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Expertin warnt

Zu viel Fleisch kann bei Hunden zu problematischem Verhalten führen

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Porträt Saskia Schneider auf dem PETBOOK Relaunch
Redaktionsleiterin

6. November 2025, 13:57 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Viele glauben, ein gutes Futter für Hunde müsse vor allem eines enthalten: möglichst viel Fleisch. „Getreidefrei“ gilt in der Werbung oft als Qualitätsmerkmal. Doch stimmt das wirklich? Hundetrainerin Katharina Marioth, die sich neben Verhaltenstraining auch mit Hundeernährung beschäftigt, erklärt, warum Kohlenhydrate für Hunde wichtig sind und wie die Ernährung das Verhalten beeinflusst.

Vom Wolf zum Familienhund

Der Hund stamme zwar ursprünglich vom Wolf ab, erklärt Katharina Marioth im Gespräch mit PETBOOK, doch diese Verbindung werde häufig falsch interpretiert. „Das ist gefühlt hundert Millionen Jahre her. Wir Menschen stammen ja auch von unseren Vorfahren ab und ernähren uns heute völlig anders.“

In ihrer Praxis beobachtet die Hundetrainerin regelmäßig Zusammenhänge zwischen Ernährung und Verhalten. „Wir haben viel mit Aggressionsfällen und Über-Erregung zu tun“, sagt sie. Auch Probleme im Bewegungsapparat junger Hunde seien keine Seltenheit. Studien aus England und Skandinavien hätten gezeigt, dass eine zu hohe Proteinbelastung – also eine Ernährung mit extrem viel Fleisch und zu wenig Kohlenhydraten – das Verhalten negativ beeinflussen kann. 1, 2

„Zu viel Eiweiß kann den Hund innerlich stressen und belastet die Organe – Leber, Niere, Milz. Das kennen wir auch vom Menschen“, erklärt Marioth. Deshalb frage sie bei Verhaltensauffälligkeiten immer auch nach dem Futter, ohne bestimmte Marken zu empfehlen. „Wenn jemand roh füttert, kann das im Einzelfall super sein. Wichtig ist aber, was noch dazukommt. Die Dosis macht das Gift.“

Warum Kohlenhydrate wichtig sind

Kohlenhydrate sind laut Marioth ein unterschätzter, aber entscheidender Bestandteil der Hundenahrung. Sie helfen bei der Bildung von L-Tryptophan – einer Aminosäure, die im Gehirn zur Produktion von Serotonin und Dopamin beiträgt. „Diese Botenstoffe fördern Entspannung und Lernfähigkeit und senken das Erregungsniveau“, sagt sie.

Das heiße aber nicht, der Hund solle nur Nudeln bekommen. „Die Dosis macht’s. Ein bisschen Gemüse oder Süßkartoffel reicht oft nicht aus.“ 3

Zu viel Protein – zu wenig Balance

Wenn ein Hund aggressiv oder übererregt ist, empfiehlt Marioth, den Proteingehalt im Futter zu senken. „Ich würde bei solchen Hunden etwa 30 Prozent weniger Protein geben“, erklärt sie. „Trocken- oder Nassfutter sollte deutlich unter 25 Prozent Rohprotein enthalten.“

Eine übermäßige Eiweißzufuhr könne nicht nur die Organe belasten, sondern auch das Verhalten verändern. „Menschen, die lange Low-Carb essen, werden häufig reizbarer – und beim Hund ist das ähnlich.“ In Großbritannien gebe es inzwischen Futtersorten, die speziell für Hunde mit Erregungs- oder Aggressionsproblemen entwickelt wurden. Sie ersetzten kein Training, könnten aber helfen, den Hund zu stabilisieren.

Hirse eignet sich besonders gut

Ein praktischer Weg, um den Kohlenhydratanteil zu erhöhen, sei der gezielte Einsatz pflanzlicher Beilagen. „Hirse ist der beste pflanzliche Lieferant für L-Tryptophan“, erklärt Marioth. „Nach zwei bis drei Wochen zeigen viele Hunde bereits eine positive Veränderung.“ 4

Wenn der Hund keine Hirse mag, seien Nudeln oder Reis gute Alternativen – auch in glutenfreier Form, falls nötig. „Wichtig ist, dass überhaupt Kohlenhydrate im Napf landen“, betont die Trainerin. „Sie können das Verhalten stabilisieren, besonders bei unsicheren oder sehr aktiven Hunden.“

