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Erfahrungsbericht

Autorin über Ausbildung zur Problemhunde-Therapeutin: „Es war furchtbar und es war ein Fehler“

Collage aus Australian Shepherd an Leine und PETBOOK-Autorin Manuela Lieflaender (Kreis)
PETBOOK-Autorin Manuela Lieflaender machte damals zusammen mit ihrer Australien-Shepherd-Hündin die Ausbildung und erlebte dabei einige skurrile Dinge (Symbolbild). Foto: Manuela Lieflaender/Getty Iamges
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Porträtaufnahme von Autorin Manuela Lieflaender mit Hund Elvis
Freie Autorin

22. August 2025, 10:36 Uhr | Lesezeit: 10 Minuten

PETBOOK-Autorin Manuela Lieflaender absolvierte eine Ausbildung zur Trainerin für Problemhunde bei einer renommierten Hundeschule. Heute sieht sie viele der dort vermittelten Methoden kritisch. Hier berichtet sie von ihren Erfahrungen.

Wo zur Hölle bin ich denn hier gelandet?

„Der Hund ist geschlagen worden.“ Was? Ich war entsetzt. Zwei Handbewegungen machte der schwarzgekleidete Typ, eine vor und eine seitlich der Hundeschnauze. Meine junge Australian-Shepherd-Hündin wich mit dem Kopf aus. Zack, Stempel „misshandelter Hund“ aufgedrückt. Wo zur Hölle bin ich denn hier gelandet? Ich stand in einem Seminarraum in Gelsenkirchen, an den Tischen saßen ungefähr 30 Teilnehmer. 

„Das stimmt nicht“, schleuderte ich dem Typen entgegen und war echt sauer über seine unqualifizierte Aussage. „Dann ist sie zumindest grob angefasst worden.“ Es war zwecklos. Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, dass ich in einen „Praxistag“ für angehende Hundetrainer geplatzt war. Was ich auch nicht wusste: Eine Stunde später würde genau dieser Typ darüber entscheiden, ob ich eine Ausbildung in seinem Institut machen würde. Das konnte ja heiter werden.

Ich gewann ein Casting und durfte die 3.000 Euro teure Ausbildung machen

Es war eine Einladung zum Casting, die mich an dem Tag in diesen Seminarraum am Rande eines Parks in Gelsenkirchen geführt hatte. Der Gewinner des Castings sollte ein Stipendium für die Ausbildung zum Problemhunde-Therapeuten erhalten. Es war der Klassiker: Im Vorfeld musste man sich schriftlich bewerben, so als wolle man einen bestimmten Job haben. Am Ende gab’s ein Auswahlverfahren, an dem, neben mir, 20 weitere Bewerber teilnahmen. Jeder sollte fünf nonverbale Kommandos mit seinem Hund zeigen und wurde anschließend von einer dreiköpfigen Jury zu seinen Zielen befragt.

Zu Hause hatte ich geübt, Hailey durch Augenbewegungen ins „Sitz“ oder „Platz“ zu bringen. Mit einer Kopfbewegung konnte ich sie neben mir absitzen lassen und ähnliche Dinge. Ich war stolz, dass es uns an diesem Tag gelang, diese Tricks vor Publikum zu zeigen. In dem Raum saßen die angehenden Hundetrainer, die Casting-Teilnehmer und die Jury. Mit der Begründung, dass ich den „nötigen Biss für die Selbstständigkeit als Hundetrainer“ habe, gewann ich das Casting und durfte die 3.000 Euro teure Ausbildung zum Problemhunde-Therapeuten kostenlos absolvieren. Halleluja.

Warum ausgerechnet dieses Institut? Na ja, weil ich faul bin. Durch eine Reportage beim Fernsehsender Sat.1 wurde ich damals auf diese Hundetrainer aufmerksam. Mit ihrem „System“ setzten sie auf nonverbale Kommunikation mit dem Hund. Das basierte auf Körpersprache und körperaktiven Arbeiten, womit das Einschränken von Bewegungen gemeint ist.

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Das Ausbildungsinstitut kam mir vor, wie eine Sekte, die Gehirnwäsche betrieb

Diese Methode war so einfach wie effektiv, das ich sie vor dem Fernseher mit meinen Hunden umsetzen konnte. Das überzeugte mich. Nonverbale Kommunikation war damals ein neues Thema, das erst langsam populär wurde. Bis dato gab es fast nur Trainer, die mit einem Futterbeutel warfen und das für eine Erziehungsmethode hielten.

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Was kaum jemand weiß: Die wenigsten Teilnehmer einer Hundetrainer-Ausbildung wagen am Ende den Schritt in die Selbstständigkeit. Seltsam, oder? Ich jedenfalls konnte das vor meiner Ausbildung nicht nachvollziehen. Bis zu dem Moment, als ich während der Ausbildungsstaffel selbst an meine Grenzen kam. Der Grund: Das Ausbildungsinstitut kam mir vor, wie eine Sekte, die Gehirnwäsche betrieb.

