17. September 2025, 14:07 Uhr | Lesezeit: 10 Minuten
In sozialen Medien sorgen Videos von sogenannten „Knochenbrechern“ für Tiere für große Aufmerksamkeit: Hunde und Katzen werden ruckartig bewegt, es knackt laut – und das soll angeblich sofortige Heilung bringen. Schaut man genauer hin, sieht man jdoch vor Angst aufgerissene Augen bei Hunden, und fauchende Katzen. Was steckt dahinter, und wie gefährlich können solche Behandlungen sein? Darüber haben wir mit Johanna Grad, Hundephysiotherapeutin mit Zusatzqualifikationen in Chiropraktik und Akupunktur, gesprochen.
Fundierte Kenntnisse fehlen oft
PETBOOK: Johanna, du hast seit fünf Jahren eine Praxis für Hundephysiotherapie und Zusatzqualifikationen in Chiropraktik und Akupunktur. Wann bist du das erste Mal auf die sogenannten „Knochenbrecher“ für Tiere aufmerksam geworden?
Johanna Grad: „Über Social Media. Um 2020 herum war das im Humanbereich ein großes Thema. Vor zwei, drei Jahren schwappte diese Welle dann auch in den Veterinärbereich. Auf Instagram und TikTok sah man plötzlich viele Videos, die sehr schnell große Aufmerksamkeit bekamen. Für uns Therapeuten war das alarmierend, weil dort oft Menschen ohne fundierte Kenntnisse in Anatomie oder Neurologie arbeiten und riskante High-Velocity-Techniken – kurz HVLA – bei Tieren einsetzen. Diese sind jedoch riskant, wenn sie nicht richtig angewandt werden“
Inwieweit riskant?
„Bei den HVLA wird ein Gelenk mit einem schnellen Impuls über eine geringe Distanz manipuliert, um Einschränkungen zu lösen und die Beweglichkeit zu verbessern. Bei Tieren angewandt, ist das Problem aber, dass der Winkel zu groß ist und die Verriegelung des behandelnden Gelenks sowie der umliegenden Gelenke nicht vorhanden. Das ruft Scherkräfte hervor und das Verletzungsrisiko steigt.“
Was das Knacken wirklich bedeutet
In den Videos hört man immer dieses Knacken. Was hat es damit auf sich?
„Das ist wichtig klarzustellen: Dieses Knacken bedeutet nicht, dass ein Gelenk wieder ‚eingerenkt‘ wird. Denn ohne ein hochgradiges Trauma kann ein Gelenk niemals ‚ausgerenkt‘ sein. Es ist nur eine Gasblase, die entsteht, wenn sich Gelenkflächen auseinanderziehen. Der Effekt, der durch das Knacken entsteht, kommt durch den Druck in der Gelenkkapsel. Dieser Druck kann den Schmerzreiz – einfach gesagt – kurzzeitig überschreiben. Das nennt man Neuromodulation. 1
Ein bloßes festes Drücken oder darüber Reiben mit den Händen, oder auch Wärme oder Kälte können aber einen ähnlich wertigen neurologischen Effekt auslösen – ohne Schmerzen zu verursachen. Kombiniert man das mit aktiver Bewegungstherapie, erreicht man sogar nachhaltige Verbesserungen.“
Wirkung des „Knochenbrecherns“ hält nur kurz an
Die Techniken der Knochenbrecher stammen aus der Chiropraktik. Was ist das Prinzip dahinter?
„Chiropraktik gibt es seit dem 19. Jahrhundert. Sie soll über kurze Impulse im Wirbelsäulenbereich das Nervensystem beeinflussen. Ziel ist, kurzfristig Schmerzfreiheit und dadurch ein höheres Bewegungsausmaß zu erreichen. Wichtig ist aber: Chiropraktik ist nur eine manuelle Technik und sollte Teil einer ganzheitlichen Behandlung sein – nicht eine alleinige Therapie.
Aus Erfahrungsberichten von Patienten, die an ihrem Tier solch eine Therapie vornehmen ließen, weiß ich: Meist gibt es 20 Minuten Lockerung, etwa mit Massagepistolen oder Wärme, dann justiert der ‚Knochenbrecher‘ einmal durch – und das war’s. Hausaufgaben oder Trainingskonzepte fehlen fast immer. Fachlich betrachtet ist das problematisch, weil die Wirkung nur kurzfristig anhält.“
Bedeutet das, die Tiere kommen regelmäßig wieder zum „Knochenbrecher“?
„Genau. Viele kommen alle 14 Tage bis drei Wochen. Typisch ist: drei bis vier Tage geht es dem Tier sehr gut, dann schlechter – und oft endet es schlimmer als vorher. Manche entwickeln sogar Verletzungen an Kapsel, Bändern oder Wirbelgelenken. Besonders gefährlich wird es, wenn das natürliche Bewegungsausmaß der Gelenke nicht respektiert wird.“
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Für die Tiere ist es traumatisch
In einem Video sieht man eine Katze, die vor Schmerzen schreit und starke Abwehrreaktionen zeigt. Ist so etwas eine normale Reaktion bei einer therapeutischen Behandlung?
