24. April 2026, 9:02 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Ein Wurf – viele Farben: Wer schon einmal mehrere Kätzchen aus einem Wurf gesehen hat, weiß, dass sie optisch oft sehr unterschiedlich sind. Schwarze, weiße, getigerte – sogar langhaarige und kurzhaarige Kätzchen –, alles in einem Nest. Doch wie kommt es, dass zur selben Zeit ausgetragene Geschwister bei Katzen so verschieden aussehen, während sich menschliche Geschwister oft ähneln? Die Antwort liegt in der komplexen Genetik der Fellfarben – und einer besonderen Eigenart im Fortpflanzungssystem von Katzen.
Gene im Wettstreit – die komplexe Vererbung von Fellfarben
Die Vielfalt der Fellfarben und Muster bei Katzen ist enorm. Die verschiedenen Zuchtorganisationen erkennen Dutzende Varianten an – von schlichten Unifarben bis hin zu aufwendigen Mustern wie dem rosettenförmigen Tabby von Bengalkatzen oder dem getickten Fell der Abessinier. All diese Erscheinungsformen entstehen durch das Zusammenspiel zahlreicher Gene.
Dabei steuern sie unterschiedliche Eigenschaften: Manche beeinflussen Grundfarben, andere Muster wie das Tabby-Fell, wieder andere regeln das Vorhandensein von weißen Flecken oder die Haarlänge. Manche Genmutation kann alle anderen Farben überdecken. Zusätzlich sind manche Fellfarben geschlechtsgebunden, da sie auf dem X-Chromosom liegen. Deshalb kommen dreifarbige Muster wie Calico oder Schildpatt fast ausschließlich bei weiblichen Katzen vor.
Der entscheidende Punkt: Schon wenige Kombinationen dieser Gene können völlig unterschiedliche äußere Merkmale erzeugen – selbst bei nah verwandten Katzen. So kann ein Kater aus einem Wurf nur eine oder zwei Fellfarben haben und seine Schwester eine völlig unterschiedliche Fellzeichnung mit bis zu drei Farben zeigen.
Kätzchen aus einem Wurf können unterschiedliche Väter haben
Doch damit nicht genug: Ein weiterer biologischer Faktor sorgt für noch mehr Vielfalt innerhalb eines Wurfs. Dieses ungewöhnliche, aber häufige Phänomen bei Katzen nennt sich „heteropaternale Superfekundation“. Dieser Begriff beschreibt die Möglichkeit, dass ein einzelner Katzenwurf Nachkommen von mehreren Vätern enthalten kann – ein Umstand, der in der Tierwelt gar nicht so selten ist.
Hintergrund ist die sogenannte induzierte Ovulation. Weibliche Katzen setzen erst dann Eizellen frei, wenn sie sich mit einem Kater gepaart haben. Dabei können in kurzer Zeit mehrere Eizellen ovuliert werden. Trifft die Katze in dieser Phase auf weitere Kater, können diese ebenfalls Eizellen befruchten – mit dem Ergebnis, dass ein Wurf genetisch gemischter Herkunft ist.
Die genetische Verwandtschaft unter solchen Geschwistern kann stark variieren. Denn jede Katze erhält die Hälfte ihres genetischen Materials von der Mutter und die andere Hälfte vom Vater. Dabei gibt auch die Mutter nicht ihren vollständigen doppelten Chromosomensatz weiter, sondern jeweils nur einen zufällig ausgewählten Teil. Wenn die Wurfgeschwister dann unterschiedliche Väter haben, teilen sie sich also zwar einige der mütterlichen Gene. Sie unterscheiden sich aber in der väterlichen komplett. Unter dem Strich sind sie manchmal nur noch zu einem Viertel (25 Prozent) miteinander verwandt – und sehen entsprechend verschieden aus.
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Evolutionärer Vorteil der genetischen Vielfalt
Warum genau heteropaternale Superfekundation bei Katzen so häufig vorkommt, ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt. Es gibt jedoch plausible Erklärungsansätze.
Zum einen könnte die induzierte Ovulation bei Katzen eine besonders ressourcenschonende Strategie sein. Denn wenn Eizellen erst nach dem Deckakt freigesetzt werden, werden keine unbefruchteten Eizellen „verschwendet“ – der Körper spart Energie.
Darüber hinaus kann ein Wurf mit mehreren Vätern auch Vorteile bringen. Er sorgt für mehr genetische Vielfältigkeit in Katzenfamilien, was wiederum die Überlebenschancen der Nachkommen erhöhen kann.
Wie oft gibt es mehrere Katzenväter?
Wie häufig es tatsächlich zu Würfen von verschiedenen Katern kommt, hängt von der Lebenssituation der Katze ab. So heißt es häufig, dass besonders in städtischen Gebieten, in denen viele Kater auf engem Raum leben und ihre Territorien sich überschneiden, die Wahrscheinlichkeit für unterschiedliche Kätzchen im Wurf deutlich höher sei.
Ob es allerdings zu Mehrfachvaterschaften kommt, hängt vor allem vom sozialen Umfeld ab. Eine häufig zitierte Studie aus dem Jahr 1999 analysierte 37 Katzenwürfe aus drei verschiedenen freilebenden Populationen in Lyon und Rom. Das Ergebnis: In zwei Kolonien mit lockerer Sozialstruktur und intensiver Katerkonkurrenz hatten 78 Prozent bzw. 83 Prozent der Würfe mehrere Väter. In einer stabileren Population mit dominanten Männchen lag der Anteil dagegen nur bei 11 Prozent.
Das zeigt: Nicht das Stadt-Land-Gefälle, sondern die soziale Organisation innerhalb einer Population beeinflusst, wie oft sich Weibchen mit mehreren Katern paaren. In Gruppen mit starkem Konkurrenzdruck kann Mehrfachpaarung für Kätzinnen eine evolutionäre Strategie sein. Nicht nur um die genetische Vielfalt zu erhöhen und Fortpflanzungschancen zu verbessern, sondern auch Risiken zu verringern, dass Kater ihre Kitten angreifen. 1