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Tierärztin „Dogtor Debbie“ im Interview

„Ich will nicht, dass er leidet“ – warum genau das Tieren schaden kann

„Ich will nicht, dass er leidet“ – dieser Satz gehört wahrscheinlich zu den häufigsten, die Tierärzte in ihrer Praxis hören. Im Interview mit PETBOOK verrät Tierärztin Dogtor Debbie, warum dieser Satz oft zu einem Dilemma führt
„Ich will nicht, dass er leidet“ – dieser Satz gehört wahrscheinlich zu den häufigsten, die Tierärzte in ihrer Praxis hören. Im Interview mit PETBOOK verrät Tierärztin Dogtor Debbie, warum dieser Satz oft zu einem Dilemma führt Foto: Getty Images/ Dogtor Debbie
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Porträt Emily Reimann
PETBOOK-Redaktion

4. Mai 2026, 6:08 Uhr | Lesezeit: 11 Minuten

„Ich will nicht, dass er leidet“ – ein Satz, den Tierärzte fast täglich hören. Und einer, der gut klingt, aber oft mehr verdeckt, als er klärt. Denn wann beginnt Leiden eigentlich wirklich? Und wann ist es vielleicht längst da, ohne dass wir es erkennen? Im Interview mit PETBOOK spricht die Tierärztin „Dogtor Debbie“ über genau dieses Dilemma und darüber, warum gut gemeinte Entscheidungen nicht immer automatisch die richtigen sind.

Auslöser für das Gespräch ist ein Instagram-Post, in dem sie genau diesen Satz aufgreift – und hinterfragt. Darin macht Dr. Deborah Wimmer, die auf Instagram auch als Dogtor Debbie bekannt ist, deutlich: Es geht nicht darum, Leiden um jeden Preis zu vermeiden, sondern darum, es richtig einzuordnen. Denn zwischen berechtigter Sorge und vorschnellen Entscheidungen liegt oft ein schmaler Grat.

„Zwei Perspektiven auf dasselbe Ziel“

PETBOOK: Debbieie bist du dazu gekommen, den Post zu machen? Gab es einen Aufhänger für dich?
Dr. Deborah Wimmer: „Ich überlege mir oft, wie ich einen Blick hinter die Kulissen geben kann. Dabei frage ich mich: Bei welchen Themen schauen Menschen aus zwei ganz unterschiedlichen Perspektiven auf dieselbe Situation?

Das ist ja ganz typisch für das Verhältnis zwischen Tierhaltern und Tierärzten: Man verfolgt dasselbe Ziel, hat aber trotzdem zwei verschiedene Blickwinkel.

Und dabei ist mir dieses Thema als eines dieser Beispiele aufgefallen.“

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„Ich will nicht, dass er leidet“

Wenn du den Satz „Ich will nicht, dass er leidet“ hörst, was löst das bei dir aus und wie häufig hörst du ihn? 
„Also ich denke mir in der Situation oft innerlich: ‚Ja, ich möchte auch nicht, dass er leidet.‘ Deshalb bin ich ja schlussendlich Tierärztin geworden und mir ist bewusst, dass die allermeisten Leute natürlich ihre Tiere wirklich, wirklich lieben. Natürlich möchte niemand, dass sein Tier leidet, das sehe ich als Selbstverständlichkeit.

Es geht auch nicht darum, dass ich an dem Satz per se zweifle. Sondern er hat so einen gewissen Beigeschmack, weil er oft im Zusammenhang mit einer medizinischen Empfehlung geäußert wird, seien es diagnostische Schritte, die man einleiten möchte, oder natürlich auch gewisse Therapievorschläge. Und ja, da fühle ich mich dann schon teilweise so ein wenig innerlich hilflos, zumindest, weil man sich einfach fragt, ob die Leute in dem Moment vielleicht doch denken könnten: Ich würde mit meiner Empfehlung, die ich da ausspreche, vielleicht doch unverhältnismäßiges Tierleid in Kauf nehmen wollen.

