17. Oktober 2025, 15:44 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Eine wortlose schwarze Katze in einer überfluteten Welt – klingt ungewöhnlich? Ist es auch. Doch genau dieses Konzept machte den Animationsfilm „Flow“ zu einem internationalen Überraschungserfolg. Nach dem Gewinn eines Oscars und zahlreichen weiteren Auszeichnungen erscheint der Film nun auch bei Disney+. Dort könnte er nicht nur Fans stilvoller Animationskunst begeistern, sondern auch einen bemerkenswerten Trend verstärken: Weltweit steigt die Zahl schwarzer Katzen, die adoptiert werden.
Eine Katze kämpft ums Überleben – und für Zusammenhalt
Lange galten schwarze Katzen als Unglücksbringer. Aberglaube und Vorurteile machten sie oft zu den letzten Tieren, die in Tierheimen ein neues Zuhause fanden (PETBOOK berichtete). Doch diese Wahrnehmung scheint sich zu ändern. Der US-Sender „NPR“ berichtete, dass der Oscar-prämierte Film „Flow“ dabei wohl eine entscheidende Rolle gespielt hat.
Im Zentrum von „Flow“ steht eine schwarze Katze, die in einer verlassenen, von Wasser überfluteten Welt erwacht. Nur Trümmer und Überreste deuten auf eine frühere Zivilisation hin. Gemeinsam mit anderen Tieren, die ebenfalls ums Überleben kämpfen, begibt sie sich auf eine gefährliche Reise. Dabei lernen sie, einander zu vertrauen, Unterschiede zu akzeptieren – und gemeinsam zu überleben. Die stille Erzählweise funktioniert als moderne Fabel, die Generationen verbindet.
„Die Geschichte wird aus der Sicht der Katze erzählt, und die Katze weiß nicht, wohin die Menschen verschwunden sind oder woher die Flut kommt. Deshalb war es wichtig, dass wir in diesem Blickwinkel bleiben. Ich wollte ein Erlebnis schaffen, bei dem man das Gefühl hat, selbst die Katze zu sein“, erklärte Regisseur Gints Zilbalodis im Interview mit „NPR“.
Weltweit gab es Berichte über mehr Adoptionen von schwarzen Katzen
Diese filmische Empathie scheint Wirkung zu zeigen. Mehrere internationale Medien berichteten seit dem Erfolg des Films von einem sprunghaften Anstieg von Adoptionen schwarzer Katzen. Auch in den USA zeigt sich laut „NPR“ ein ähnliches Bild. Beth Caffrey von der kalifornischen Katzenorganisation The Cat House on the Kings sagt: „Wenn wir Würfe bekommen, sehen wir oft viele schwarze Kätzchen in einem Wurf oder auch gemischte Würfe – und die schwarzen Kätzchen waren immer die, die zuletzt adoptiert wurden.“
Doch das ändere sich zunehmend: „Durch Kampagnen – einige davon sehr clever – konnten Organisationen das Bewusstsein dafür schärfen, dass man sich mit der Persönlichkeit verbinden sollte, nicht unbedingt mit der Fellfarbe der Katze. Das hat definitiv geholfen, die Perspektive der Menschen zu verändern. Und in den vergangenen zwei Jahren sehen wir einen Anstieg bei der Adoption schwarzer, dunkler Katzen, sogar Schildpattkatzen, was wirklich wunderbar ist.“
Und nach dem Erfolg von „Flow“ verzeichnet die Organisation nun auch gezielte Anfragen: „Wir haben Anrufe von Leuten bekommen, die ganz konkret eine schwarze Katze adoptieren wollen“, so Caffrey weiter. Wer noch nicht bereit sei, eine Katze dauerhaft aufzunehmen, könne sich auch als Pflegestelle engagieren.