„Getreidefrei“ ist kein Gütesiegel

Dass viele Hersteller mit Schlagworten wie „hoher Fleischanteil“ oder „getreidefrei“ werben, hält Marioth für Marketing. „Das klingt einfach gut und bedient Stereotype“, sagt sie. Rohfleischfütterung sei zwar beliebt, aber teuer – und damit sehr lukrativ für die Anbieter. „Außerdem braucht man bei reiner Fleischfütterung viele Zusatzstoffe, um Mangelerscheinungen zu vermeiden, vor allem bei Mineralstoffen.“

Der Vergleich mit dem Wolf sei irreführend: „Wölfe fressen in freier Wildbahn nicht nur Fleisch, sondern auch Wurzeln, Kräuter und andere pflanzliche Bestandteile“, erklärt sie. Zudem habe der Haushund durch Domestikation und veränderte Darmflora mit dem Wolf kaum noch etwas gemein. 5

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Woran man gutes Futter erkennt

Am Ende komme es vor allem auf den Hund an, so die Expertin. „Geht es ihm gut? Hat er ein glänzendes Fell, eine gute Kotqualität, eine ruhige Verdauung und ein ausgeglichenes Verhalten? Dann passt das Futter wahrscheinlich.“

Futternapf, Erhöhte Schüssel aus Edelstahl

rutschfest | ohne Verschütten

Wer jedoch Veränderungen bemerkt – etwa Unruhe, Reizbarkeit oder körperliche Beschwerden –, sollte die Ernährung überprüfen. „Am besten lässt man sich von jemandem beraten, der wirklich neutral ist – also einem qualifizierten Trainer oder Tierarzt ohne Kooperation mit Herstellern“, rät sie.

Denn oft reiche schon eine kleine Anpassung, um eine große Wirkung zu erzielen:
„Ernährung allein löst keine Verhaltensprobleme, aber sie kann helfen, sie besser in den Griff zu bekommen.“

Anzeichen für unausgewogene Ernährung beim Hund

  • Häufige Unruhe oder Aggressionen
  • Übermäßiges Hecheln oder ständige Anspannung
  • Glanzloses Fell, schuppige Haut
  • Verdauungsprobleme oder wechselnde Kotqualität
  • Plötzliche Lern- oder Konzentrationsschwäche

Katharina Marioth: „Wenn sich Verhalten oder Wohlbefinden verändern, lohnt sich ein Blick in den Napf – oft liegt die Ursache dort.“

Das gesamte Interview mit Hundetrainerin Katharina Marioth sehen Sie im Video.

Zur Expertin

Katharina Marioth ist Gründerin der Marke Stadthundetraining und des KEML-Prinzips. Sie ist IHK- und behördlich-zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensgutachterin für gefährliche Hunde des Landes Berlin. In ihrem Daily Business arbeitet sie eng mit Veterinären, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten zum Thema Hund zusammen. Mit Ihrem Wissen und Können konnte sie sich in der Sat.1-Sendung „Der Hundetrainer-Champion“ den Titel der Hundetrainerin des Jahres 2023 sichern.

Quellen

  1. Davis G, Labadie JD, Swafford BM, Bain M. Association Between Protein Content in Dry Dog Food and Aggression in Golden Retriever Dogs. J Am Anim Hosp Assoc. 2025 Jul 1;61(4):90-95. doi: 10.5326/JAAHA-MS-7477. PMID: 40531088. ↩︎
  2. Dodman NH, Reisner I, Shuster L, Rand W, Luescher UA, Robinson I, Houpt KA. Effect of dietary protein content on behavior in dogs. J Am Vet Med Assoc. 1996 Feb 1;208(3):376-9. PMID: 8575968. ↩︎
  3. Houpt KA, Zicker S. Dietary effects on canine and feline behavior. Vet Clin North Am Small Anim Pract. 2003 Mar;33(2):405-16, vii-viii. doi: 10.1016/s0195-5616(02)00115-8. PMID: 12701518. ↩︎
  4. DeNapoli JS, Dodman NH, Shuster L, Rand WM, Gross KL. Effect of dietary protein content and tryptophan supplementation on dominance aggression, territorial aggression, and hyperactivity in dogs. J Am Vet Med Assoc. 2000 Aug 15;217(4):504-8. doi: 10.2460/javma.2000.217.504. Erratum in: J Am Vet Med Assoc 2000 Oct 1;217(7):1012. PMID: 10953712. ↩︎
  5. Boonhoh W, Wongtawan T, Sriphavatsarakom P, Waran N, Boonkaewwan C. Factors associated with pet dog behavior in Thailand. Vet World. 2023 May;16(5):957-964. doi: 10.14202/vetworld.2023.957-964. Epub 2023 May 9. PMID: 37576765; PMCID: PMC10420710. ↩︎

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