29. September 2025, 17:24 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Kaum raschelt irgendwo eine Einkaufstüte, schon steckt die Katze die Nase hinein – und beginnt zu lecken. Für viele Halter wirkt das skurril, manche sind verunsichert: Ist das harmloser Spieltrieb oder steckt eine Obsession dahinter? PETBOOK-Redakteurin und Expertin für Katzenverhalten, Saskia Schneider, erklärt, warum Katzen Plastik so spannend finden und ab wann es gefährlich wird.
Meine Katze Marie liebte es damals, die Plastikummantelung meiner Mini-Salami abzulecken. Minutenlang knautschte sie darauf herum. Als Kind dachte ich mir nichts Schlimmes dabei und vermutete, dass es vor allem am Wurstgeschmack lag. Doch Marie leckte auch mit Leidenschaft das Gesicht der Barbiepuppen meiner Schwester ab. Barbie-Mann Ken hatte es ihr dabei besonders angetan. Heute weiß ich, dass das nicht nur eine Eigenart war. Es gibt viele Katzen, die gern an Plastik lecken – auch wenn zuvor keine Fleischwurst darin gesteckt hat.
6 Gründe, warum Katzen gern an Plastik lecken
Duft nach „Beute“
Nicht nur Mini-Salami-Folien, auch Plastiktüten tragen oft Rückstände von Lebensmitteln (z. B. Fette, Öle, Fleisch- oder Fischgerüche) an sich. Einige Kunststoffe enthalten zudem Stoffe wie Stearate, Gelatine, Maisstärke oder setzen für Katzen attraktive Geruchsmoleküle frei – das kann zum Lecken animieren.1
Spannende Textur und Temperatur
Plastik ist glatt, kühl und fühlt sich auf der Zunge ungewohnt an. Viele Katzen mögen diese haptische Abwechslung. Denn man sollte sich bewusst machen, dass die Tiere Oberflächen und Texturen nur über ihre Zunge oder die Pfotenballen wahrnehmen. Vor allem Kitten erkunden viele neue Gegenstände mit dem Mund – ähnlich wie Kleinkinder.2
Knistergeräusch aktiviert den Jagdmodus
Neben der Textur kann es auch das Knistern sein, was Katzen dazu animiert, an Plastik zu lecken. Viele Tiere lieben Knistergeräusche. Wahrscheinlich ähnelt das Knistern von Folie dem Rascheln von kleinen Nagetieren im Laub. Ein Geräusch, auf das Katzen instinktiv anspringen und das ihren Beutefanginstinkt triggert. Nicht selten wird die Tüte oder die Plastikfolie dabei zum Spielobjekt.3
Neugier & Unterstimulation
Katzen sind Profis darin, ihre Umgebung und neue Gegenstände darin zu erkunden. Doch auch Langeweile oder zu wenig Auslastung führen dazu, dass sie neue Reize suchen – dazu gehören auch Plastiktüten und Folien.
Zwanghaftes Verhalten & Stressabbau
Was aus Neugierde begann, kann sich zu einer Obsession entwickeln. Das passiert vor allem bei unterforderten oder gestressten Tieren. Denn das Lecken an sich wirkt selbstberuhigend und setzt Glückshormone frei. Manche Tiere entwickeln Routinen oder sogar Suchtverhalten. Gerade wenn es das Einzige ist, was der Katze neben Fressen Freude bringt. In einer artgerechten Umgebung, in der die Tiere genügend Auslastung in Form von Spiel und Außenreizen erhalten, ist das Risiko, dass das Plastiklecken zur Obsession wird, gering.
Pica-Syndrom
Lecken Katzen obsessiv an Plastik, kauen darauf herum oder beginnen sogar, Tüten oder Folien zu fressen, kann das ein Zeichen von Pica sein. Darunter versteht man das Fressen nicht essbarer Materialien. Die Auslöser reichen von Nährstoffmängeln bis zu medizinischen oder psychischen Ursachen und sind bis heute nicht abschließend geklärt. Kaut oder frisst die Katze vermehrt Plastik, sollte man unbedingt einen Tierarzt aufsuchen.4
Warum das Spielen mit Plastik gefährlich sein kann
So harmlos es auf den ersten Blick wirkt – das Spielen mit Plastiktüten oder Folien kann für Katzen ernsthafte Gefahren bergen. Vor allem Erstickungs- und Strangulationsrisiken sind nicht zu unterschätzen: Stülpt sich eine Tüte über Kopf oder Hals, kann die Katze in Panik geraten und sich nicht mehr selbst befreien. Auch das Einklemmen in Henkeln oder Schlaufen führt schnell zu Verletzungen. 5
Zudem besteht die Gefahr, dass beim Kauen scharfe Kanten entstehen, die Maul oder Rachen verletzen. Wird Plastik verschluckt, drohen Darmverschluss oder innere Verletzungen, die lebensgefährlich enden können. Deshalb sollte Plastik niemals als „Spielzeugersatz“ angeboten werden – selbst wenn Katzen den Rascheleffekt noch so spannend finden. Sicherere Alternativen sind spezielle Knistertunnel oder knisternde Spielzeuge, die für Katzen entwickelt wurden und keine Gesundheitsrisiken bergen.
