28. Januar 2026, 11:07 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Erbrechen, Blähungen oder ständiger Durchfall – Magen-Darm-Beschwerden gehören zu den häufigsten Gründen, warum Hunde in der Tierarztpraxis vorgestellt werden. Ernährungstierärztin Dr. Rebecca Huhmann erklärt im Interview mit PETBOOK, wann ein Futter Hunde krank machen kann und wie sich das herausfinden lässt.
Verdauungsprobleme allein sind noch kein Hinweis
PETBOOK: Mein Hund hat wiederkehrende Magenprobleme. Muss ich sofort das Futter wechseln, weil es meinen Hund krank macht?
Dr. Rebecca Huhmann: „Nein. Wenn der Hund Verdauungsprobleme hat, können diese leider neben einer Futtermittelunverträglichkeit eine Liste von ganz unterschiedlichen Ursachen haben, wie etwa Parasiten, Virusinfekte, unterschiedliche organische Erkrankungen und vieles mehr. Hier sollte der Weg zunächst zum Tierarzt führen, um nach Krankheitsursachen zu schauen. Im Anschluss kann es sehr hilfreich sein, sich Beratung beim Futterwechsel zu suchen.“
Warum ist eine Beratung beim Futterwechsel sinnvoll?
„Bei Magen-Darm-Problemen muss man strukturiert arbeiten, um die Ursache zu finden. Man muss schauen, welche Faktoren im Einzelfall eine Rolle spielen, das Futter gezielt umstellen und die Symptome beobachten.
Am besten führt man dabei ein Tagebuch. Eine Ausschlussdiät (ein Verfahren, bei dem über Wochen nur eine Protein- und Kohlenhydratquelle gefüttert wird, die der Hund noch nie hatte) zur Abklärung einer Futtermittelallergie kann Teil dieser ‚Fütterungsdiagnostik‘ sein.
Die „Mahlzeit-plus-Eins“-Regel
Das Futter kann also eine Ursache für Magen-Darm-Probleme sein?
„Ja.“
Woran erkenne ich, ob das Futter meinen Hund krank macht?
„Erbrechen, Blähungen oder Durchfall sind ein Hinweis darauf. Aber auch der Kotabsatz: Wird der Hund dreimal gefüttert und setzt fünfmal am Tag Kot ab, ist das schon viel und spricht dafür, dass das Futter nicht so gut vertragen wird.“
Wie viel Kotabsatz ist normal, gibt es dafür eine Faustregel?
„Die grobe Faustregel ist: Die Anzahl der Mahlzeiten plus ein Kotabsatz sind in Ordnung. Der Kot sollte außerdem einsammelbar geformt und frei von Schleimauflagerungen sein. In den meisten Fällen ist es auffällig, wenn ein erwachsener Hund mehr als viermal täglich Kot absetzt.“
Wie lange dauert eine Futterumstellung?
„Man sollte das Futter definitiv nicht sofort wieder ändern, wenn es in den ersten zwei Tagen nicht gut vertragen wird. Das wäre voreilig. In der Regel gibt man dem Magen-Darm-Trakt ungefähr zwei Wochen Zeit, damit sich der Körper an das neue Futter gewöhnen kann. Es kann auch mal drei Wochen dauern. Bei Juckreiz im Zusammenhang mit Futtermittelallergien kann es sogar bis zu acht Wochen dauern, bis dieser sich bessert. Das ist sehr individuell.“
Versteckte Gefahr: Fehlversorgung mit Nährstoffen
Aus welchen Gründen können Hunde von Futter sonst noch krank werden?
„Nur, wenn es zu einer deutlichen Fehlversorgung durch die Nährstoffe im Futter kommt.“
Was bedeutet das konkret?
„Eine massive Nährstofffehlversorgung führt dazu, dass der Hund krank wird. Das passiert, wenn zum Beispiel zu viel oder zu wenig Jod im Futter ist oder die Calcium- und Vitamin-D-Versorgung im Wachstum zu gering ist.“
Warum ist Jod so häufig ein Problem?
„Jod kommt nur in ausreichender Menge vor, wenn Seealgen zugesetzt werden, es als ernährungsphysiologischer Zusatzstoff (Vitamine und Mineralien, die für die Körperfunktionen lebensnotwendig sind) ergänzt wird oder jodhaltiger Seefisch einen Teil des Futters ausmacht. Andererseits kann es auch schnell überdosiert werden. Sowohl Über- als auch Unterversorgungen sind für die Schilddrüse des Hundes problematisch.“
Warum ein Blutbild oft nicht ausreicht
Wie kann ich feststellen, ob mein Hund unter einer Fehlversorgung leidet?
