7. September 2025, 8:06 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Verantwortung bewusst übernehmen
„Wer eine Katze mit Handicap adoptieren möchte, sollte sich der Verantwortung bewusst sein und sich ausreichend über das Tier und seine Bedürfnisse informieren“, sagt Hester Pommerening vom Deutschen Tierschutzbund. Gleichzeitig betont sie, dass auch diese Tiere sich wie alle anderen nach Aufmerksamkeit, Liebe und Akzeptanz sehnen.
Menschen, die ein Tier mit Handicap aufnehmen, übernehmen eine besondere Aufgabe – doch viele blinde Katzen sind erstaunlich anpassungsfähig. Wichtig sei vor allem, das Tier nicht übertrieben zu bemitleiden. „Sie brauchen kein Mitleid und sollten die Chance bekommen, ein normales Katzenleben zu führen“, so Pommerening.
Orientierung dank feiner Sinne
Blinden Katzen hilft ihr hochentwickelter Geruchs- und Gehörsinn sowie ihre empfindlichen Schnurrhaare bei der Orientierung. Damit nehmen sie beispielsweise Luftbewegungen wahr – ein Vorteil beim Jagen: So können sie durchaus Mäuse aufspüren und fangen.
Die Ursachen für Blindheit sind vielfältig. Sie kann angeboren sein oder infolge von Unfällen, Vergiftungen oder Krankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck entstehen. Auch altersbedingt kann das Sehvermögen nachlassen. „Ob häufigere Tierarztbesuche notwendig sind und ob diese hohe Kosten mit sich bringen, hängt von der Ursache der Blindheit ab“, erklärt Pommerening.
Vor der Vermittlung eines Tiers informieren Tierheime in der Regel über mögliche notwendige Behandlungen und damit verbundene Kosten.
Die ersten Tage im neuen Zuhause
Die Eingewöhnung im neuen Zuhause ist für blinde Katzen eigentlich nicht anders als für Sehende. Um das Tier im neuen Zuhause nicht zu überfordern, sollte man zunächst einen Raum wählen, in dem die Katze erst einmal in Ruhe ankommen kann. Dieser sollte alles enthalten, was das Tier benötigt: einen Schlaf- und Fressplatz, eine Katzentoilette, Kratz- und Klettermöglichkeiten. Erst, wenn das Tier hier relativ selbstsicher wirkt, kann man die Katze auch den Rest der Wohnung erkunden lassen.
Das Wichtigste dabei: Lassen Sie dem Tier Zeit. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ängstliche oder unsichere Katzen die ersten Tage kaum herauskommen. Damit sich das Tier nicht unter einem Schrank oder dem Bett versteckt und man nicht mehr an die Katze herankommt, sollte man genügend Verstecke in Form von Katzenhöhlen oder Transportboxen zur Verfügung stellen und Bereiche unter Möbeln vorübergehend unzugänglich machen.
Tipp: Versuchen Sie, die Katze mit knisterndem oder nach Katzenminze duftendem Spielzeug zu motivieren. Meist besiegt die Neugier dann die Angst – vor allem bei jüngeren Tieren. Sollte das nicht funktionieren, ist es wichtig, der Katze trotzdem regelmäßig Gesellschaft zu leisten. Da reicht es schon, wenn sie einfach mit im Raum sitzen und ein Buch lesen. Wer möchte, kann seiner Katze auch vorlesen, damit sie sich an die Stimme gewöhnt und den Klang zuordnen kann.
Wohnung sicher gestalten
Wie sich das Zuhause katzengerecht gestalten lässt, weiß Heimtierexpertin Sabrina Karl von der Organisation Vier Pfoten: „Zuerst sollte man unbedingt aus dem Blickwinkel der Katze die Wohnung nach möglichen Gefahren scannen.“ Fenster müssen geschlossen oder mit Netzen gesichert sein – das gilt ebenso für Balkone. „Für Kippfenster gibt es spezielle Sicherungen.“
Auch Möbel können zur Gefahr werden. Deshalb empfiehlt Karl, scharfe Kanten abzupolstern – zumindest, bis sich die Katze im Raum sicher zurechtfindet. Steile Treppen oder gefährliche Bereiche sollten mit einem Babygitter abgesperrt werden.