Warum auch immer. Also, das ist so dieses Geschmäckle, das so entstehen könnte. Wenn man denkt: Ja, wenn ich nicht der Meinung wäre, dass es zum Besten fürs Tier ist, dann würde ich das ja nicht entsprechend vorschlagen und empfehlen.“

Wenn Leiden übersehen wird

Gibt es für dich typische Situationen, in denen Halter das Leiden von einem Tier anders einschätzen als du? 
„Es gibt Riesenunterschiede, muss man sagen. Die einen sind sehr sensibel und reagieren auf gefühlt jedes kleine bisschen. Manche Halter reagieren eher stumpf und schauen über sehr viel hinweg. Aber grundlegend gibt es beim Thema chronische Schmerzen schon die Situation, dass es den Leuten schwerfällt, das Leid, das damit einhergeht, einzuschätzen, weil die Tiere das halt einfach nicht so kommunizieren, wie viele es erwarten würden.

Sagen wir es mal so: Das geht teilweise auch uns Tierärzten so. Je chronischer ein Zustand ist, desto schwieriger ist es. Im Vergleich zu einem akuten Schmerz. Oft ist der deutlicher kommuniziert, etwa mit Aufschreien, oder akuter Reaktion. Aber chronische Beschwerden sind deutlich leiser und werden nur sehr subtil gezeigt.

Kannst du ein konkretes Beispiel nennen?
„Ein klassisches Beispiel sind Zahnschmerzen. Häufig sagen Halter: ‚Aber er frisst doch ganz normal.‘ Das schließt Schmerzen jedoch keineswegs aus, denn Fressen ist ein Grundbedürfnis – ein Tier wird also oft trotzdem fressen, auch wenn es weh tut. Wenn die Probleme dann auffallen, sind sie meist schon weit fortgeschritten.

Ähnlich ist es bei Arthrose. Im Praxisalltag hört man oft: ‚Nein, Schmerzen hat er nicht, er humpelt nur.‘ Dabei ist Humpeln natürlich ein deutliches Anzeichen dafür, dass etwas weh tut – auch wenn das Tier ansonsten noch aktiv und fröhlich wirkt.

Ein weiteres häufig unterschätztes Symptom ist Juckreiz. Viele nehmen ihn nicht als großes Problem wahr, dabei kann der Leidensdruck enorm sein. Gerade bei Allergiepatienten sieht man, dass sich Tiere über Wochen wundkratzen. Wenn dieser Juckreiz als das erkannt würde, was er ist – nämlich ein massives Leiden –, würden viele Halter deutlich früher Hilfe suchen.“

Wieso die Prognose so entscheidend ist

Wie unterscheidest du zwischen vorübergehender Belastung durch eine Therapie und echtem, nicht mehr vertretbaren Leid? 
„Schlussendlich anhand der Prognose. Um diese beurteilen zu können, brauchen wir eine akkurate Diagnose – daran hängt im Grunde alles. Ein Knochenbruch zum Beispiel heilt in der Regel innerhalb einer gewissen Zeit, und danach ist das Problem oft behoben. Der Weg dorthin ist aber natürlich mit Schmerzen und entsprechendem Leid verbunden.

Ähnlich ist es bei anderen Erkrankungen. Nehmen wir Zahnerkrankungen: Eine Zahn-OP ist zunächst eine Belastung für das Tier, und auch danach hat es wahrscheinlich erst einmal Schmerzen. Aber die Wunde kann abheilen – und danach ist das Tier schmerzfrei.

