22. Oktober 2025, 6:29 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Auch wenn man dieses Verhalten typischerweise von Hunden kennt: Auch Katzen können Angst vor Männern haben. Die meisten vermuten dann, das Tier habe in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht. Das muss aber nicht so sein, wie PETBOOK-Redakteurin und Katzen-Verhaltensexpertin Saskia Schneider erklärt. Es gibt nämlich noch viele andere Gründe, warum Katzen – übrigens nicht nur vor Männern – Angst haben.
Ob Männlein oder Weiblein ist unseren Katzen eigentlich recht schnuppe. Trotzdem haben manche Menschen den Eindruck, ihr Tier könne Männer nicht leiden oder habe sogar Angst vor ihnen. Vor allem bei Katzen aus dem Tierschutz, deren Vergangenheit man nicht kennt, wird dann schnell vermutet, dass es auf schlechten Erfahrungen beruht. Und tatsächlich können Katzen aus diesem Grund Angst vor bestimmten Typen oder Personen entwickeln. In der Verhaltensbiologie spricht man dann von einer Generalisierung: Die Katze macht öfter (manchmal reicht auch nur einmal) schlechte Erfahrungen mit einem bestimmten Menschen und entwickelt dann generell Angst vor allen anderen Personen mit ähnlichen Merkmalen.
In seltenen Fällen kann das sogar das Geschlecht betreffen, obwohl man das sehr viel häufiger bei Hunden beobachten kann. Bei Katzen hingegen gibt es meist ganz andere Gründe, warum sie (vermeintlich) Angst vor Männern haben.
Körpersprache
Meist liegt es nicht am Geschlecht an sich, sondern eher daran, wie sich Menschen bewegen. Wer frontal auf die Katze zugeht und sich großmacht, sendet dem Tier das Signal: „Ich will Stress“. Vor allem Katzen, die in ihrem Leben eher weniger Menschenkontakt hatten, nehmen dann schnell Reißaus. Kitten, die hingegen mit vielen verschiedenen Menschen aufwachsen, können lernen, dass solche Bewegungsmuster bei Zweibeinern keine Gefahr oder Provokation bedeuten.
Ohne behaupten zu wollen, dass sich vor allem Männer so bewegen, dass sie Katzen Angst einjagen, kann die Körpersprache hier aber durchaus eine Rolle spielen – Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.
Tiefe Stimmen
Katzen reagieren vor allem auf hohe Stimmen, wie eine Studie 2022 zeigen konnte. Zwar ist damit nicht gleichzeitig gesagt, dass tiefe Stimmen dafür sorgen, dass die Tiere Angst bekommen. Erfahrungsgemäß reagieren Katzen darauf aber zumindest mit Zurückhaltung oder Skepsis. Vor allem, wenn eine gewisse Lautstärke überschritten wird.
Schaut man sich an, wie Katzen untereinander kommunizieren, so finden Lautäußerungen eher seltener statt – zumindest unter erwachsenen Tieren. Diese begrüßen sich untereinander mit einem melodischen „Murr“. Ansonsten geht es vor allem während der Paarung oder Revierstreitigkeiten laut zu. Dann werden die Stimmen tiefer und mischen sich in ein Knurren. Aus Katzensicht bedeutet eine tiefe Tonlage also eher Aggression.
Aber auch hier muss man differenzieren: Katzen sind sehr lernfähig. Nur weil ihre Menschen eine tiefe Stimme haben, bedeutet dies nicht, dass sie nicht erkennen, dass von ihnen keine Gefahr ausgeht. Denn Katzen sind laut Studien sogar in der Lage, ihre Bezugspersonen anhand der Stimme wiederzuerkennen (PETBOOK berichtete). Doch gerade Tiere, die bisher wenig Kontakt zu verschiedenen Menschen haben, können durch tiefe, laute Stimmen eingeschüchtert sein oder gar Angst bekommen – das gilt aber genauso für tiefe, laute Frauenstimmen.
Verhalten
Schließlich spielt auch das Verhalten eine Rolle. Wer mit großen, ausladenden Bewegungen und direktem Blickkontakt auf die Katze zu und durch den Raum geht, wird wahrscheinlich jedes Tier verschrecken. Nähert man sich dagegen vorsichtig und ruhig, signalisiert man: Von mir geht keine Gefahr aus. Auch hier wäre es vermessen zu behaupten, dass vor allem Männer sich so verhalten und Frauen wie Elfen durch die Gegend schweben. Aber es kann eben einer der Faktoren sein, warum der Eindruck entsteht, dass Katzen vor Männern Angst haben.
