6. August 2025, 17:47 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Ob beim Futter, dem geliebten Laserpointer oder sogar dem Smartphone – manche Katzen zeigen ein Verhalten, das fast zwanghaft wirkt. Doch können Katzen wirklich süchtig werden? Und wenn ja: Wodurch? PETBOOK-Redakteurin Saskia Schneider, promovierte Biologin und Expertin für Katzenverhalten, geht dieser spannenden Frage auf den Grund.
Wie entsteht eine Sucht bei Katzen?
Sucht wird allgemein definiert als ein Zustand, in dem ein Lebewesen die Kontrolle über das Verlangen nach einem bestimmten Reiz oder Stoff verliert – oft trotz negativer Konsequenzen. Auch bei Katzen lässt sich ein vergleichbares Verhalten beobachten. Zwar können sie nicht wie wir Menschen reflektieren oder verbal äußern, dass sie „süchtig“ sind, aber sie zeigen durchaus suchtähnliche Muster: ein übersteigertes Verlangen, wiederholtes Aufsuchen des Auslösers, Unruhe bei Entzug – und in manchen Fällen sogar Entzugserscheinungen.
Suchtverhalten entsteht in der Regel durch eine wiederholte Aktivierung des Belohnungssystems im Gehirn. Für Hunde ist dies bereits gut untersucht. Dabei werden Glückshormone wie Endorphine ausgeschüttet – mit der Folge, dass das Tier lernt, bestimmte Reize mit positiven Gefühlen zu verknüpfen. So können Hunde beim Spielen mit dem Ball in eine Art Glücksrausch geraten.1 Wiederholt sich das, kann sich eine starke Erwartungshaltung und letztlich eine Abhängigkeit entwickeln. Aber auch Katzen können von bestimmten Spielen süchtig werden.
Wie äußert sich Suchtverhalten bei Katzen?
Katzen mit suchtähnlichem Verhalten zeigen meist bestimmte Anzeichen:
- Exzessive Lautäußerungen, insbesondere rund um Fütterungszeiten oder bei Anblick bestimmter Objekte
- Unruhe und Aufmerksamkeitssuche, wenn der Reiz ausbleibt
- Zwanghaftes Verhalten, z. B. Kratzen an Schränken, obsessives Starren auf Bildschirme oder Lichtreflexe
- Hyperaktivität, insbesondere bei erwarteter Medikamentengabe oder Spiel
- Aggression oder Rückzug, wenn das erwartete Verhalten (z. B. Spiel mit dem Laserpointer) ausbleibt
Wonach Katzen süchtig werden können
1. Drogen und Medikamente
Viele Drogen und Medikamente, die für Menschen Suchtpotenzial haben, können auch bei Katzen zu Abhängigkeiten führen, denn oft wirken sie im Körper der Tiere ähnlich. Insbesondere Opioide wie etwa Morphin, Tramadol und Buprenorphin haben nachgewiesenes Suchtpotenzial – auch bei Katzen. Klinische Studien zeigen, dass selbst niedrige Morphindosen bei täglicher Gabe zu Toleranzbildung und Entzugserscheinungen führen können. 2
Auf dem Tierarzt-Portal „VetHelpDirect“ berichtet die britische Tierärztin Dr. Lily Richards über den Fall einer Katze, die süchtig nach Benzodiazepinen war – ein Wirkstoff, der zum Beispiel in Medikamenten wie Diazepam und Alprazolam vorkommt. Sobald die Dosis verringert wurde, die das Tier bekam, begann das Tier, sich selbst zu verletzen – ein Zeichen von Abhängigkeit.
Typische Entzugssymptome bei Katzen sind:
- „Wet-dog shakes“ – also Schütteln, so wie ein nasser Hund es tut, um sich zu trocknen
- katatonisches Verhalten (äußert sich durch erhöhte Bewegung aber auch durch komplette Regungslosigkeit)
- Unruhe, Vokalisation, Rückzug
Auch das Antiepileptikum Gabapentin kann bei längerer Gabe eine Abhängigkeit erzeugen. Wichtig ist: Medikamente sollten niemals abrupt abgesetzt werden – eine langsame Dosisreduktion unter tierärztlicher Kontrolle ist unerlässlich.
2. Futter
Futter kann für Katzen regelrecht zur Obsession werden – besonders, wenn stark aromatisierte Industriekost oder Leckerli mit spezifischen Lockstoffen (z. B. Pyrophosphaten – auch bekannt als „Katzen-Crack“) zum Einsatz kommen. In Deutschland sind solche süchtig machenden Stoffe hingegen verboten. Denn Katzen entwickeln durch sie ein übersteigertes Futterverlangen, werden laut, aufdringlich und zeigen teils panische Reaktionen, wenn der Napf leer ist. Die Ursache liegt oft in der gezielten Geschmacksoptimierung durch Palatants – also Lockstoffe, die extreme Attraktivität erzeugen, ohne einen gesundheitlichen Nutzen zu bieten.3
Aber auch durch Unterbeschäftigung können Katzen nach Futter süchtig werden. Vor allem dann, wenn das Fressen für die Tiere das einzige Highlight am Tag darstellt. Denn auch beim Fressen werden Glückshormone wie Dopamin ausgeschüttet. Daher entwickeln vor allem Katzen, die vernachlässigt oder nicht genügend beschäftigt werden und deren einziger glücklicher Moment im Fressen besteht, Übergewicht. Aber auch wenn Halter bei jedem Miauen der Katze die Futterdose öffnen, statt das Tier artgerecht zu beschäftigen, entsteht schnell eine Art ritualisiertes Verhalten und ein Teufelskreis. Denn ab einem gewissen Gewicht haben Katzen Schmerzen und bewegen sich immer weniger. Auch dann wird Fressen oft zum einzigen Glücksmoment für sie.
