13. Januar 2026, 20:37 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
In Niedersachsen ist ein Mann von seinem American Bully XL totgebissen worden. Wie kann sowas passieren? PETBOOK fragte bei Hundeexpertin Vanessa Bokr nach. Sie ist Geschäftsführerin der Hellhound Foundation e. V., einer gemeinnützigen Organisation, die sich auf „schwierige Hunde“ spezialisiert hat. Sie gibt eine Einschätzung zum American Bulldog – denn zunächst wurde der Hund von der Polizei als diese Rasse eingestuft. Laut den Behörden Vechta handelt es sich aber wohl um einen American Bully XL.
„Bulldoggen erfordern einen verantwortungsbewussten Umgang“
PETBOOK: Vanessa, welchen Grund kann es dafür gegeben haben, dass der Hund sein Herrchen totgebissen hat?
„Ich kann mir gut vorstellen, dass der Hund vielleicht irgendwas gesehen hat, sich aufgeregt hat und sein Besitzer versucht hat, ihn zu stoppen. Wenn hier nicht geklärt ist, in welchem sozialen Gefüge miteinander umgegangen werden darf, knallt es. Der Hund wird sich gegen seinen Besitzer gedreht, ihn angegriffen haben und anschließend die Leiche (Beute) bewacht haben.
Denkbar wäre aber auch ein witterungsbedingter Sturz des Halters, der unkontrollierte Bewegungsreize und Laute von sich gegeben hat und dadurch den Beutetrieb des Hundes ausgelöst hat. Der American Bulldog und sämtliche andere Bulldoggen sind sehr starke und selbstständige Hunde, die einen klaren und verantwortungsbewussten Umgang erfordern. Bekommen sie diesen nicht, setzen sie sich durch. Das Infragestellen oder Angreifen der eigenen Bezugsperson wird dabei ihrem Potenzial gerecht.“
„Die sind völlig ungeeignet für eine Stadtwohnung“
Der American Bulldog steht bei einigen Bundesländern auf der Liste. Warum wird die Rasse als gefährlich eingestuft?
„Weil es vermehrt zu Beißvorfällen kommt. Diese Hunde sind dafür gezüchtet worden, größere Lebewesen zu jagen und zu töten. Die Bulldoggen-Rassen sind rabiat. Man muss wissen, der American Bulldog lebt normalerweise auf Farmen in den Südstaaten der USA. Da beißen diese Hunde alles tot, was nach Eindringling aussieht. In den Südstaaten gibt
es große Probleme mit Hybridschweinen beispielsweise. Und diese großen,
breitschädeligen Hunde werden dafür eingesetzt, Schweine und andere
Schädlinge zu jagen und zu töten, sowie Haus und Hof zu bewachen.
Die sind völlig ungeeignet für eine Stadtwohnung. Und solche Hunde leben dann in Niedersachsen in einer Dorfgemeinde und kommen zweimal am Tag raus, wenn sie Glück haben. Das kann nicht funktionieren und entspricht nicht mal im Ansatz ihrem Potenzial, sich frei und selbstständig zu bewegen, zu jagen und zu wachen.“
„Den Leuten fehlt die Sachkunde“
Solche tödlichen Beißvorfälle scheinen immer „ganz plötzlich“ zu passieren. Kündigt sich so eine Attacke in der Regel an? Wie erkenne ich das als Hundebesitzer?
„Das hat nichts damit zu tun, ob man sowas frühzeitig erkennen kann, sondern mit
dem Umgang an sich. Wenn wir Hunde nicht lesen können, werden tödliche
Beißvorfälle noch tausendmal passieren.
Wir bekommen jeden Tag zig Nachrichten von Leuten, deren Hunde ihre Halter schwer gebissen haben. Da ist jede Hunderasse dabei. Den Leuten fehlt die Sachkunde. Sie halten ihre Hunde nicht artgerecht. Da kommt es nicht selten zu einer sogenannten Statusaggression. Es schaffen sich Menschen Hunde an, die gar nicht dazu in der Lage sind, sich um ein Lebewesen zu kümmern, und trotzdem ist das erlaubt, ohne einen Nachweis zu erbringen. Jeder Hundekauf ist ein Selbstversuch.