Kabel, Lichterketten oder Schnüre dürfen weder Stolperfallen darstellen noch die Katze zum Spielen oder Knabbern verleiten. Auch beim Katzenklo sind Details entscheidend: Der Rand sollte möglichst niedrig sein, und ein Häuschen sollte ohne Klapptür auskommen. Bewegliche Regale und Schubladen ließen sich mit Babysicherungen sichern, so Karl.
Alltag erleichtern mit kleinen Hilfen
Blinde Katzen orientieren sich mit Gehör, Geruch und Tastsinn. Wer verschiedene Bodenstrukturen oder Gerüche in der Nähe von Futterstellen und Katzentoiletten platziert oder einen plätschernden Trinkbrunnen aufstellt, kann dem Tier die Orientierung erleichtern. Auch Rampen zu erhöhten Liegeflächen sind hilfreich.
Veränderungen in der Wohnung sollten möglichst vermieden werden. Neue Möbel oder Umstellungen können Stress auslösen. Im Umgang mit der Katze gilt: „Bevor das Tier gestreichelt wird, muss man es ansprechen, sodass es auf die Berührung vorbereitet ist und nicht erschrickt, kratzt oder zubeißt“, sagt Karl. Zudem sei es hilfreich, viel mit der Katze zu sprechen – so weiß sie, wo sich ihr Mensch aufhält. Und: Blinde Katzen sollte man gut im Blick behalten, um versehentliche Tritte zu vermeiden.
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Frische Luft und Beschäftigung – auch ohne Sehvermögen
Komplett auf Freigang müssen blinde Katzen nicht verzichten: Ein sicher eingezäunter Garten oder ein katzensicherer Balkon bieten ausreichend frische Luft und Abwechslung. „Freigang an der Leine und einem Katzengeschirr ist eine Option, muss aber vorher vorsichtig und positiv trainiert worden sein“, erklärt Karl. Wichtig sei, im Garten auf Dornen, scharfe Kanten und andere Tiere zu achten, die das blinde Tier verletzen könnten.
Auch Beschäftigung darf nicht zu kurz kommen – idealerweise wird der Geruchs-, Hör- und Tastsinn gezielt angesprochen. Spielzeuge mit Glöckchen oder raschelnden Materialien fördern Bewegung und Spielfreude. Duftkissen mit Baldrian oder Katzenminze regen den Geruchssinn an, ebenso Duftspuren, die zum Erkunden einladen.
Für taktile Reize eignen sich kleine „Entdeckerecken“ mit katzenfreundlichen Materialien oder Versteckboxen. Auch Leckmatten oder Pasten zum Abschlecken sprechen den Geschmackssinn an. Für geistige Beschäftigung empfiehlt Karl: „Nicht zu vergessen ist effektives Clickertraining, um kleine, katzengerechte Tricks beizubringen.“
Blinde Katzen im Mehrkatzenhaushalt
Auch wer schon Katzen hat, kann theoretisch ein blindes Kätzchen adoptieren. Allerdings sollte eine Zusammenführung am besten professionell begleitet werden. Bei Katzen ist eine Vergesellschaftung an sich schon eine Herausforderung. Eine blinde Katze kann auf Artgenossen sehr irritierend wirken, denn sie reagiert nicht auf Körpersprache und auch der ungerichtete Blick oder fehlende Augen können andere Katzen verwirren oder sogar aggressiv werden lassen.
Selbst wenn die Eingewöhnung gut verläuft, sollte man die Dynamik zwischen den Katzen gut im Blick behalten. Das blinde Tier kann durchaus zum Mobbing-Opfer werden. Denn auch wenn sich blinde Katzen gut orientieren können, fehlen ihnen Möglichkeiten der Kommunikation und Bewegung im Raum, die sehende Katzen haben – und das wissen die Artgenossen. Manche nutzen dies zu ihrem Vorteil oder entscheiden eines Tages, die Situation oder den Artgenossen nicht mehr zu dulden.
Einfacher ist es, wenn die im Haushalt lebenden Mitkatzen ebenfalls blind oder noch sehr jung sind. Denn Kätzchen sind tatsächlich noch „offener“ und können sich besser mit neuen Situationen und „merkwürdigen“ Artgenossen anfreunden.
Mit Material der dpa