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Visuelle Kraft statt Dialoge: Zilbalodis’ innovativer Ansatz
Gints Zilbalodis begann 2019 mit der Arbeit an „Flow“ und entwickelte den Film über mehrere Jahre. Dabei experimentierte er mit Technologien wie Game-Engines, um eine einzigartige Ästhetik zu erschaffen – eine Mischung aus stilisierten Tierfiguren und atmosphärisch dichten Landschaften. Der Film kommt dabei komplett ohne gesprochene Sprache aus. Die Tiere bleiben bewusst tierisch – das verstärkt laut Kritikern die emotionale Wucht der Erzählung.
In Lettland wurde „Flow“ zu einem kulturellen Großereignis. Mit über 320.000 Kinobesuchern ist er der erfolgreichste Film der letzten drei Jahrzehnte – noch vor „Titanic“ oder „Avatar“. Auch im Merchandise-Bereich entwickelte sich der Film zum Hit. Ministerpräsidentin Evika Siliņa erklärte, die Katze sei eine Botschafterin Lettlands und erobere die Herzen weltweit.
Die internationale Karriere von „Flow“ begann 2024 mit der Premiere in Cannes. Danach folgten über 40 Auszeichnungen, darunter der Europäische Filmpreis, ein Golden Globe und schließlich der Oscar für den besten Animationsfilm. Für Lettland war das ein historischer Moment – gefeiert mit einer Sonderbriefmarke und einem Platz im Lettischen Nationalmuseum für Kunst.
Kritikerlob, starke Zahlen – und bei Disney+
Auch auf Bewertungsportalen überzeugte „Flow“. 97 Prozent der Kritiker und 98 Prozent der Zuschauer auf Rotten Tomatoes vergaben Bestnoten. IMDb weist eine Bewertung von 7,9 aus, die FBW verlieh das Prädikat „besonders wertvoll“. An den weltweiten Kinokassen spielte der Film über 30 Millionen US-Dollar ein – ein eindrucksvoller Erfolg für eine unabhängige europäische Produktion.
Wer den Film bisher verpasst hat, kann sich ab dem 17. Oktober selbst ein Bild machen – dann startet „Flow“ weltweit bei Disney+. Und vielleicht wird dabei nicht nur ein neuer Lieblingsfilm entdeckt, sondern auch eine schwarze Katze ihr neues Zuhause finden.
Ein stummer Film, der mich sprachlos zurücklässt
„Es ist ein altbekanntes Mantra beim Geschichtenerzählen: ‚Show, don’t tell‘. In Bezug auf Filme ist es besser, Figuren und die Geschichte durch Handlungen und Bilder zu erklären und zu erzählen, statt etwa ausufernde, offenkundige Dialogzeilen aufzuwenden, die nichts mehr der Vorstellungskraft des Zuschauers überlassen. Und kaum ein aktueller Film bringt das besser auf den Punkt als ‚Flow‘.
Ohne gesprochene Sprache und auf der Tonspur lediglich getragen von Tierlauten und einer stimmungsvollen Musik entwirft Regisseur Gints Zilbalodis rein auf der visuellen Ebene eine mysteriöse postapokalyptische Welt, die nur noch von Tieren bevölkert wird. Nichts wird erklärt, aber alles wird gezeigt, und als Zuschauer sorgt das Rätsel um den Zustand der Welt gleichermaßen für angeregtes Grübeln und für wohlige Gänsehaut.
Dass die tierischen Protagonisten um eine schwarze Katze nicht nur äußerst niedlich sind, sondern auch etwas über Zusammenhalt trotz Differenzen aussagen, ist nur das i-Tüpfelchen. ‚Flow‘ ist immens atmosphärisch und erzählerisch geduldig wie anspruchsvoll, sodass man schnell vergisst, dass hier keine Hunderte Millionen an Produktionsbudget geflossen sind wie bei Disney.
Ich habe den Film zweimal im Kino gesehen und mir die Blu-ray sowie die Musik auf Vinyl zugelegt. Ich kann es kaum abwarten, wieder in die geheimnisvolle Welt einzutauchen in diesem Meisterwerk, für das es im doppelten Wortsinn nur ein Fazit geben kann: ohne Worte.“