Ein weiteres Beispiel aus der Augenheilkunde ist der erhöhte Augendruck, etwa beim Grünen Star. Aus der Humanmedizin wissen wir, dass ein zu hoher Druck starke Augen- und Kopfschmerzen verursachen kann. Es gibt unterschiedliche Verlaufsformen, aber häufig entwickelt sich das Ganze schleichend, chronisch, und das Tier hat Zeit, sich daran anzupassen. Wenn man dann ein schmerzhaftes, oft schon blindes Auge entfernt, ist das zunächst natürlich eine Operation – also wieder eine Belastung. Aber wir begleiten das mit Schmerzmitteln und unterstützen das Tier in dieser Phase. Danach ist der Schmerz komplett weg, und die Prognose ist sehr gut. In solchen Fällen ist das Leid bis zu diesem Punkt vertretbar, weil eine Heilung zu erwarten ist.

Anders ist es bei palliativen Patienten, also Tieren mit unheilbaren Erkrankungen. Hier muss die Situation immer individuell betrachtet werden. Man muss abwägen: Wie ist die aktuelle Lage, und welche Entscheidung ist im Sinne des Tieres die richtige?

Unterm Strich geht es darum, den zu erwartenden Leidensweg ins Verhältnis zum Ergebnis zu setzen: Ist Heilung möglich oder nicht? Und auch die verbleibende Lebenszeit spielt dabei eine Rolle.“

„Lohnt sich das überhaupt noch?“

Kommst du in solchen Fällen überhaupt dazu, eine Prognose zu stellen? Oder brechen Halter manchmal schon vorher ab, bevor Diagnostik gemacht wird?
„Es kommt vor, dass Halter noch vor der Behandlung abbrechen. Gerade bei älteren Tieren ist das gar nicht so selten. Da stellen sich Halter oft die Frage, ob es sich überhaupt noch lohnt, jetzt noch einmal Geld in Diagnostik zu investieren, um herauszufinden, was dem Tier fehlt.

Ich persönlich finde es aber wichtig, zu wissen, ob Hilfe überhaupt möglich ist. Denn danach richtet sich letztlich alles Weitere. Aber ja – diese Frage wird häufig gestellt.“

Der richtige Zeitpunkt für Abschied

Was würdest du Haltern und Halterinnen raten, die unsicher sind und Angst haben, „zu spät“ oder „zu früh“ zu entscheiden?

„Ich würde immer sagen: Das Allerwichtigste ist, ehrlich auf die eigene Intuition zu hören. Meistens geht es bei dieser Frage ja darum, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um Abschied zu nehmen. Und sobald sich dieser Gedanke im Kopf festsetzt – dass es vielleicht so weit sein könnte –, sollte man ihn ernst nehmen.

Das ist der erste Schritt. Denn Halter kennen ihr Tier in der Regel sehr gut. Der zweite Schritt ist dann, mit der behandelnden Tierärztin oder dem Tierarzt noch einmal darüber zu sprechen. So hat man einerseits die eigene Einschätzung, aber eben auch die fachliche Perspektive.

Wichtig ist dabei ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Tierhalter und Tierarzt. Idealerweise kennt man das Tier schon länger und hat seine Entwicklung begleitet. Dann kann sie auch einordnen, wie sich der Zustand verändert hat. Wenn man zum Beispiel sagt: ,Das ist nur noch ein Schatten seiner selbst‘, dann ist dieser Blick von außen – kombiniert mit der medizinischen Einschätzung der bestehenden Erkrankungen und der aktuellen Behandlung – sehr wertvoll.

All das zusammen hilft dabei, eine Entscheidung zu treffen, die wirklich im Sinne des Tieres ist.“

Zwischen verpassten Chancen und neuen Möglichkeiten

Gibt es Fälle, die dich besonders geprägt haben?
„Am meisten berührt es mich tatsächlich, wenn alte Tiere – Katzen sind da ein klassisches Beispiel, aber auch Kaninchen und kleine Heimtiere generell – ihr ganzes Leben lang nie einen Tierarzt gesehen haben. Diese Tiere werden uns dann oft erst in einem sehr schlechten Zustand vorgestellt. Das kommt leider gar nicht so selten vor.

