26. September 2025, 17:55 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Können Hunde Worte nicht nur lernen, sondern auch sinnvoll auf neue Dinge anwenden? Eine aktuelle Studie zeigt Erstaunliches: Manche Hunde sind in der Lage, neue Gegenstände nach ihrer Funktion zu kategorisieren – allein basierend auf zuvor gehörten Wortsignalen für Lieblingsspielzeuge. Das bedeutet: Ohne dass sich die Objekte äußerlich ähneln, ordnen Hunde ihnen das passende Wort zu –bloß, weil sie gelernt haben, wie man mit ihnen spielt. Ein faszinierender Blick auf die kognitiven Fähigkeiten unserer Vierbeiner.
Hunde können Eigenschaften ihrer Lieblingsspielzeuge übertragen
Ein Forscherteam um Claudia Fugazza von der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest hat untersucht, ob sogenannte „Gifted Word Learner“-Hunde (GWL-Hunde) Worte nicht nur verstehen, sondern auch auf funktional ähnliche Objekte übertragen können. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „Current Biology“ veröffentlicht. Im Mittelpunkt standen Hunde, die in der Lage sind, spontan und ohne formale Schulung zahlreiche Spielzeugnamen zu lernen. Ziel der Studie war es, herauszufinden, ob diese Hunde verbal gelernte Objektkategorien auch auf neue, funktional ähnliche – aber optisch völlig unterschiedliche – potenzielle Lieblingsspielzeuge anwenden können. Dabei wurden ausschließlich natürliche, spielerische Interaktionen mit den Haltern genutzt.
Hunde können Objekte nach Eigenschaften unterscheiden
Elf GWL-Hunde (darunter Border Collies, ein Labrador, ein Blue Heeler und ein Corgi) nahmen teil; sieben absolvierten alle Phasen. Zunächst lernten die Hunde während vier Wochen, acht Spielzeuge in zwei Gruppen zu unterscheiden – eine zum Ziehen („pull“), eine zum Werfen („throw“).
Dabei wurden die Spielzeuge ausschließlich auf eine bestimmte Weise genutzt und verbal entsprechend benannt. In einer Testphase mussten die Hunde dann per Zuruf das richtige Spielzeug holen – acht bestanden diesen Test.
Danach spielten die Hunde mit neuen Objekten, die ebenfalls zum Ziehen oder Werfen dienten, aber diesmal ohne Benennung – nur durch Spielverhalten. Schließlich wurden die Hunde aufgefordert, ein „pull“ oder „throw“ zu bringen – nun mussten sie das passende neue Spielzeug allein anhand des bekannten Funktionsbegriffs auswählen.
Hunde verstehen uns noch besser als wir dachten
Die Hunde konnten die gelernten Worte auf neue, funktional ähnliche Spielzeuge übertragen – obwohl sie diese nie zuvor mit einem Wort gehört hatten. Im Klassifikationstest mit 48 Versuchen pro Hund wählten sie im Schnitt in 31 Fällen korrekt das passende neue Objekt (entweder „pull“ oder „throw“).
Besonders bemerkenswert: Die Objekte unterschieden sich stark in Farbe, Form und Material. Die einzige Gemeinsamkeit war die Spielweise – also ihre Funktion. Statistisch gesehen lag die Erfolgsrate der Hunde signifikant über dem Zufallsniveau. Fehler traten vor allem dann auf, wenn ein vertrautes, aber thematisch unpassendes Spielzeug gewählt wurde. Das zeigt: Die Hunde hatten offenbar funktionale Kategorien im Kopf, die sie auf neue Objekte anwenden konnten.
Diese Ergebnisse zeigen, dass Hunde – zumindest GWL-Hunde – in der Lage sind, Worte nicht nur als Namen für konkrete Gegenstände zu verstehen, sondern sie auch als Kategorien zu begreifen, die sich auf neue Objekte anwenden lassen. Damit weisen sie eine kognitive Fähigkeit auf, die bisher fast ausschließlich dem Menschen zugeschrieben wurde: funktionale Kategorisierung auf Basis sprachlicher Signale. Bemerkenswert ist auch der natürliche Lernkontext – kein formales Training, sondern alltägliches Spiel. Das macht diese Hunde zu einem einzigartigen Modell für die Untersuchung früher sprachähnlicher Fähigkeiten in nicht-menschlichen Arten und liefert neue Impulse für die Forschung zur Sprachentwicklung.
Wie Kleinkinder! Hunde lernen Wörter, nur indem sie uns belauschen
Hunde können sich Namen von Spielzeugen bis zu zwei Jahre lang merken
Können alle Hunde Lieblingsspielzeuge identifizieren?
Seit Langem wird diskutiert, wie Sprache und Denken zusammenhängen. Bei Kindern zeigt sich, dass sie mit der Zeit lernen, Objekte nicht nur nach dem Aussehen, sondern auch nach ihrer Funktion zu kategorisieren. Ob Tiere dazu ebenfalls in der Lage sind, war bisher unklar. Die nun untersuchten GWL-Hunde unterscheiden sich wesentlich. Sie lernen Wörter im Alltag, ganz ohne gezielte Schulung, und erinnern sich an Dutzende bis Hunderte Namen für ihre Lieblingsspielzeuge.
Die Studie ist ein bedeutender Schritt in der vergleichenden Kognitionsforschung. Ihr großer Vorteil liegt in der ökologischen Validität – die Hunde lernten unter natürlichen Bedingungen, im Alltag mit ihren Besitzern. Anders als frühere Studien mit extrem trainierten Tieren (z. B. Papageien oder Schimpansen) nutzten die Forscher hier spontane Lernprozesse.
Einschränkungen bestehen dennoch: Nur sieben Hunde wurden in allen Phasen getestet, und es handelte sich um besonders begabte Tiere. Ob auch „normale“ Hunde zu solcher funktionalen Kategorisierung fähig sind, bleibt offen. Zudem könnte das Verhalten durch frühere Spielgewohnheiten mit bestimmten Objekten beeinflusst worden sein. Eine Übertragung der Ergebnisse auf die breite Hundepopulation ist daher nicht möglich. Weitere Studien mit anderen Hunden sind notwendig.
Fazit
Die Studie liefert erstmals belastbare Hinweise darauf, dass manche Hunde Worte funktional verallgemeinern können. Also nicht nur optisch ähnliche, sondern funktional gleich genutzte Gegenstände korrekt zuordnen. Die Ergebnisse unterstreichen, wie hochentwickelt die kognitiven Fähigkeiten von Hunden sein können – zumindest bei jenen mit ausgeprägter Wortlernfähigkeit. Für die Wissenschaft ist das ein wichtiger Schritt, um die Grundlagen von Sprache und Denken besser zu verstehen. Für Hundehalter ist es ein faszinierender Beleg dafür, wie aufmerksam unsere Vierbeiner uns beobachten – und wie viel sie dabei tatsächlich lernen. 1