Wir haben 60 Hunde in der Hellhound Foundation, die alle ihre Besitzer gebissen haben
– vom Pudel bis zum Schäferhund. Das Problem sind aber nie die Hunde. Es sind die Menschen, die komplett sozial inkompetent und naiv an die Hundehaltung herangehen.“
Hunde werden aufgrund von Profitgier hochgezüchtet
Trotzdem muss doch viel vorgefallen sein, bis ein Hund seinen Besitzer totbeißt? Hat der Besitzer ihn schlecht behandelt, oder kann mir das auch passieren, wenn ich „nett“ zu dem Hund bin?
„Das kann auch passieren, wenn man nett zu seinem Hund ist. Das Problem sind die
Qualzuchten, die aufgrund von Profitgier hochgezüchtet werden, aber genetisch eine
Katastrophe sind.“
Warum siehst du den American Bulldog als Qualzucht?
„Schau ihn dir an: Platte Nase, neuerdings in Anthrazit gezüchtet. Das ist eine Farbe,
die bei dieser Rasse nie vorkam. Beim Kauf weißt du nicht, was da rein gezüchtet
worden ist – Cane Corso, Pitbull … Diese Fellfarbe wird durch einen Gendefekt
verursacht. Es ist nachgewiesen worden, dass diese Hunde krank sein können. Die
zeigen Verhaltensauffälligkeiten, Futtermittelunverträglichkeiten und unterschiedliche
Erkrankungen.“
„Solche Vorfälle werden sich weiter häufen“
Habt ihr American Bulldogs in der Hellhound-Foundation?
„Wir haben Ende letzten Jahres vier XL-Bullys aus einer Zucht bekommen, die die Schwiegermutter fast totgebissen haben. Und haben eine sehr hohe Quote an Abgabeanfragen zu den Bulldograssen und Kreuzungen.“
Also überrascht es dich nicht, dass ein solcher Hund sein Herrchen tot beißt?
„Nein. Im Gegenteil, solche Vorfälle werden sich weiter häufen. Denn gerade diese
großen, bulligen Rassen, die bei den Behörden nicht auf dem Radar sind, werden
häufig gekauft. Vor allem in Sonderfarben.“
Was ist deine Erfahrung mit der Rasse?
„Die bringen bei uns niemanden um. Ihre Besitzer hingegen werden von ihnen fast getötet – wie kann das sein? Weil wir die Sachkunde haben und wissen, wie man mit Hunden umgeht.“
„Hunde sind keine besten Freunde und keine Familienmitglieder!“
Wie geht ihr mit solchen Hunden um?
„Für uns sind Hunde Tiere, individuelle Charaktere. Sie haben ihre speziellen Bedürfnisse, und die muss man kennen. Hunde sind keine besten Freunde und keine Familienmitglieder! Das waren früher Nutztiere und irgendwann sind daraus Familienmitglieder geworden. Aber diese Denkweise ist krank! Hunde wollen nicht einzeln mit Menschen zusammenleben. Sie wollen mit Artgenossen zusammen sein.
Was macht ihr anders als deren Besitzer?
„Wir sorgen dafür, dass die Hunde mit ihren Artgenossen leben können. Sie können bei uns ihren Bedürfnissen nachgehen. Sie dürfen artgerecht kommunizieren. Das bedeutet, sie dürfen auch uns anknurren, wenn das Maß bei ihnen voll ist. Bei uns werden die Hunde nicht von Hundetrainern umprogrammiert, sondern sie bekommen, was sie brauchen. Hütehunde dürfen bei uns hüten, Schäferhunde bekommen eine Bezugsperson an die Seite gestellt und Terrier sind wild. Mit denen wird entsprechend umgegangen und gearbeitet.“
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„Das Problem ist der Endkonsument, der sich überall Hunde beschaffen kann“
Kommen wir zurück auf den American Bulldog, der bei einigen Bundesländern auf der Liste der gefährlichen Hunde steht. Das soll sich jetzt ändern, denn viele Bundesländer (z. B. Berlin) haben die Rassenliste wieder abgeschafft. Wenn Leute solche Schlagzeilen lesen, zweifeln sie aber, ob das der richtige Weg ist – wie siehst du das?
