10 Studien zeigten, dass Personen mit Katzenkontakt etwa doppelt so häufig ein Schizophrenierisiko hatten wie Personen ohne.
Für psychoseähnliche Erfahrungen (PLE) konnten die Forscher mangels vergleichbarer Messmethoden keine gepoolte Analyse durchführen. Einzelstudien zeigten gemischte Resultate: Manche fanden einen Zusammenhang zwischen Katzenerfahrungen (z. B. Katzenbisse oder Kontakt mit jagenden Katzen) und erhöhten PLE-Werten, andere nicht. Hochwertige Kohortenstudien zeigten in den adjustierten Analysen keinen klaren Zusammenhang.
Hatten die Katzen wirklich Toxoplasmose?
Die Ergebnisse stützen die Hypothese, dass Kontakt zu Katzen – insbesondere in der Kindheit – ein möglicher Risikofaktor für Schizophrenie-ähnliche Störungen sein könnte. Die Ergebnisse der adjustierten Metaanalyse sind besonders relevant, da sie verschiedene Störfaktoren (z. B. sozioökonomischer Status, andere Haustiere, familiäre Risikofaktoren) berücksichtigen.
Trotz der auffälligen Zusammenhänge mahnt die Studie auch zur Zurückhaltung bei der Interpretation. Die Qualität und Konsistenz der ausgewerteten Studien sei unterschiedlich. Zudem sei unklar, in welchem Alter der Kontakt mit Katzen besonders entscheidend sein könnte. Möglicherweise im Alter zwischen neun und zwölf Jahren.
Für PLE-Erfahrungen zeigte sich die Evidenzlage uneinheitlich. Der Zusammenhang mit der potenziellen Toxoplasma-gondii-Infektion bleibt ein zentrales Thema: Serologische Nachweise für T. gondii wurden in einigen Studien erhoben, was die biologische Plausibilität der Hypothese unterstützt. Dennoch ist unklar, ob der Kontakt mit Katzen der ausschlaggebende Risikofaktor ist oder lediglich ein indirekter Hinweis auf andere Umwelt- oder Infektionsrisiken.
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Weitere potenzielle Erreger im Fokus
Auch wenn T. gondii im Mittelpunkt steht, ziehen die Wissenschaftler alternative Erklärungen in Betracht. So rückt auch das Bakterium Pasteurella multocida, das in der Katzenspeichelflora vorkommt, in den Fokus. Denn es könnte ebenfalls psychologische Auswirkungen haben.
Die Forscher betonen jedoch, dass Katzenhalter nicht in Panik verfallen sollten. Die Mehrheit werde niemals schizoide Persönlichkeitsmuster entwickeln. Vielmehr sei nun weitere Forschung notwendig. Insbesondere großangelegte, repräsentative Studien, die untersuchen, wie Umweltfaktoren und Krankheitserreger möglicherweise mit psychischen Erkrankungen in Zusammenhang stehen. 1, 2
Empfehlungen für Katzenhalter
Trotz des bislang nicht eindeutigen Forschungsstandes kann man Katzenhaltern zu folgenden Vorsichtsmaßnahmen im Alltag raten:
- Katzentoiletten regelmäßig (mit Handschuhen) reinigen
- Nach dem Kontakt mit Katzen gründlich Hände waschen
- Kein rohes Fleisch füttern
- Regelmäßige Tierarztbesuche wahrnehmen
- Katzen auf Infektion mit T. gondii testen lassen
Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, wie komplex das Zusammenspiel zwischen Mensch, Tier und Umwelt tatsächlich ist – und welche Rolle bislang wenig beachtete biologische Faktoren möglicherweise für unsere psychische Gesundheit spielen könnten.