3. Spiel – insbesondere Laserpointer und digitale Spiele
Viele Katzen lieben den Laserpointer. Doch für einige wird er zur regelrechten Obsession. Da sie den leuchtenden Punkt nie fangen können, und so nie richtig Beute machen, kann es zu Frustration und zwanghaftem Verhalten kommen: Katzen starren stundenlang auf Lichtreflexe, jagen Sonnenflecken oder suchen unermüdlich nach dem verschwundenen Punkt. Ich warne daher vor solchen Spielen für Katzen. Mehr dazu erfahren Sie in diesem Artikel.
Aber auch „Videospiele“ für Katzen können süchtig machen. So berichtet der US-amerikanische Autor Richard Moss im Technik-Magazin „VentureBeat“, dass seine Katze süchtig nach einem vom Futtermittelhersteller Purina entwickelten iPad-Spiel für Katzen ist, das „Cat Fishing“ heißt. Dabei jagen Katzen eine interaktive Maus auf dem Bildschirm. Moss berichtet, wie seine Katze laut miaut und fordernd wird, sobald er das iPad in der Hand hält. Hier verhält es sich ähnlich wie beim Pointer: Die Katze kann die Maus auf dem Display nicht fangen – dadurch entsteht Frust und obsessives Verhalten.
Können Katzen auch nach Katzengras süchtig werden?
Auch wenn man immer wieder liest, Katzen würden von Katzenminze „high“ werden – süchtig machen tut es nicht. Ähnliches gilt für Baldrian oder Matatabi-Sticks: Sie können euphorisierende Effekte auslösen, jedoch nicht in eine echte Abhängigkeit führen. Zwar entwickelt sich mit häufiger Anwendung eine Toleranz – aber keine Entzugssymptome, wenn Katzen diese Substanzen nicht bekommen. 4
Was tun, wenn die Katze süchtig nach Futter oder Spiel ist?
Hat man festgestellt, dass es bei der eigenen Katze ungesunde Obsessionen gibt, heißt das aber noch lange nicht, dass man dagegen nichts tun kann. Hier folgen meine Empfehlungen, je nach Situation:
Beim Futter
- Feste Fütterungszeiten einführen, keine ständige Verfügbarkeit
- Futterrationen wiegen und ggf. mit Mikrochipschalen individuell zuordnen
- Hochverarbeitete Snacks und Leckerlis reduzieren
- Tierärztliche Beratung bei Übergewicht oder Futteraggression einholen
Beim Spiel
- Laserpointer nur gezielt und begrenzt einsetzen, idealerweise mit „Beuteabschluss“ (z. B. echtem Spielzeug oder Leckerli)
- Alternative Spiele mit haptischem Feedback bevorzugen: Federangeln, interaktive Bälle, Geruchsspielzeug
- Bildschirmspiele dosieren – digitale Reize können bei manchen Katzen Überreizung auslösen
Achtung! Dieses Spiel kann bei Hunden zu Zwangsstörungen führen
Warum manche Katzen gern an Plastik lecken
Gibt es einen Entzug für Katzen?
Ja, aber nur in bestimmten Fällen. Bei Medikamentensucht, insbesondere Opioiden und Benzodiazepinen, kann ein medizinisch überwachter Entzug notwendig sein – ähnlich wie bei Menschen. Symptome wie Unruhe, Zittern oder Rückzug erfordern tierärztliche Begleitung.
Bei Futter- oder Spielabhängigkeiten ist meist ein Verhaltenstraining in Kombination mit Managementänderungen ausreichend. Der „Entzug“ erfolgt durch Reizreduktion und Ersatzstrategien – etwa Futterspielzeuge, strukturierte Spielzeiten, mentale Auslastung.
Fazit
Katzen können durchaus ein suchtähnliches Verhalten entwickeln – besonders bei hochverarbeiteten Futtersorten, bestimmten Medikamenten oder stark stimulierenden Spielen wie dem Laserpointer. Auch wenn nicht jede Vorliebe gleich eine Sucht ist, sollten wir als Halter achtsam sein, wenn bestimmte Routinen zwanghaft wirken oder mit Unruhe und Frustration einhergehen.
Nicht alles, was unsere Katzen lieben, tut ihnen auf Dauer gut. Umso wichtiger ist es, sie mit Augenmaß zu fördern, Abwechslung und Ruhephasen zu schaffen – und im Zweifel professionellen Rat einzuholen. Denn: Ein glückliches Katzenleben braucht keine Sucht. Es braucht Balance.
Zur Autorin
Dr. Saskia Schneider ist promovierte Biologin. In ihrem Studium an der Freien Universität Berlin widmete sie sich vor allem der Zoologie und dem Verhalten von Tieren. Neben der Ausbildung zur Redakteurin absolvierte sie eine Ausbildung zur Verhaltensberaterin mit Schwerpunkt Katze.