„Die Rasseliste ist ineffektiv. Das Problem ist der Endkonsument, der sich überall Hunde beschaffen kann. Wir haben hier in Deutschland seit 20 Jahren ein riesiges Problem mit bissigen Hunden! Das wird von der Gesellschaft komplett unter den Teppich gekehrt und genauso tabuisiert wie der Tod. Schwierige Hunde werden so schnell es geht eingeschläfert.
Bei uns rufen ständig Praxen an und fragen uns um Rat, weil sie keine gesunden Hunde einschläfern dürfen. Aber wo sollen die Hunde denn bitteschön hin, wenn sie gebissen haben?! Die Tierheime sind voll mit Langzeit-Insassen, die wegen ihrer Gefährlichkeit keiner haben will. Wer jetzt ein Problem mit seinem Hund hat, der ist komplett auf sich allein gestellt, weil in allen Tierheimen Aufnahmestopp herrscht.
Die Besitzer haben es komplett verkackt, da kannst du als Hundetrainer auch nichts mehr machen, weil diese Menschen es sowieso nicht hinbekommen. Die Gesellschaft wird immer asozialer. Auch die hohen Schichten. Keiner ist bereit, sein Verhalten gegenüber dem Hund zu ändern.“
„Hunde sind Waffen“
Was sollte die Politik oder die Gesellschaft tun, um Beißvorfälle mit Hunden generell zu vermeiden?
„Die Politik muss dafür sorgen, dass Menschen einen Tierhaltungs-Führerschein machen müssen. Genau wie bei den Waffen und beim Auto sollte man vorher nachweisen müssen, dass man sachkundig ist, bevor man sich ein Tier anschafft. Hunde sind Waffen. Was glaubst du, warum die bei Polizei und Militär eingesetzt werden, wenn sie nicht gefährlich sind?
Hunde haben keine Bindung zu uns. Erst neulich erzählte mir ein Polizist von einem Fall, in dem eine junge Frau von ihrem Terrier totgebissen worden ist, als sie einen epileptischen Anfall hatte. Der Hund ist aufgrund der unkontrollierten Bewegungen der Frau komplett ausgerastet. Hinzu kommt, dass Terrier darauf gezüchtet sind, auf Bewegungsreize zu reagieren. Solche Fälle werden unter den Teppich gekehrt.“
Was wird passieren, wenn der Staat weiterhin nichts unternimmt?
„Dann wird er die Öffentlichkeit weiter gefährden. Es werden immer mehr Menschen von Hunden angegriffen. Wir haben jeden Tag zig Anfragen von Hundehaltern, deren Hunde gebissen haben. Über Weihnachten hatten wir drei Tage das Handy aus. In der Zeit haben wir über 200 Anfragen bekommen. Im Gegensatz zu anderen Tieren wie Katzen zum Beispiel, die sich entziehen, kann der Hund nicht weg von seinem Menschen. Er hat ständig Zugriff auf ihn. Umso wichtiger ist es, sich mit den Bedürfnissen von Hunden auseinanderzusetzen und ihre Körpersprache richtig deuten zu können.“
Über die Hellhound-Foundation
Die Hellhound Foundation ist eine gemeinnützige Einrichtung, deren Bestreben es ist, Menschen im Umgang mit verhaltensauffälligen und problematischen Hunden zu beraten und zu unterstützen. Sie bietet im Rahmen der Schulung von Hundebesitzern und Tierheimmitarbeitern die Möglichkeit, Tierschutzhunde und Problemtiere professionell und liebevoll zu versorgen. Interessierte Hundehalter können zudem Webinare buchen.
Korrektur
In einer früheren Version dieses Artikels wurde der Hund als American Bulldog bezeichnet. Inzwischen sprechen die zuständigen Behörden vom Landkreis Vechta aber von einem American Bully XL.