Für Melanie war sofort klar: Hailey ist ein „Problemhund“

Als die Ausbildung zum Problemhunde-Therapeuten begann, war ich wie immer zu früh. Meine Hündin und ich standen noch auf dem Hof des Seminargebäudes, als ein auffallender schwarzer Mercedes mit blutrotem Logo vor mir einparkte. Die hellblonde Frau, die aus der Luxuskarosse stieg, war komplett in schwarz gekleidet. Das gleiche blutrote Logo, dass sich auf der Windschutzscheibe des Mercedes befand, prangte auf ihrer Jacke. Mit diesem Look und der Kälte, die die Ausbilderin ausstrahlte, hätte sie die Sängerin in einer Black Metal Band sein können. Aber diese schwarze Montur hatte nichts mit dunkler Musik zu tun. Es war die Corporate Identity dieses Instituts, das Problemhundetherapeuten ausbildete. Hier war alles düster und ernst.

Hailey „sprach“ aus, was ich dachte, und bellte sie an. Hui, da ließ Melanie (Name von der Redaktion geändert) gleich die Hundetrainerin heraushängen und versuchte, mit dem Aussie zu arbeiten. Erfolglos. Je mehr sie sich mit der Hündin beschäftigte, desto mehr wollte Hailey, dass diese Frau einfach verschwindet. Vielleicht ahnte sie schon, dass bald eine Zerreißprobe auf uns zukommen würde.

Für Melanie war sofort klar: Hailey ist ein „Problemhund“. So wie die Hunde der anderen Teilnehmer übrigens auch. Meine Hündin dürfe ab sofort keine eigenen Entscheidungen mehr treffen, hieß es. Begründung: Sie sei damit überfordert. Als Kontrolletti müsse sie selbst in der Wohnung an der Leine bleiben. Ich wollte gerade ansetzen, und ihr was zu den rassetypischen Eigenschaften sagen, doch das ließ sie nicht gelten. „Rassetypische Eigenschaften“ seien nur eine Ausrede von Hundehaltern. Es seien alles Hunde, die alle gleich lernen würden, und deshalb würde „das System“ bei jedem funktionieren.

Es war furchtbar und es war ein Fehler

Na gut, ich war Teilnehmer dieser Ausbildung, ich wollte Trainerin für Problemhunde werden, also habe ich ihr Training ausprobiert. Es war furchtbar und es war ein Fehler. Der Spaß an den Spaziergängen ging bei Hailey und mir komplett verloren. Dieses Kontrollieren und von Schnüffelstellen abdrängen war für den Hund und mich purer Stress. In der Wohnung das Tier ständig überall mithinzunehmen, sorgte dafür, dass wir uns nicht mehr entspannen konnten. Das „Training“ belastete die Beziehung zwischen Hailey und mir massiv. Ich entschied: Jetzt reicht’s und machte die Leine ab.  

„Du musst Deinen Hund abgeben!“

Das nächste Drama ließ nicht lange auf sich warten: Im Unterricht kam das Thema „Mehrhundehaltung“ auf den Tisch. Nach der Philosophie der Ausbilder war Mehrhundehaltung ein absolutes No-Go. Tja, was soll ich sagen, ich war natürlich Mehrhundehalter. Sofort hieß es, ich sollte Hailey abgeben. Bitte was?! Ja, ja, sie sei schließlich noch jung und mein Kleinspitz, der Ersthund, bereits fünf Jahre alt. 

„Stell dir vor, dein Freund bringt seine Geliebte mit nach Hause und sagt dir, dass sie jetzt bei euch wohnt und die gleichen Rechte hat wie Du. Genauso fühlt sich dein Kleinspitz.“ Jede Woche setzten sie mich erneut unter Druck, den Aussie abzugeben. „Sektenguru“ Rainer, der Erfinder des „Systems“, legte noch einen drauf: „Wenn du sie nicht abgibst, wird sie deinen Kleinspitz irgendwann totbeißen. Willst du das?!“ Seine braunen Augen funkelten mich böse an. Selbst die anderen Hundetrainer-Anwärter redeten auf mich ein, dass ich auf die beiden Ausbilder hören sollte. Die hätten schließlich Ahnung. Kleiner Spoiler: Nein, ich habe keinen meiner Hunde abgegeben und „totgebissen“ wurde auch keiner. 

„Du stehst nicht hinter unserem System!“

Man kann dem Ausbildungsinstitut vieles vorwerfen, aber langweilig wurde es nie. Einmal mussten wir uns mit geschlossenen Augen und im Stehen fallen lassen. Rainer und Melanie erklärten uns dazu, wir sollten darauf vertrauen, dass sie uns auffangen. Dass ich die Einzige war, die das ablehnte, machte Rainer wütend. „Du stehst nicht hinter unserem System“, motzte er mich an. 