„Nein. Eine Behandlung sollte immer im Rahmen des ethisch Vertretbaren stattfinden. In der Veterinärmedizin gibt es klare Leitlinien: Wenn ein Tier zu stark leidet oder gestresst ist, muss man die Behandlung abbrechen. Viele der selbst ernannten Therapeuten sind jedoch keine Tierärzte und ignorieren das. Für die Tiere ist es traumatisch: Sie werden festgehalten, haben Angst und erleben Schmerzen – gerade Tiere aus dem Tierschutz mit Vorbelastungen können dadurch schnell das Vertrauen verlieren. Zudem entstehen durch die Abwehrhaltung Spannungen, die das Verletzungsrisiko massiv erhöhen: Muskelfaserrisse, Blutergüsse, Nervenreizungen oder sogar orthopädische Schäden sind möglich.“
Gibt es belegte Fälle, in denen solche Schäden eindeutig nachgewiesen wurden?
„Der Nachweis ist extrem schwierig. Man müsste die betroffenen Tiere direkt vor und nach der Behandlung mit MRT oder mit ähnlichen Methoden untersuchen – das passiert aber kaum. Deshalb bleibt vieles im Bereich der Vermutung. Fakt ist: Im Humanbereich sind Schäden nachweisbar, etwa Schlaganfälle nach riskanten Mobilisationen der Halswirbelsäule. Im Veterinärbereich gibt es noch keine systematischen Studien, aber Fälle, bei denen mit hoher Wahrscheinlichkeit die Behandlung ursächlich war.“
Gebrochene Rippen und Sehnenverletzungen
Hattest du selbst schon tierische Patienten, deren Halter nach solchen Behandlungen zu dir gekommen sind?
„Ja, mehrfach. Wir hatten Fälle mit gravierenden orthopädischen Folgen: zwei abgerissene Spondylosen, eine gebrochene Rippe und sogar ein Bruch eines Facettengelenks an der Wirbelsäule. Häufig sehen wir auch Sehnenverletzungen. Die Ursache ist meist, dass das Bewegungsausmaß falsch eingesetzt wird – also Bewegungen erzwungen werden, die anatomisch gar nicht möglich sind.“
Kannst du dafür ein Beispiel nennen?
„Ein klassisches Beispiel dafür ist die Manipulation des sogenannten zervikothorakalen Übergangs – also der Verbindung zwischen Hals- und Brustwirbelsäule. Bei Menschen wird der Oberkörper durch verschränkte Arme stabilisiert. Typisch dafür ist, dass der Patient vor dem Therapeuten sitzt und die Arme vor der Brust verschenkt. Der Therapeut fixiert die Arme und den Oberkörper und legt seine eigenen Hände an die Kontaktstelle der Wirbelsäule an. Anschließend atmet der Patient aus und der Therapeut führt eine Extensionsmobilisierung aus.2
Beim Hund ist das anatomisch gar nicht möglich: Er hat kein Schlüsselbein, die Schulterblätter sind nur über Muskeln mit dem Rumpf verbunden. Wenn man die Tiere in dieselbe Position zwingt, wirken unkontrollierte Kräfte auf die Wirbelsäule, Muskulatur und Nerven. Wir haben Fälle gesehen, in denen das zu neurologischen Ausfällen in den Vorderbeinen geführt hat.“
Leid der Tiere wird oft ignoriert
Das klingt nach erheblichen Schäden, die beim Knochenbrechen entstehen können …
„Absolut. Diese Methoden stammen aus der Humanmedizin und werden ohne Anpassung auf die Unterschiede in der Tieranatomie übertragen. Das ist meines Erachtens der größte Fehler – und gleichzeitig das größte Gefahrenpotenzial. Während man einem Menschen Anweisungen geben kann wie ‚Einatmen‘ oder ‚Anspannen‘, ist das bei Tieren unmöglich. Dadurch fehlt die notwendige Stabilisierung, bevor ein Impuls gesetzt wird. Das Risiko für Schäden ist entsprechend hoch.“
Wenn solche Schäden entstehen und die Tiere bei der Behandlung sichtlich Schmerzen haben, fragt man sich, ob nicht manchmal schon der Tatbestand der Tierquälerei erfüllt ist.
„Ja, genau das ist der Punkt. Aus Tierschutzsicht gibt es klare Regeln: Zwangsmaßnahmen und schmerzhafte Techniken sind zu unterlassen. In der Tierarztpraxis muss eine Behandlung abgebrochen oder das Tier gegebenenfalls sediert werden, wenn es zu stark leidet. In der Physiotherapie oder bei selbst ernannten Chiropraktikern wird das aber oft ignoriert. Besonders kritisch finde ich die Denkweise, dass Schmerz gleich Behandlungserfolg sei. Eine seriöse Therapie darf unangenehm sein, aber niemals so schmerzhaft, dass ein Tier schreit oder offensichtlich leidet.“3
„Wundertherapien“ lassen sich leichter vermarkten
Warum sind solche Methoden dann trotzdem so stark verbreitet?
