27. April 2026, 5:57 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Kaum ein Thema beschäftigt Hundehalter so intensiv und gleichzeitig so frustrierend wie, wenn der Hund unkontrolliert jagt. Der Hund läuft weg, ignoriert jeden Rückruf, taucht zwanzig Minuten später schwitzend und selig grinsend wieder auf – und man selbst steht da, zwischen Erleichterung und Verzweiflung. Hundetrainerin und PETBOOK-Autorin Katharina Marioth zählt 5 Fehler auf, die das Problem oft schlimmer machen.
Jagdverhalten ist eins der häufigsten Probleme
In meiner täglichen Arbeit als Hundetrainerin ist Jagdverhalten eines der am häufigsten genannten Probleme. Und gleichzeitig ist es eines der Themen, bei dem die meisten Halter mit den falschen Annahmen starten. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil bestimmte Erklärungen so verbreitet sind, dass sie kaum hinterfragt werden. Genau das möchte ich heute ändern. Denn wer die Denkfehler kennt, kann aufhören, das Problem ungewollt zu verschlimmern – und endlich wirksam daran arbeiten.
Denkfehler 1: „Mein Hund weiß, dass es verboten ist“
Das ist der Satz, den ich am häufigsten höre. Meistens verbunden mit einem Seufzen und dem Zusatz: „Der macht das doch extra.“ Ich verstehe das Gefühl. Aber es entspricht nicht dem, was im Hund tatsächlich vorgeht. Jagen ist kein bewusster Regelbruch. Es ist ein tief verwurzelter, neurobiologisch gesteuerter Instinkt, der sich über Jahrtausende der Domestizierung zwar verändert, aber nie vollständig abgeschliffen hat. Wenn ein Hund ein Reh sieht und losläuft, erlebt er keine innere Debatte zwischen Gehorsam und Versuchung. Er befindet sich in einem Zustand, in dem das Belohnungssystem seines Gehirns auf Hochtouren läuft – Dopamin pur, komplett ohne Zutun des Menschen.
Schuld, Absicht, Trotz – das sind menschliche Konzepte, die wir auf unsere Hunde projizieren. Und diese Projektion ist gefährlich, weil sie uns zu den falschen Maßnahmen verleitet. Wer glaubt, der Hund „weiß es besser“, wird früher oder später versuchen, ihm das Jagen durch Druck oder Strafe auszutreiben. Und landet damit direkt beim nächsten Denkfehler.
Denkfehler 2: „Strafe nach der Rückkehr“
Dieser Denkfehler ist nicht nur wirkungslos, er ist aktiv schädlich. Die Logik dahinter klingt zunächst einleuchtend: Der Hund kommt zurück, er hat gerade etwas Falsches getan, also bekommt er jetzt eine klare Ansage. Problem verstanden, nächstes Mal besser.
Tatsächlich aber verbindet der Hund die Strafe nicht mit dem Jagen, das mehrere Minuten zurückliegt. Er verbindet sie mit dem letzten Verhalten, das er gezeigt hat – nämlich dem Zurückkommen. Wer seinen Hund nach der Rückkehr bestraft, egal ob durch lautes Schimpfen, Anleinen mit Nachdruck oder körperlichen Druck, bestraft aktiv den Rückruf. Das Ergebnis: Der Hund kommt beim nächsten Mal noch zögerlicher zurück. Er lernt, dass die Rückkehr zum Menschen unangenehme Konsequenzen hat. Und das ist das Letzte, was wir wollen.
Der Rückruf muss die beste Sache der Welt sein – immer. Auch wenn man innerlich kocht.
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Denkfehler 3: „Mehr Bewegung löst das Problem“
Ich höre diesen Ratschlag ständig, auch aus gut gemeinten Ecken: „Dein Hund jagt, weil er zu wenig Auslastung hat. Mehr Bewegung, dann hört das auf.“ Es klingt logisch. Es stimmt aber so nicht – zumindest nicht pauschal.
Das Problem bei dieser Annahme ist, dass körperliche Auslastung allein das Jagdverhalten nicht reduziert, sondern in vielen Fällen sogar verstärkt. Wer seinen Hund täglich zwei Stunden durch Wiesen und Wälder scheucht, trainiert Ausdauer, Aufmerksamkeit auf Umweltreize und die Kondition für schnelle Reaktionen auf Beute. Genau die Eigenschaften, die das Jagen effektiver machen.
Was wirklich hilft, ist gezielte jagdliche Auslastung auf kontrollierten Wegen. Dummytraining etwa bietet eine legale, sichere und für den Hund hochbefriedigende Alternative, bei der der Apportiertrieb ausgelebt werden kann, ohne dass ein Reh involviert ist. Rettungshundesport geht noch einen Schritt weiter: Er kombiniert Nasenarbeit, Ausdauer und enge Zusammenarbeit mit dem Menschen – und schafft dabei eine Bindung, die im Alltag Gold wert ist. Solche Beschäftigungsformen sprechen die jagdliche Motivation des Hundes an, kanalisieren sie aber in eine Richtung, die weder Wildtiere gefährdet noch Halter in Bedrängnis bringt.