Selten ist es eine echte Generalisierung
Im Gegensatz zu Hunden, bei denen man öfter eine generalisierte Angst vor Männern (manchmal auch Frauen) feststellen kann, zeigen Katzen eher aus anderen Gründen abwehrendes Verhalten gegenüber bestimmten Menschen. So passiert es oft, dass Leute, die meinen, ihre Katze hätte Angst vor Männern, überrascht sind, wenn das Tier plötzlich doch auf den Schoß des neuen Freundes hüpft. Denn oft liegt es an Körpersprache und Verhalten – weniger am Geschlecht oder damit verbundenen Duftstoffen und Pheromonen.
Wer also meint, sein Tier hätte mit bestimmten Personen ein Problem – nicht immer sind es Männer, ganz oft heißt es: „Meine Katze hasst Kinder“ –, sollte diese einmal instruieren, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie der Katze begegnen. Hat das Tier nicht schon über längere Zeit eine Angst aufgebaut, kann das schon helfen, die Situation zu entschärfen oder komplett zu drehen, und die Katze nimmt auf einmal von allein Kontakt auf. Denn erst einmal sind Katzen vor allem eines: neugierig.
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Was tun, wenn die Katze Angst vor Männern hat?
Wer trotzdem beobachtet, dass die Katze Angst hat, wenn vor allem männliche Personen den Raum betreten, kann einiges tun, damit die Katze lernt: Von diesen Menschen geht keine Gefahr aus. Das klappt am besten mit viel positiver Assoziation. Wie genau diese aussieht, hängt von der Katze ab. Kleine Leckermäulchen lassen sich schnell mit dem Lieblingssnack überzeugen. Andere bevorzugen ein gemeinsames Spiel.
Wichtig ist dabei, so klein wie möglich anzufangen. Menschen, vor denen die Katze Angst hat – ob Männer, Frauen oder Kinder – sollten zunächst direkten Blickkontakt und Ansprache vermeiden. Flieht die Katze bereits beim Anblick der Person, kann es helfen, für die erste Zeit einfach gemeinsam in einem Raum zu verweilen, dem Tier ruhig etwas vorzulesen oder ab und zu Leckerli in die Nähe der Katze zu werfen.
Erst, wenn das Tier von allein den Kontakt sucht, kann auch eine direkte Gabe von Snacks oder Futter stattfinden. Spiele sollten hingegen immer mit Abstand erfolgen. Also über eine Spielangel oder etwas, das man der Katze wirft. Niemals sollte mit der Hand gespielt werden, um Kontakt aufzubauen.
Auch das erste Streicheln sollte von der Katze ausgehen. Dafür bietet man dem Tier Körperkontakt an, indem man sich klein macht und leicht zur Seite dreht. Erst, wenn die Katze von sich aus Körper oder Köpfchen an Händen oder Körper reibt, kann man vorsichtig versuchen, das Tier zu streicheln – am besten seitlich am Köpfchen, denn da mögen es viele Katzen besonders gern. Auf dem Kopf oder am Po ist für den ersten Streichel-Kontakt eher keine gute Idee. Mehr dazu lesen Sie hier: Diese Fehler macht fast jeder beim Streicheln von Katzen.
Fazit: Meist lassen sich Ängste durch behutsames Verhalten abbauen
Katzen haben selten gezielt Angst vor Männern – vielmehr spielen Körpersprache, Stimme und Verhalten eine entscheidende Rolle. Häufig werden tiefere Stimmen, laute Bewegungen oder ein direkter Blickkontakt von Katzen als bedrohlich wahrgenommen. Solche Reaktionen beruhen weniger auf schlechten Erfahrungen, sondern auf instinktiven Deutungen, wie sie aus der Kommunikation unter Artgenossen bekannt sind.
Eine generalisierte Angst, wie sie bei Hunden häufiger vorkommt, ist bei Katzen eher die Ausnahme. Meist lassen sich Unsicherheiten durch behutsames Verhalten, positive Erfahrungen und Geduld gut abbauen. Am Ende sind Katzen vor allem neugierige Tiere – und wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, selbst Kontakt aufzunehmen, legen sie ihre Angst oft schneller ab, als man denkt.
Zur Autorin
Dr. Saskia Schneider ist promovierte Biologin. In ihrem Studium an der Freien Universität Berlin widmete sie sich vor allem der Zoologie und dem Verhalten von Tieren. Neben der Ausbildung zur Redakteurin absolvierte sie eine Ausbildung zur Verhaltensberaterin mit Schwerpunkt Katze.