28. Juli 2025, 18:11 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Nach einer Hitzewelle in China beobachtete ein Katzenhalter aus der Provinz Henan plötzlich, dass das Gesicht seiner Siam ganz anders aussah. Die dunkle Maske um die blauen Augen war fast verschwunden. Doch wie ist möglich? Tatsächlich können manche Katzen bei anhaltender Hitze ihre Fellfarbe verändern. Wie dieses Phänomen zustande kommt, welche Katzen davon betroffen sind und ob das auch ihre Persönlichkeit beeinflusst, erklärt PETBOOK-Redakteurin und Biologin Saskia Schneider.
Hinter dem Farbwandel steckt ein genetisches Phänomen, das als Akromelanismus oder auch Kälteschwärzung bekannt ist. Verantwortlich dafür ist eine Mutation im sogenannten Tyrosinase-Gen, die bei bestimmten Katzenrassen auftritt – allen voran bei der Siamkatze. Diese Mutation führt dazu, dass das Enzym Tyrosinase, das für die Produktion von Melanin (dem dunklen Farbpigment) zuständig ist, temperaturabhängig arbeitet.
Das bedeutet: In wärmeren Körperregionen ist das Enzym inaktiv – dort bleibt das Fell hell. In kühleren Bereichen wie Ohren, Pfoten, Gesicht und Schwanz wird die Melaninproduktion aktiviert, und das Fell erscheint deutlich dunkler. Genau diese kontrastreichen dunklen Abzeichen werden als sogenannte „Points“ bezeichnet – ein Markenzeichen der Siamkatze und verwandter Rassen. 1
Unter welchen Umständen sich die Fellfarbe verändern kann
Kätzchen mit dieser Mutation kommen nahezu weiß zur Welt – die Körpertemperatur im Mutterleib ist zu hoch für die Melaninproduktion. Erst mit sinkender Temperatur nach der Geburt setzt die Pigmentierung an den kühleren Körperstellen ein. Doch der Farbwandel ist damit nicht abgeschlossen: Die Farbe der Points kann sich im Laufe des Lebens mehrfach verändern – je nach Umgebungstemperatur.
Im Sommer oder bei Hitzewellen kann dies tatsächlich zur Folge haben, dass sich bei diesen Katzen die Fellfarbe verändert. Denn die Temperatur steigt dann auch an den normalerweise kühlen Stellen, sodass das Enzym dort nicht mehr arbeitet – das Fell hellt auf. Im Winter hingegen, wenn die Umgebung kühler ist, werden die Punkte dunkler und intensiver. Selbst kleinere Eingriffe wie eine Rasur beim Tierarzt können temporär zu Farbveränderungen führen, wenn die nachwachsenden Haare in einer kühleren Phase dunkler zurückkehren.
Ändert sich mit der Farbe auch die Persönlichkeit der Katze?
Diese Frage stellen sich viele Halter – schließlich wirken helle Farben oft „freundlicher“ oder „sanfter“, während dunkle Tiere manchmal als „mysteriöser“ gelten. Doch: Wissenschaftlich gibt es keinen Zusammenhang zwischen Fellfarbe und Charakter. Zwar berichten manche Züchter und Halter von subjektiv wahrgenommenen Unterschieden – etwa zwischen Blue Points und Seal Points –, aber genetisch und verhaltensbiologisch sind diese Unterschiede nicht belegt. 2
Die Persönlichkeit einer Katze wird vielmehr durch ihre Gene, die Prägung in der Kindheit, ihr soziales Umfeld und die Erfahrungen geprägt – nicht durch die Farbe ihres Fells. Mehr dazu erfahren Sie in diesem PETBOOK-Artikel: Sagen die Fellfarben von Katzen etwas über ihre Persönlichkeit aus?
Diese Katzen können die Fellfarbe verändern
Die genetische Besonderheit der temperaturabhängigen Fellfärbung stammt ursprünglich von südasiatischen Hauskatzen und wurde durch gezielte Züchtung auf mehrere Rassen übertragen. Neben der Siamkatze zeigen auch andere Rassen diese charakteristische Point-Zeichnung:
Diese Katzenrassen tragen die sogenannte Himalaya-Mutation, benannt nach einer ähnlichen Fellzeichnung bei Himalaya-Kaninchen. Auch andere Tierarten wie bestimmte Kaninchen, Rinder oder sogar Marderarten zeigen vergleichbare temperaturempfindliche Farbverteilungen.
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Gesundheitliche Risiken der Point-Zeichnung bei Katzen
So ästhetisch die besondere Färbung auch ist – sie ist das sichtbare Ergebnis eines Gendefekts, der auch gesundheitliche Auswirkungen haben kann. Katzen mit dieser Mutation neigen häufiger zu Augenproblemen:
- Schielstellung (Strabismus): Die Augen sind nicht korrekt ausgerichtet, was die Tiefenwahrnehmung beeinträchtigen kann.
- Nystagmus: Unkontrollierte, rhythmische Augenbewegungen, die das Sehvermögen und sogar den Gleichgewichtssinn stören können.
Darüber hinaus gibt es Hinweise auf eine erhöhte Anfälligkeit für andere Erkrankungen wie Lungenerkrankungen, Verdauungsprobleme oder sogar Krebserkrankungen (z. B. Mammatumoren). Daher ist es besonders wichtig, Katzen mit dieser genetischen Ausstattung verantwortungsvoll zu züchten – idealerweise über seriöse Züchter oder durch Adoption aus dem Tierschutz.
Fazit
Der Farbwechsel bei Katzen ist mehr als nur ein hübscher Trick der Natur – er ist ein Paradebeispiel für das Zusammenspiel von Genetik und Umwelt. Für Katzenfreunde sind die lebendigen Fellzeichnungen ein echter Hingucker, für Biologen eine Quelle nie endender Faszination. Wer eine Point-Katze bei sich aufnimmt, darf sich nicht nur auf ein faszinierendes Farbenspiel freuen, sondern sollte sich auch der besonderen Bedürfnisse dieser Tiere bewusst sein – damit sie ihre Schönheit und Gesundheit lange bewahren.
Zur Autorin
Dr. Saskia Schneider ist promovierte Biologin. In ihrem Studium an der Freien Universität Berlin widmete sie sich vor allem der Zoologie und dem Verhalten von Tieren. Neben der Ausbildung zur Redakteurin absolvierte sie eine Ausbildung zur Verhaltensberaterin mit Schwerpunkt Katze.
