4. Mai 2026, 16:02 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Viele Videos im Netz wirken auf den ersten Blick lustig: Menschen lassen sich plötzlich zu Boden fallen und ihre Hunde reagieren darauf mit Verwirrung, Sorge oder manchmal auch gar nicht. Doch was steckt wirklich hinter diesem Trend? Verstehen Hunde, dass alles nur gespielt ist, oder halten sie die Situation für einen echten Notfall? Und welche Folgen kann so ein Verhalten für die Tiere haben? PETBOOK sprach mit Hundetrainerin Katharina Marioth darüber.
„Stresssimulation für Klicks“
Hundetrainerin Katharina Marioth sieht den Trend kritisch. Solche Inszenierungen seien „entsetzlich“, sagt sie, weil sie Hunde gezielt in eine Stresssituation bringen und das allein für Aufmerksamkeit in sozialen Netzwerken. Sie betont, dass es sich dabei nicht nur um ein Phänomen mit Hunden handle, sondern auch andere Tiere betroffen seien. Eine solche „Stresssimulation für Klicks“ lehnt sie grundsätzlich ab.
Tatsächlich gibt es deutliche Unterschiede zwischen einer echten Notsituation und einer gespielten Ohnmacht. Marioth erklärt, dass bei einer Simulation wichtige körperliche Signale fehlen: Weder Stresshormone werden ausgeschüttet noch verändern sich Herzschlag oder Atmung in der Weise, wie es in einem echten Notfall der Fall wäre.
Hunde seien äußerst feinfühlige Beobachter und kennen ihre Bezugspersonen genau. Sie registrieren kleinste Veränderungen in Mimik, Atmung und körperlicher Anspannung. In einer echten Gefahrensituation geschehe im menschlichen Körper „ganz viel“, was für den Hund eindeutig wahrnehmbar sei.
Hund versucht, Verhalten einzuordnen
Deshalb reagieren viele Hunde in den Videos auch nicht mit echter Sorge, sondern zeigen eher typische Beschwichtigungs- oder Entstressungssignale. Sie stupsen ihre Halter an, gehen in eine spielerische Vorderkörpertiefstellung oder wirken schlicht irritiert.
Für Marioth erinnert das Verhalten an Alltagssituationen, in denen Hunde mit etwas völlig Neuem konfrontiert werden. Wenn etwa jemand plötzlich Yogaübungen im Wohnzimmer macht, sei die Reaktion oft ähnlich: Der Hund erkennt das Verhalten nicht und versucht, es einzuordnen.
Warum muss man Hunden überhaupt eine Ohnmacht vorspielen?
Dennoch gibt es auch Tiere, die deutlich stärker auf solche Szenen reagieren. Das hat oft mit ihren individuellen Erfahrungen zu tun. Besonders problematisch sei es bei Hunden, die bereits belastende Erlebnisse hatten, etwa durch einen verstorbenen Vorbesitzer oder gesundheitliche Notfälle in ihrem Umfeld.
In solchen Fällen könne die inszenierte Situation Erinnerungen hervorrufen, was für die Tiere „wirklich gemein“ sei, so Marioth. Grundsätzlich stellt sie infrage, warum Halter solche Tests überhaupt durchführen. Wenn die Bindung zwischen Mensch und Hund intakt sei, werde der Hund in einer echten Situation ohnehin angemessen reagieren – das müsse nicht künstlich überprüft werden.
Diese Rassen haben Probleme, die Situation zu deuten
Auch rassespezifische Unterschiede spielen eine Rolle. Marioth zufolge haben insbesondere kurznasige Hunde, etwa bulldoggenartige Rassen, Schwierigkeiten, die Situation korrekt einzuordnen, da sie über den Geruchssinn weniger Informationen aufnehmen können. Darüber hinaus reagieren eher nervöse oder schreckhafte Hunde sensibler auf solche ungewöhnlichen Reize.
Als Beispiel nennt sie Chihuahuas, die häufig schneller überfordert seien. Auch sogenannte Urtyp-Hunde wie Huskys, Akita Inus oder Shiba Inus hätten teilweise Probleme, menschliche Mimik eindeutig zu deuten, was die Unsicherheit zusätzlich verstärken könne.
Warum Huskys solche Dramaqueens sind
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Ohnmacht vor Hund? Warum der Trend auch gefährlich sein kann
Im schlimmsten Fall kann der Trend sogar gefährlich werden – nicht nur für den Hund, sondern auch für den Menschen. Marioth weist darauf hin, dass Hunde mit negativen Vorerfahrungen, etwa durch Gewalt oder stark erschreckende Situationen, in solchen Momenten auch aggressiv reagieren können.
Eine plötzliche Bewegung wie das Zusammenbrechen könne eine Schreckreaktion auslösen, die sich in Abwehrverhalten äußert. Deshalb sei es wichtig, die individuelle Vergangenheit des eigenen Hundes zu berücksichtigen, anstatt für Aufmerksamkeit im Netz Risiken einzugehen.
Fazit: für die Hunde ist das unnötiger Stress
Für die Hundetrainerin bleibt die zentrale Frage unbeantwortet: Warum setzt man sein Tier überhaupt einer solchen Situation aus? Für sie hat der Trend nichts mit sinnvoller Beschäftigung oder Training zu tun.
Anders sei das bei speziell ausgebildeten Assistenzhunden, etwa Blindenführhunden oder Diabetikerwarnhunden. Diese lernen über einen langen Zeitraum von oft ein bis zwei Jahren, bestimmte körperliche Zustände zu erkennen und darauf angemessen zu reagieren. In diesem Kontext sei das Erkennen von Notfällen sinnvoll und gewollt. Die inszenierten Szenen aus sozialen Netzwerken hingegen seien davon weit entfernt – und für die Hunde vor allem eines: unnötiger Stress.
Das ganze Interview mit Katharina Marioth sehen Sie im Video.
Zur Autorin
Katharina Marioth ist Gründerin der Marke Stadthundetraining und des KEML-Prinzips. Sie ist IHK- und behördlich-zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensgutachterin für gefährliche Hunde des Landes Berlin. In ihrem Daily Business arbeitet sie eng mit Veterinären, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten zum Thema Hund zusammen. Mit Ihrem Wissen und Können konnte sie sich in der Sat.1-Sendung „Der Hundetrainer-Champion“ den Titel der Hundetrainerin des Jahres 2023 sichern.