29. Oktober 2025, 16:06 Uhr | Lesezeit: 3 Minuten
Viele Halter ekeln sich, wenn ihr Hund beim Spaziergang am Urin von Artgenossen leckt. Doch was für uns unappetitlich wirkt, ist für Hunde eine ganz natürliche Art der Kommunikation. Hundetrainerin Katharina Marioth erklärt, was dahintersteckt, warum das Verhalten harmlos ist und wie man als Halter richtig reagiert.
Urin als Informationsquelle
Für Hunde ist Urin weit mehr als nur ein Abfallprodukt. „Über Urin, Kot und auch über den Geruch im Anogenitalbereich holen sich Hunde Informationen über ihre Artgenossen“, erklärt Hundetrainerin Katharina Marioth. Dazu gehören Angaben über Geschlecht, Hormonstatus, Gesundheitszustand oder – bei Hündinnen – der Stand der Läufigkeit. „Der Urin ist sozusagen ein soziales Netzwerk der Hunde“, sagt sie. Er liefert ihnen eine Vielzahl an Daten, die im Zusammenleben und bei der Orientierung im Revier wichtig sind.
Warum Hunde nicht nur schnüffeln, sondern auch lecken
Doch warum bleibt es bei manchen Vierbeinern nicht beim bloßen Riechen? Marioth erklärt: „Das Lecken an Urin ist eine vertiefte Form des Riechens.“ Durch das Auflecken und Schmatzen gelange der Duft zusätzlich über den Rachenraum an das sogenannte Jacobson-Organ, das auf chemische Reize spezialisiert ist.
Das Ergebnis: Der Hund nimmt Gerüche noch intensiver und differenzierter wahr.
Marioth vergleicht das mit menschlichem Verhalten: „Wie beim Weintrinken – wenn wir schmatzen, nehmen wir mehr Aromen wahr.“ Bei sexuell besonders aktiven Rüden kann diese Reizaufnahme sogar so stark sein, dass sie anfangen, mit den Zähnen zu klappern – ein Zeichen, dass der Geruch äußerst stimulierend wirkt.
Ist es gefährlich, wenn der Hund an Urin leckt?
So unangenehm der Anblick für uns Menschen auch sein mag – gesundheitlich besteht meist kein Risiko. „Urin ist bei gesunden Tieren eine sehr sterile Flüssigkeit“, erklärt Marioth. Es sei daher „nicht appetitlich, aber harmlos“.
Vorsicht sei eher beim Fressen von Kot geboten, denn dort lauern deutlich mehr Keime und Krankheitserreger. Ein generelles Verbot des Leckens hält Marioth deshalb für übertrieben. Vielmehr komme es darauf an, die Situation richtig einzuschätzen und den Hund dabei zu beobachten.
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Wann man eingreifen sollte
Trotzdem gibt es Grenzen. „Wenn läufige Hündinnen in der Nähe sind, kann die Erregung bei Rüden stark steigen“, so Marioth. In solchen Fällen sollte man den Hund frühzeitig abrufen, bevor er zu sehr in Aufregung gerät. Hilfreich sei, dem Hund beizubringen, wo und wann er schnüffeln oder markieren darf. „Das sorgt für Struktur im Alltag und macht den Hund ansprechbarer“, betont die Trainerin.
Nicht nur ein Rüdenproblem
Das Verhalten ist keineswegs auf Rüden beschränkt. Auch Hündinnen zeigen Markierverhalten und nehmen über den Urin von Artgenossen Informationen auf. Sie erkennen, ob ein Tier krank ist oder ob ein besonders dominanter Artgenosse in der Nähe war. „Hunde lesen sozusagen die Nachrichten ihrer Artgenossen – wer hier war, in welchem Zustand und mit welcher Absicht“, fasst Marioth zusammen.
So gesehen ist das Lecken am Urin kein ekliges oder „komisches“ Verhalten, sondern Ausdruck eines hochentwickelten Kommunikationssystems – eines, das für Hunde so selbstverständlich ist, wie für uns das Scrollen durch soziale Medien.
Das gesamte Interview mit Hundetrainerin Katharina Marioth sehen Sie im Video.
Zur Expertin
Katharina Marioth ist Gründerin der Marke Stadthundetraining und des KEML-Prinzips. Sie ist IHK- und behördlich-zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensgutachterin für gefährliche Hunde des Landes Berlin. In ihrem Daily Business arbeitet sie eng mit Veterinären, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten zum Thema Hund zusammen. Mit Ihrem Wissen und Können konnte sie sich in der Sat.1-Sendung „Der Hundetrainer-Champion“ den Titel der Hundetrainerin des Jahres 2023 sichern.