Denkfehler 4: „Er hört in dem Moment einfach nicht auf mich.“
Stimmt – aber das „einfach“ ist das Problem. Denn dieser Satz wird oft als unveränderliche Tatsache formuliert, als wäre es Schicksal. In Wahrheit beschreibt er einen Zustand, den man verstehen und gezielt bearbeiten kann.
Wenn ein Hund jagt, also im sogenannten Jagdmodus ist, befindet er sich in einem veränderten neurobiologischen Zustand. Die Konzentration auf die Beute ist so stark, dass externe Reize, also auch Stimme, Pfeife oder Kommando, schlicht nicht dieselbe Verarbeitungstiefe erreichen wie im Normalzustand. Das ist keine Entscheidung, das ist Neurologie.
Was das bedeutet: Training muss weit unterhalb der Reizschwelle stattfinden. Nicht an dem Ort, an dem die Rehe laufen, und nicht in dem Moment, in dem der Hund bereits fixiert ist.
Sondern vorher, schrittweise, mit sehr viel Geduld und klaren Kriterien. Ein gutes Umkreistraining ist dabei eines der wirksamsten Werkzeuge, die ich kenne. Es schult die Aufmerksamkeit des Hundes auf den Menschen, auch wenn die Umgebung interessant wird, und baut Schritt für Schritt eine Orientierung auf, die im Ernstfall trägt. Wer es systematisch aufbaut, arbeitet mit der Biologie des Hundes – nicht gegen sie.
Denkfehler 5: „Das legt sich mit dem Alter“
Manchmal stimmt das sogar. Manche Hunde werden mit zunehmendem Alter ruhiger, die Jagdmotivation lässt nach, die Impulskontrolle wächst von selbst. Aber das ist die Ausnahme, nicht die Regel. Und sich darauf zu verlassen, ist riskant.
Denn unbearbeitetes Jagdverhalten verfestigt sich. Jede erfolgreiche Jagd – und erfolgreich bedeutet hier: Der Hund jagt und hat dabei viel Spaß, egal ob er das Tier erwischt oder nicht – ist eine Übungseinheit. Das Gehirn lernt: Dieser Ablauf macht Freude, dieser Ablauf funktioniert, diesen Ablauf wiederhole ich. Wer drei Jahre wartet, hat einem Verhalten dreimal täglich Raum gegeben, sich zu festigen.
Früh ansetzen gibt deutlich mehr Spielraum. Nicht weil junge Hunde gefügiger sind, sondern weil sich weniger eingeschliffene Muster schneller verändern lassen.
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Management ist keine Niederlage
Ich erlebe immer wieder Halter, die sich schämen, wenn ihr Hund an der Schleppleine läuft. Als wäre das ein Eingeständnis von Versagen. Das sehe ich komplett anders. Die Schleppleine ist kein Zeichen von schlechter Erziehung – sie ist ein Zeichen von Verantwortungsbewusstsein. Solange das Training noch nicht so weit ist, dass der Hund zuverlässig abrufbar ist, gehört er in jagdrelevanten Gebieten an die Schleppleine.
Das gilt übrigens nicht nur für den Hund der jagt und seinen Menschen. Jagdverhalten hat reale Konsequenzen für Wildtiere, besonders in sensiblen Phasen wie der Brut- und Setzzeit. Ein Hund, der ungesichert durch den Wald läuft und Rehe, Hasen oder Bodenbrüter aufscheucht, richtet Schaden an, der weit über das eigene Grundstück hinausgeht. Rücksicht auf die Tierwelt ist keine Nebensache, sondern Teil der Verantwortung, die man übernimmt, wenn man einen Hund hält.
Die Schleppleine gibt dem Hund gleichzeitig Freiheit und Sicherheit. Sie erlaubt es, das Umkreistraining aufzubauen, ohne das Risiko einer unkontrollierten Jagd einzugehen. Und sie schützt in der Zwischenzeit alle Beteiligten – den Hund, das Wild und den Menschen.
Uns was tue ich jetzt?
Jagdverhalten ist nicht unlösbar. Es lässt sich beeinflussen, manchmal deutlich reduzieren, in vielen Fällen so weit kontrollieren, dass ein entspanntes Miteinander wieder möglich ist. Aber eben nur dann, wenn man aufhört, mit den falschen Werkzeugen zu arbeiten – und anfängt, ehrlich hinzuschauen: Was braucht dieser Hund wirklich? Wie kann ich seine Motivation sinnvoll kanalisieren? Und was kann ich heute schon tun, um ihn und andere zu schützen?
Der erste Schritt ist oft der schwierigste: Akzeptieren, dass der Hund kein böser Wille treibt, sondern ein Instinkt, der ihm echte Freude macht. Von dort aus lässt sich arbeiten. Mit Verständnis, mit Struktur, mit jagdlicher Auslastung auf kontrollierten Wegen – und mit einem Rückruf, der immer die beste Option für den Hund ist.
Zur Expertin
Katharina Marioth ist Gründerin der Marke Stadthundetraining und des KEML-Prinzips. Sie ist IHK- und behördlich-zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensgutachterin für gefährliche Hunde des Landes Berlin. In ihrem Daily Business arbeitet sie eng mit Veterinären, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten zum Thema Hund zusammen. Mit ihrem Wissen und Können konnte sie sich in der Sat.1-Sendung „Der Hundetrainer-Champion“ den Titel der Hundetrainerin des Jahres 2023 sichern.