„Nur ein bisschen Zahnstein?“ – Von wegen! Tierzahnarzt Dr. Markus Eickhoff warnt im Gespräch mit PETBOOK eindringlich. Kranke Zähne sind kein kosmetisches Problem, sondern eine Gefahr für das gesamte Hundeleben. Eine wissenschaftliche Studie mit fast 120.000 Hunden gibt ihm recht und zeigt: Das Risiko für lebensgefährliche Herzinfektionen steigt bei schlechten Zähnen massiv an.
Ein unterschätztes Massenproblem
Dr. Markus Eickhoff ist Tierarzt und Zahnarzt. Als Fachmann klärt er im Webinar an der VDH-Akademie auf, wie Parodontalerkrankungen entstehen, woran Sie diese erkennen und was Sie aktiv für die Zahngesundheit Ihres Hundes tun können.
Laut dem Arzt sind kranke Zähne die häufigste Diagnose in der Tierarztpraxis überhaupt. Vier von fünf Hunden sind davon betroffen. Die Wissenschaft bestätigt diese alarmierende Zahl. Über 75 Prozent aller Hunde entwickeln bereits bis zu ihrem vierten Lebensjahr eine Form von Parodontitis (Entzündung des Zahnhalteapparats).1
Besonders tückisch: Zahnerkrankungen bleiben oft lange unerkannt, da Hunde Schmerzen häufig nicht direkt zeigen und trotzdem weiter fressen. „Daher ist die Untersuchung der Mundhöhle ausschlaggebend“, so Eickhoff.
Warum sind schlechte Zähne beim Hund so gefährlich?
Zahnerkrankungen beginnen meist mit Bakterien im Zahnbelag. Wenn diese nicht entfernt werden, entstehen Entzündungen und tiefe Zahnfleischtaschen. Dr. Eickhoff erklärt, dass diese Entzündungen im Maul der Hunde Bakterien und Giftstoffe freisetzen, die über die Blutbahn in den Körper gelangen können.
Die Studie untermauert dies mit beeindruckenden Zahlen:
Sechsfach erhöhtes Risiko: Hunde mit schwerer Parodontitis haben ein 6,36-mal höheres Risiko, an einer Endokarditis (einer gefährlichen Entzündung der Herzinnenhaut und Herzklappen) zu erkranken, als zahngesunde Hunde.
Herzmuskelschäden: Auch das Risiko für Kardiomyopathien (Herzmuskelerkrankungen) steigt bei fortgeschrittener Zahnerkrankung um das Vierfache an.
Gefahr für Leber und Nieren: Die Bakterien aus dem Maul können sich wie ein Filter in den Organen festsetzen und dort Mikroabszesse sowie chronische Schäden verursachen.
Die Glickman-Studie bestätigt: Das Risiko für Parodontitis steigt, je kleiner der Hund ist. Da kleine Hunde im Verhältnis zu ihrem winzigen Kiefer oft relativ große Zähne haben, stehen diese extrem eng. Es entstehen unzählige Nischen für bakterielle Beläge, die den Organismus vergiften und die Lebenserwartung senken können. Dr. Eickhoff stellt klar: Fälle, bei denen Hunde wegen ihrer maroden Zähne fast sterben, sind insbesondere bei kleinen Rassen leider keine Besonderheit.
Große Hunderassen haben seltener mit bakterieller Parodontitis zu tun, leiden dafür aber vermehrt unter Zahnfrakturen – also Brüchen oder Absplitterungen eines Zahns.
Diese entstehen infolge zu großer Kraftbelastung beim Spielen oder Kauen. Vor allem die langen Fangzähne und die stark beanspruchten Reißzähne des Gebisses sind davon betroffen. Halter machen oft den Fehler, ungeeignete, viel zu harte Kauartikel anzubieten, die diese Frakturen provozieren.
Zahnpflege-Mythen im Check: Was hilft wirklich?
Im Dschungel der Zahnpflegeprodukte halten sich hartnäckige Gerüchte. Der Experte räumt mit den größten Irrtümern auf:
Hüttenkäse, hartes Brot & Kauknochen: Können sie Zahnstein verschwinden lassen oder lindern? Ein klares Nein von Dr. Eickhoff. Weder ein Futtermittel noch spezielle Spezialfutter oder Kauartikel gewährleisten eine ausreichende Reinigung der Zähne. Hartes Brot wird im Maul zu Brei und klebt als Stärke zusätzlich am Zahn; Hüttenkäse ist ein netter Snack, sofern beim Hund keine Laktoseintoleranz besteht, aber kein medizinischer Plaque-Entferner.
Ultraschallzahnbürsten:Zähne putzen mit diesen Bürsten funktioniert nachweislich bei uns Menschen, ist jedoch nicht für alle Hunde gleichermaßen geeignet. Wer sie ohne tierärztliche Abklärung bei bereits bestehenden, tiefen Entzündungen anwendet, riskiert Schmerzen beim Tier und übersieht die Keime unter dem Zahnfleischrand.
Zahnsprays: Sind je nach Inhaltsstoffen höchstens als zusätzliche Ergänzung zu betrachten, bieten jedoch niemals eine echte Ursachenbekämpfung.
Für den Experten ist klar: „Unbesehen ist natürlich die tägliche Zahnpflege zu Hause am sinnvollsten.“
Quellen
Glickman, L. T., Glickman, N. W., Moore, G. E., Goldstein, G. S. & Lewis, H. B. (2009) „Evaluation of the Risk of Endocarditis and Other Cardiovascular Events on the Basis of the Severity of Periodontal Disease in Dogs“. Journal of the American Veterinary Medical Association 234(4), S. 486–494. https://doi.org/10.2460/javma.234.4.486↩︎
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