Nach dem Unterricht baten sie mich zum Einzelgespräch. Man habe sich mehr von mir als Stipendiatin erhofft. Ich solle mir überlegen, ob es besser sei, nicht mehr zu kommen. Nö, sah ich gar nicht ein.

Wer einen Hund „süß“ fand, wurde erst mal erzogen

Derweil ging die Gehirnwäsche weiter. Im Unterricht wurden viele Videos von Hunden mit Maulkörben gezeigt. Wer einen Hund „süß“ fand oder sich sonst wie emotional äußerte, wurde erst mal erzogen. „Lampe an!“

Die riesige Alarm-Signal-Lampe stand immer bei einem Teilnehmer auf dem Tisch und musste angestellt werden. Dann blinkte sie aufgeregt und drehte sich dabei. Im selben Moment mussten alle Teilnehmer „Emotionsalarm, Emotionsalarm“ rufen. Begründet wurde das damit, dass man Problemhunden „neutral“ gegenüberstehen müsse. Emotionen seien da fehl am Platz.

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Einige Teilnehmer waren so deprimiert, dass sie die Ausbildung abbrachen

Permanent trichterte man uns ein, dass Hunde „egoistische Raubtiere“ seien. Außerdem sollten wir uns von der Vorstellung verabschieden , dass sie uns lieben würden. Das wollten wir Teilnehmer nicht wahrhaben. Wir nannten Beispiele, wollten beweisen, dass uns unsere Hunde sehr wohl lieben. Doch Melanie und Rainer konnten aus allem ein egoistisches Motiv der Vierbeiner ableiten.

Aber nicht nur der Spaß an der Hundehaltung sollte einen Knacks bekommen. Jetzt war der Mensch dran: Menschen würden Hunde grundsätzlich nicht artgerecht halten, hieß es. Das wurde uns so lange vermittelt und in allen Facetten ausgemalt, bis wir traurig die Köpfe hängen ließen. Sichtlich zufrieden schickte uns Melanie wieder nach Hause.

Für einige Teilnehmer war die Ausbildung an dem Punkt gelaufen. Sie waren so deprimiert, dass sie kein „Problemhunde-Therapeut“ mehr werden wollten. Ich zog bis zum Ende durch. Denn vieles aus dem Training konnte ich für meine Arbeit mit Hund und Mensch gut gebrauchen.

Meine 7 wichtigsten Learnings

Trotz der vielen Negativerlebnisse war die Ausbildung zum Problemhunde-Therapeuten vergleichsweise fundiert. Wie umfangreich geschult worden ist, zeigen die vierstündige (!) Theorie-Prüfung und der anschließende Praxisteil. Ein großes Plus: Während andere Anbieter zu dem Zeitpunkt nur Theorie lieferten, wurden hier Praxistage angeboten, an denen mit Hunden gearbeitet werden konnte.

Meine 7 wichtigsten Learnings aus meiner Ausbildung als Problemhunde-Therapeutin: 

  1. „Fehlverhalten“ existiert nur aus Sicht des Menschen. Der Hund macht aus einer Sicht alles richtig. Zeigt ein Hund „Fehlverhalten“, muss ihm eine Alternative angeboten werden.
  2. Anstatt auf falsches Hunde-Verhalten zu „warten“, um dieses zu korrigieren, sollte der Fokus grundsätzlich auf dem richtigen Verhalten liegen, das der Hund bereits zeigt. Fokus auf das Positive.
  3. Nicht zu vergessen: Der Hund muss erst mal lernen dürfen, was richtiges Verhalten aus unserer Sicht ist.
  4. Mit „Stimme“ zu arbeiten, ist kontraproduktiv, wenn man seine Emotionen nicht im Griff hat. 
  5. „Totlabern“ führt dazu, dass der Hund nicht mehr zuhört.  
  6. Futter kann beim Hund Stress abbauen. Vergleichbar mit dem Effekt, den Kaugummikauen beim Menschen hat. Bewegung baut ebenfalls Stress ab.  
  7. Schnauzgriff, auf den Rücken werden und andere Erziehungsmethoden, die durch die Hand vorgenommen werden, zerstören nicht nur das Vertrauen des Hundes, sie führen zu Gegenaggressionen. Merke: Aggression bewirkt Gegenaggression. Ruhe bewirkt Ruhe.
Porträtaufnahme von Autorin Manuela Lieflaender mit Hund Elvis
Freie Autorin

Zur Autorin

Inspirierende Geschichten sind die große Leidenschaft von Manu Lieflaender. Zum thematischen Portfolio der zertifizierten Hundepsychologin und Pferdefrau zählen Ratgeber-Texte ebenso wie Reportagen über tierfreundliche Reise-Destinationen und Erfahrungsberichte mit Tiefgang.

Noch nicht genug von Elvis und seinem Frauchen? Besuchen Sie die Hundejournalistin Manuela Lieflaender bei Instagram. 

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