„Vor allem wegen Social Media. Die Videos mit Knacken und spektakulären Reaktionen bringen Klicks, Likes und Reichweite. Viele Menschen wissen nicht, was das Knacken wirklich bedeutet, und glauben, ein Gelenk sei ‚eingerenkt‘ worden. Hinzu kommt: Schnelle ‚Wundertherapien‘ lassen sich leichter vermarkten als monatelange, kleinschrittige Reha mit Training. Kritik in den Kommentaren wird oft gelöscht, Kritiker werden blockiert – dadurch entsteht eine künstlich positive Wahrnehmung. Wer unsicher ist, sieht nur Zuspruch und denkt: ‚Dann muss es wohl gut sein‘.“
Wie ist das eigentlich rechtlich geregelt? Kann jeder einfach eine Praxis eröffnen und sagen, er mache Hunde-Chiropraktik oder Hunde-Physio?
„Leider ja. Die Berufsbezeichnungen sind nicht geschützt. Heilbehandlungen am Tier sind grundsätzlich erlaubt, nur Chirurgie, Medikamentengabe und die konkrete Diagnosestellung sind den Tierärzten vorbehalten. Das heißt: Jeder kann morgen ein Gewerbe anmelden, ohne Zertifikat oder Nachweis, und Tiere ‚behandeln‘. Eine gute Haftpflichtversicherung reicht, um rechtlich abgesichert zu sein. Das ist ein großes Problem.“
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Ein schlechter Therapeut behandelt rein symptomatisch
Woran erkennen Tierhalter einen seriösen Therapieansatz?
„Ein guter Ansatz beginnt mit einer gründlichen Anamnese. Das heißt: Der Therapeut fragt detailliert nach der Vorgeschichte, schaut sich das Tier in Bewegung an – auf verschiedenen Untergründen, in unterschiedlichen Gangarten. Danach folgt eine präzise Befundung: im Stehen, Sitzen und in Seitenlage. Erst wenn klar ist, wo die Ursache liegt, wird ein Therapieplan erstellt – mit kurz-, mittel- und langfristigen Zielen.
Ein schlechter Therapeut fragt nur: ‚Wo tut es weh?‘ und behandelt dann rein symptomatisch. Gute Therapeuten suchen die Ursache, denken präventiv und erklären dem Besitzer, was sie tun – statt schnelle Wunder zu versprechen.“
Was müsste sich deiner Meinung nach ändern?
„Es braucht dringend einen staatlichen Rahmen. Ideal wäre eine staatlich anerkannte Ausbildung oder zumindest die Möglichkeit, eine offizielle Prüfung abzulegen, um Fachwissen nachzuweisen. So ließe sich klar zwischen qualifizierten und unqualifizierten Therapeuten unterscheiden.
In Österreich hat man das Problem gelöst, indem nur noch Tierärzte therapieren dürfen. Das halte ich aber für falsch, denn es würde bedeuten, dass es keine eigenständige Tierphysiotherapie mehr gibt. Das wäre so, wie wenn in Deutschland nur noch Orthopäden Physiotherapie machen dürften.“
Manche Absolventen können nach ihrer Ausbildung nicht einmal ein Schultergelenk korrekt mobilisieren
Das bedeutet, die Ausbildung an sich müsste angepasst werden?
„Absolut. Theoretisches Wissen ohne Praxis bringt nichts. In meiner eigenen Ausbildung haben von 14 Leuten nur fünf bestanden, und so sollte es auch sein. Doch viele Institute lassen alle durch, weil sie vom Kursgeld leben. Manche Absolventen können nach ihrer Ausbildung nicht einmal ein Schultergelenk korrekt mobilisieren. Das darf nicht sein. Für Chiropraktik, Physiotherapie oder Hundetraining braucht es zwingend Praxisstunden. Ohne das sollte es gar nicht erlaubt sein, eine Ausbildung anzubieten.
Aber auch wir Therapeuten tragen Verantwortung. Viele arbeiten zu günstig, oft als Kleingewerbe ohne Mehrwertsteuer, und verkaufen sich unter Wert. Wenn wir selbst unsere Arbeit nicht wertschätzen, können wir das von anderen auch nicht erwarten. Es braucht mehr Rückgrat – fachlich und wirtschaftlich. Nur dann können wir langfristig Qualität sichern.“
Waren Sie mit Ihrem Tier bei einem der sogenannten „Knochenbrecher“ und haben ähnliche Erfahrungen gemacht? Schreiben Sie uns an redaktion@petbook.de.
Zur Expertin
Johanna Grad ist zertifizierte Hundephysiotherapeutin und betreibt seit fünf Jahren eine eigene Praxis im Raum München. Neben Hundephysiotherapie besitzt sie Zusatzqualifikationen für Akupunktur und auch Chiropraktik. Ihr Fokus liegt dabei im Physiotherapeutischen – also der manuellen Behandlung am Tier.