Häufig heißt es dann: ‚Das Tier war ja immer gesund.‘ Aber oft sieht man auf den ersten Blick, dass es nicht erst seit ein paar Tagen leidet, sondern schon deutlich länger. In manchen Fällen können wir noch helfen, in anderen kommt jede Hilfe zu spät. Das ist extrem frustrierend. Denn viele dieser Erkrankungen ließen sich durch frühere Untersuchungen deutlich besser behandeln – mit spürbaren Verbesserungen für Lebensqualität und oft auch Lebensdauer.“

Gibt es auch positive Fälle, die Mut machen?
„ Kürzlich hatten wir zum Beispiel eine sehr junge Katze nach einem schweren Autounfall. Sie musste über mehrere Monate behandelt werden und brauchte mehrere Operationen. Aber heute ist sie wieder komplett gesund, lebt bei ihrer Familie und hat ihr ganzes Leben noch vor sich.

Solche Fälle zeigen, dass heute oft mehr möglich ist als noch vor 20 Jahren. Das gibt einem auch den Antrieb, in manchen Situationen zu sagen: Wir hören hier noch nicht auf – es lohnt sich, weiterzumachen.

Und dann gibt es noch die Tiere, oft ältere, mit sehr schlechten Zähnen, die erst operiert werden, wenn es gar nicht mehr anders geht – wenn sie kaum noch fressen können. Nach solchen Eingriffen bekommt man dann häufig das Feedback, dass die Tiere wie ausgewechselt sind, fast wie verjüngt. Plötzlich spielen sie wieder unbeschwert.

Natürlich muss man immer Nutzen und Risiko abwägen, zum Beispiel auch bei einer Narkose. Aber diese Erfahrungen zeigen, dass es sich lohnen kann, noch einmal Mut zu fassen und eine Behandlung anzugehen – weil sie für das Tier einen enormen Unterschied machen kann.“

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Ein würdiger Abschied

Was wäre für dich ein gutes Lebensende für ein Tier? 
„Unterm Strich gehört für mich zu einem guten Lebensende – neben einer artgerechten Haltung und Fütterung, damit das Tier möglichst lange gesund und fit bleibt – auch eine gute medizinische Versorgung und Vorsorge. So können Beschwerden frühzeitig erkannt und, wenn nötig, behandelt und begleitet werden.

Wenn man dann im Alter merkt, dass trotz aller Bemühungen zunehmend schlechte Tage dazukommen, ist das ein wichtiger Punkt. Spätestens dann, wenn die schlechten Tage beginnen zu überwiegen, sollte man sich Gedanken über einen Abschied machen.

Ich habe den Eindruck, dass viele Tierhalter eine etwas romantisierte Vorstellung von einem friedlichen Tod zu Hause haben. Das wünscht man natürlich jedem Tier – aber die Realität sieht oft anders aus. In der Tiermedizin können wir heute zwar sehr viel leisten. Unser Vorteil ist aber, dass wir nicht um jeden Preis alles ausschöpfen müssen.

Wenn die Prognose schlecht ist und keine echte Aussicht auf Besserung mehr besteht, dann ist es aus meiner Sicht ein letzter Dienst der Liebe, bewusst Abschied zu nehmen und dem Tier ein weiteres Leiden zu ersparen.“

Die Verantwortung am Lebensende

„Am Ende geht es nicht darum, jede Entscheidung perfekt zu treffen. Sondern darum, ehrlich hinzusehen – auch dann, wenn es schwerfällt. Tiere können nicht sagen, wie es ihnen geht. Umso mehr liegt es in unserer Verantwortung, ihre Signale ernst zu nehmen und zwischen Hoffnung und Realität abzuwägen.

Manchmal bedeutet das, weiterzumachen und für jede Chance zu kämpfen. Und manchmal bedeutet es aber auch, loszulassen. Vielleicht ist genau das die größte Herausforderung: den richtigen Moment zu erkennen und im Sinne des Tieres zu handeln, auch wenn es weh tut.“

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