Ab wann muss ich zum Tierarzt?
Suchen Sie tierärztlichen Rat, sobald Ihre Katze nicht nur leckt, sondern auf Plastik kaut oder sogar etwas verschluckt haben könnte. Spätestens wenn Erbrechen, Appetitverlust, veränderte Kotmenge oder -konsistenz (Obstipation, Durchfall, Blut), Bauchschmerz, Apathie, Würgen/Pfoten am Maul oder Atemprobleme dazukommen.
Auch wenn das Verhalten plötzlich neu auftritt, sehr häufig ist oder sich kaum unterbrechen lässt, sollte es abgeklärt werden. Dringend ist der Besuch außerdem, wenn ein Kontakt mit Giftstoffen möglich war. Etwa bei Frostschutzmitteln an Verpackungen.6
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So verhindern Sie, dass Ihre Katze an Plastik leckt
In der Regel braucht man sich keine Sorgen zu machen, wenn die Katze gelegentlich Plastik ableckt. Wenn das Verhalten aber obsessiv wird oder die Gefahr gegeben ist, dass Teile des Materials verschluckt werden, sollte man das Verhalten unterbinden. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten:
Reize entfernen und Umgebung sichern
- Plastiktüten, Folien, Verpackungen konsequent wegräumen – am besten in geschlossenen Schränken/Boxen.
- Wo möglich auf Stoff-/Papiertüten umsteigen (Papierbeutel bitte ohne Henkel anbieten, wenn die Katze hineinsteigen darf).
- Nie das Spiel mit Plastiktüten zulassen – Erstickungs-/Strangulationsgefahr.
Sichere Alternativen anbieten
- Knisternde Spielzeuge oder Tunnel für Katzen (mit sicher eingearbeitetem Knistermaterial), Kartonburgen, Katzenminze- oder Baldrianspielzeug.
- Kau-Alternativen: artgerechte Kauspielzeuge für Katzen, Katzengras.
- Fummel- und Puzzle-Bretter stillen Jagd- und Futtersuchtrieb.
Genügend geistige Auslastung – und das täglich
- 2–3 kurze Spieleinheiten pro Tag (z. B. Spielangel, Beutesimulation, Laser mit Abschluss über Beute/Leckerli).
- Umgebung katzengerecht einrichten: erhöhte Aussichtsplätze, Kletter-/Kratzmöbel, wechselnde „Abenteuerstationen“ am Fenster.
Verhalten umlenken statt schimpfen
- Katze mit Leckerli/Spielzeug weglocken, Plastik kommentarlos entfernen.
- Keine Strafe – das erhöht den Stress und kann impulsives Verhalten verstärken.
Ernährung & Gesundheit checken
- Vollwertige, altersgerechte Katzenernährung (Nährstofflücken können Pica fördern).
- Zähne regelmäßig kontrollieren lassen; bei häufigem Lecken/Kauen tierärztlich auf Pica/Grunderkrankungen prüfen.
Stress reduzieren
- Feste Rituale und vorhersehbare Tagesstruktur geben Katzen Sicherheit.
- Rückzugsorte, sanfte soziale Interaktion statt Dauerbespaßung.
- Bei sensiblen Katzen helfen Feinjustierungen im Umfeld (Reizquellen identifizieren, ggf. Pheromone als Unterstützung).
Vorsicht vor sogenannten „Abschrecksprays“
Manche geben den Tipp, das Plastik mit abschreckenden Mitteln wie ätherischen Ölen, Citrus oder Rosmarin zu behandeln. Setzen Sie solche Düfte nur sparsam und niemals direkt auf Flächen ein, die die Katze beleckt. Mitunter können bestimmte Substanzen oder ätherische Öle zu schweren Vergiftungen führen.
Fazit
An Plastik zu lecken, ist für Katzen meist eine Mischung aus einer Vorliebe für darin anhaftende Gerüche, einer interessanten Textur und dem Jagdreiz. Manchmal kann es sich auch um ein Stressventil handeln oder ein Hinweis auf Pica sein. Solange die Katze nicht am Plastik kaut oder Teile verschluckt, kann man eher von einer Marotte ausgehen.
Trotzdem gilt: Katzen sollten niemals unbeaufsichtigt mit Plastiksachen spielen. Als Halter sollten Sie zudem sinnvolle Alternativen anbieten, die Tiere täglich aktiv auslasten – und aufmerksam bleiben. Tritt das Verhalten häufig, plötzlich oder zwanghaft auf oder zeigt Ihre Katze Krankheitssymptome, gehört sie zum Tierarzt.
Zur Autorin
Dr. Saskia Schneider ist promovierte Biologin. In ihrem Studium an der Freien Universität Berlin widmete sie sich vor allem der Zoologie und dem Verhalten von Tieren. Neben der Ausbildung zur Redakteurin absolvierte sie eine Ausbildung zur Verhaltensberaterin mit Schwerpunkt Katze.
