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Trainerin warnt

Dieser Social-Media-Trend setzt Hunde unnötig unter Stress

Videos, die auf Ragebaiting setzen, sorgen für Millionen Klicks. Hundetrainerin Katharina Marioth erklärt, warum das bewusste Provozieren und Verwirren von Hunden problematisch sein kann
Videos, die auf Ragebaiting setzen, sorgen für Millionen Klicks. Hundetrainerin Katharina Marioth erklärt, warum das bewusste Provozieren und Verwirren von Hunden problematisch sein kann Foto: Getty Images/PJPhoto69
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Porträt Emily Reimann
PETBOOK-Redaktion

29. Juni 2026, 14:07 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Dem Hund ins Gesicht pusten, eine Streicheleinheit nur antäuschen oder ihn bewusst ärgern: Solche Videos gehören zum sogenannten Ragebaiting und erzielen auf TikTok und Instagram derzeit millionenfach Aufrufe. Doch was viele Nutzer lustig finden, kann für die Tiere erheblichen Stress bedeuten. Hundetrainerin Katharina Marioth erklärt im Gespräch mit PETBOOK, warum sie den Trend kritisch sieht.

Was steckt hinter dem Begriff Ragebaiting?

Immer häufiger gehen in sozialen Netzwerken Videos viral, in denen Hunde bewusst provoziert werden – etwa indem eine Streicheleinheit nur angetäuscht oder dem Tier ins Gesicht gepustet wird.

Hinter dem Trend steckt sogenanntes Ragebaiting. Der Begriff setzt sich aus den englischen Wörtern rage (Wut) und bait (Köder) zusammen und beschreibt Inhalte, die gezielt starke Emotionen hervorrufen sollen. Je mehr Nutzer darauf reagieren, desto größer ist häufig die Reichweite der Videos.

„Eine Trainingseinheit fürs Gegenteil von Vertrauen“

Hundetrainerin Katharina Marioth sieht diesen Trend mit großer Sorge. „Ehrlich gesagt: Das macht mich wütend – und zwar nicht im Sinne des Trends, sondern im echten Sinne“, sagt die Hundetrainerin.

Aus ihrer Sicht wird dabei etwas als harmloser Spaß verkauft, das für den Hund weitreichende Folgen haben kann. Hunde lernten über Wiederholung. Wer seinen Hund immer wieder umstoße, anpuste oder seine Grenzen ignoriere, bringe ihm bei, „dass seine Signale nichts wert sind“. Marioth spricht deshalb von einer „Trainingseinheit fürs Gegenteil von Vertrauen“. Das untergrabe die Bindung zwischen Mensch und Hund – „nur für Klickzahlen“.

Besonders problematisch sei außerdem, dass Hunde keine Möglichkeit hätten, sich einer solchen Situation bewusst zu entziehen. „Die einzige Sprache, die ihnen bleibt, ist Körpersprache – und genau die wird hier bewusst ignoriert, weil die Reaktion ja der ‚Witz‘ ist“, erklärt die Expertin. Für sie sei das keine Frage des Humors, sondern ein ernst zu nehmendes Tierschutzthema.

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Warum Hunde nicht ins Gesicht gepustet werden sollten

Vor allem das Anpusten ins Gesicht hält Marioth für problematisch. Ein Atemstoß in Richtung von Augen, Nase und Maul sei für Hunde kein harmloser Spaß, sondern ein Eingriff in den empfindlichsten Bereich ihres Körpers. Viele Tiere empfänden das als unangenehm oder sogar bedrohlich.

Auch interessant: Viele virale Trends auf Social Media schaden Hunden

Hinzu komme, dass ein so nahes Anpusten aus Hundesicht gegen die üblichen Distanz- und Höflichkeitsregeln verstoße. „Wenn wir das tun, verhalten wir uns aus Hundesicht unhöflich bis bedrohlich – nur eben verpackt als Mensch-Spaß.“

Wann aus Frust Schnappen oder Beißen werden kann

Nach Einschätzung der Hundetrainerin beginnt die eigentliche Gefahr dann, wenn ein Hund mehrfach signalisiert, dass ihm eine Situation unangenehm ist, und der Mensch dennoch weitermacht.

Sie erklärt, dass Hunde in der Regel zunächst mit feinen Körpersignalen kommunizieren. Werden diese Warnungen jedoch immer wieder ignoriert, könne der Hund lernen, dass sie wirkungslos sind. Dann überspringe er möglicherweise die frühen Warnstufen und reagiere beim nächsten Mal direkt mit Schnappen oder sogar Beißen. Der Hund sei dann nicht aggressiv, sondern habe gelernt, „dass ihm nichts anderes übrigbleibt“.

Besonders bei Kindern sieht Marioth ein erhöhtes Risiko. Zum einen würden sie solche Trends häufig nachahmen, weil sie sie in sozialen Medien sehen und als harmlos wahrnehmen. Zum anderen seien viele Hunde Kindern gegenüber ohnehin nervöser, weil diese sich oft unvorhersehbar bewegten. Komme dann noch ein durch wiederholtes Ragebaiting aufgebautes Frustrationsmuster hinzu, könne das die Wahrscheinlichkeit einer Beißreaktion erhöhen.

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Diese Stresssignale werden häufig übersehen

Nach Beobachtung der Expertin werden vor allem die frühen Warnsignale eines Hundes häufig übersehen oder falsch interpretiert. Dazu gehören:

  • Der Hund dreht den Kopf weg oder vermeidet Blickkontakt.
  • Er leckt sich über Nase oder Maul, obwohl kein Futter im Spiel ist.
  • Die Ohren werden nach hinten oder zur Seite angelegt.
  • Der Hund erstarrt plötzlich und bewegt sich kaum noch.
  • Er hechelt, obwohl es weder heiß ist noch er sich angestrengt hat.
  • Er wendet sich ab oder duckt sich.
  • Die Rute wird tief getragen oder eingeklemmt.

Vor allem das Erstarren werde häufig missverstanden. Viele Menschen hielten es für Gelassenheit oder Ruhe, tatsächlich könne es aber ein Zeichen für „maximalen Stress“ sein.

Warum der Trend problematisch ist

Aus Sicht von Marioth liegt das eigentliche Problem darin, dass Ragebaiting das Übersehen genau dieser Warnsignale normalisiere. Die Körpersprache des Hundes werde zur Pointe gemacht, anstatt ernst genommen zu werden.

Wer lerne, die Signale seines Hundes richtig zu lesen, sehe in vielen dieser Videos deshalb keinen lustigen Moment. Stattdessen erkenne man, so die Hundetrainerin, „einen Hund, der unter Stress steht und nicht gehört wird“.

Zur Expertin

Katharina Marioth ist Gründerin der Marke Stadthundetraining und des KEML-Prinzips. Sie ist IHK- und behördlich-zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensgutachterin für gefährliche Hunde des Landes Berlin. In ihrem Daily Business arbeitet sie eng mit Veterinären, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten zum Thema Hund zusammen. Mit ihrem Wissen und Können konnte sie sich in der Sat.1-Sendung „Der Hundetrainer-Champion“ den Titel der Hundetrainerin des Jahres 2023 sichern.

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