Leider sind Fehlversorgungen nach außen oft schwer oder erst nach Monaten oder Jahren zu erkennen. Bei einem Fettsäuremangel kann es zum Beispiel zu schuppiger Haut kommen. Wenn Vitamin D fehldosiert wird, kann es zu Problemen des Knochenstoffwechsels kommen – besonders gravierend ist das bei Welpen. Eine Schilddrüsenproblematik fällt oft erst auf, wenn klinische Symptome einer Unterfunktion auftreten.
Ist es sinnvoll, dafür beim Tierarzt ein Blutbild machen zu lassen?
„Ein Blutbild zur Überprüfung der Nährstoffversorgung ist oft nicht geeignet. Das liegt daran, dass die Blutspiegel von Calcium und Phosphor vom Körper streng über Hormone reguliert werden. Wenn im Blut ein Mangel sichtbar wird, ist der Speicher im Körper (z. B. in den Knochen) oft schon völlig leer. Andere Nährstoffe wie Kupfer werden in der Leber gespeichert. Der Blutwert gibt nur an, was gerade zirkuliert, nicht wie viel tatsächlich im Körper vorhanden ist.“
Wie finde ich stattdessen heraus, ob mein Hund versorgt ist?
„Die Versorgung wird anhand einer sogenannten Rationsberechnung kontrolliert. Dabei berechnet ein Experte mathematisch, welche Nährstoffe der Hund individuell benötigt und ob das gewählte Futter diese Mengen deckt.“
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Augen auf beim Futterkauf: Woran erkennt man Qualität?
Woran erkenne ich „unseriöse“ Hersteller?
Wenn auf der Verpackung steht ‚Frei von künstlichen Vitaminen‘, sollte man vorsichtig sein. Vitamine und Spurenelemente müssen dem Trockenfutter meist zugesetzt werden, da sie beim Herstellungsprozess (Erhitzung) teilweise verloren gehen. Ohne diese Zusätze kann ein Trockenfutter oft keine Bedarfsdeckung garantieren.
Wie kann es sein, dass ungeeignetes Futter überhaupt verkauft werden darf?
Theoretisch darf jeder zum Futterhersteller werden, der sich beim Veterinäramt registriert. Es gibt etwa Metzger, die Nassfutter im Nebenerwerb herstellen, ohne fundierte Kenntnisse über die spezifische Nährstoffzusammensetzung für Hunde zu haben. Es gibt in der EU zwar strenge Regeln für Hygiene und Schadstoffe, aber kaum Kontrollen, ob ein ‚Alleinfuttermittel‘ – also ein Futter, das alles enthält, was der Hund täglich braucht – auch wirklich alle Nährstoffe in der korrekten Menge enthält.“
Sollte man dann überhaupt Fertigfutter kaufen?
„Ein Trockenfutter, das in der EU produziert wurde (hier sind die Sicherheitsstandards höher als in Nordamerika) und idealerweise rechnerisch auf Bedarfsdeckung überprüft wurde, ist eine valide Option. Wer zu 100 Prozent sicher sein will, muss selbst kochen – aber bitte nur nach einem fachlich berechneten Plan, um Fehlversorgungen zu vermeiden.“
Wie sieht ein gesundes, selbst gekochtes Gericht aus?
„Ganz pragmatisch: Eine Mischung aus Muskelfleisch, Kohlenhydraten (z. B. Kartoffeln), Gemüse, einer Öl-Kombination (z. B. Hanf- und Fischöl) und einem passenden Vitamin-Mineralfuttermittel als ‚All-in-one‘-Ergänzung.“
Macht das Futter meinen Hund krank? Checkliste für Hundebesitzer
- Kot-Check: Normal ist die Anzahl der Mahlzeiten plus eins. Mehr als 4 Mal täglich deutet auf schlechte Verwertung hin.
- Geduld: Eine Futterumstellung dauert ca. 2 Wochen, bei Allergien bis zu 8 Wochen.
- Vorsicht bei Slogans: „Ohne künstliche Vitamine“ ist bei Trockenfutter oft ein Warnsignal für Nährstoffmangel.
- Blutbild: Taugt nur bedingt zur Überprüfung der Ernährung; eine Rationsberechnung durch Experten ist sicherer.
- Herkunft: Achten Sie auf Produkte, die in der EU hergestellt wurden (höhere Sicherheitsstandards).