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Studie zeigt

Waschbären lösen gern Rätsel – auch ohne Belohnung

Waschbär greift nach einer Blume
Ob Blume oder Mülltonne – Waschbären prüfen neue Objekte aufmerksam und lernen schnell dazu. Foto: Getty Images
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Porträt Saskia Schneider auf dem PETBOOK Relaunch
Redaktionsleiterin

11. März 2026, 13:37 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Der Mensch hat sich vieles ausgedacht, um Waschbären fernzuhalten: Mülltonnen mit Spannseilen, fest verschlossene Futterboxen oder trickreiche Tierabwehrsysteme. Für uns wirkt dies wie effiziente Tricks, für Waschbären werden die Herausforderungen zur spannenden Denkaufgabe. Doch wann lohnt es sich für sie, weiterzutüfteln, und wann setzen sie lieber auf Bewährtes? Eine Studie zeigt, dass Waschbären erstaunlich genau zwischen Neugier und Effizienz abwägen. Dabei folgen sie einem Prinzip, das eigentlich aus der klassischen Nahrungssuche bekannt ist.

Warum die cleveren Stadtbewohner aus Neugier lernen

Wer in deutschen Städten unterwegs ist, kennt das Bild: eine umgekippte Mülltonne, verstreuter Abfall – und irgendwo in der Nähe vermutlich ein Waschbär. Die Tiere gelten als neugierig, geschickt und erstaunlich anpassungsfähig. Doch wie klug sie tatsächlich zwischen „Neues ausprobieren“ und „Bewährtes nutzen“ abwägen, zeigt nun eine Studie eindrucksvoll.

Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Animal Behaviour“ veröffentlicht. Die überraschende Erkenntnis aus der Arbeit: Waschbären lösen sogar dann weiter „Rätsel“, wenn es dafür gar kein zusätzliches Futter mehr gibt – offenbar, um Informationen für die Zukunft zu sammeln.1

Warum gerade in Städten kluges Abwägen überlebenswichtig ist

In der Theorie der „optimalen Nahrungssuche“ geht man davon aus, dass Tiere versuchen, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Energie zu gewinnen. Doch dafür braucht es nicht nur Hunger – sondern auch Köpfchen.

Gerade in Städten ist das für Waschbären entscheidend. Die Allesfresser sind vor allem an „leichter Beute“ interessiert. Und Mülltonnen stellen hier eine ideale Versorgung dar. Sie sind sozusagen der Fast-Food-Laden für die Tiere. Doch Mülltonnen haben unterschiedliche Verschlüsse und ihre Inhalte wechseln. Zudem verändern Menschen ständig die Umgebung. Wer hier erfolgreich sein will, muss sich entscheiden:

  • Lohnt es sich, eine neue, komplizierte Tonne auszuprobieren?
  • Greife ich lieber auf die bekannte, sichere Quelle zurück?

Waschbären gelten schon lange als besonders anpassungsfähig. Ihr Gehirn besitzt eine hohe Nervenzelldichte, sie sind flexibel in ihrem Sozialverhalten und entwickeln immer wieder neue Problemlösungen. Unklar war bislang jedoch: Tüfteln sie auch dann weiter, wenn sie gar nicht dazu gezwungen – oder schon satt – sind?

Neugier oder Effizienz – was lohnt sich mehr?

Beteiligt an der Untersuchung waren Forscher der University of Wyoming sowie des USDA National Wildlife Research Center. Im Zentrum stand eine spannende Frage: Folgen Waschbären einem sogenannten „Exploration–Exploitation-Kompromiss“?

Das bedeutet:

  • Exploration = Neues ausprobieren, Informationen sammeln
  • Exploitation = Bewährte Strategien nutzen, effizient bleiben

Oder anders gesagt: Sind Waschbären neugierige Draufgänger – oder kalkulierende Strategen?

Das Experiment: Eine Puzzle-Box mit neun „Tricks“

Untersucht wurden 16 erwachsene Waschbären (14 durchliefen alle Tests). Die Tiere lebten in großzügigen Außengehegen in Colorado. Herzstück der Studie war eine sogenannte Multi-Access-Puzzle-Box – eine Box mit neun verschiedenen Öffnungsmechanismen, eingeteilt in:

  • leicht
  • mittel
  • schwer

Pro Versuch befand sich nur eine Futterbelohnung in der Box. Jeder Waschbär absolvierte bis zu 50 Durchgänge.

Der Clou: Anders als in früheren Studien blieben bereits gelöste Mechanismen weiter nutzbar. Die Tiere konnten also auch nach Erhalt des Futters weiter an der Box „arbeiten“ – freiwillig und ohne zusätzliche Belohnung.

Figure 1. Multiaccess puzzle box with Easy, Medium and Hard solutions. (a) Easy solutions: (1) door; (2) slide latch; (3) pull-down window. (b) Medium solutions: (1) hook-and-eye; (2) hasp; (3) push-up window. (c) Hard solutions: (1) turn knob; (2) unlocked lock in hasp; (3) draw-catch latch.
Herzstück der Studie war eine sogenannte Multi-Access-Puzzle-Box – eine Box mit neun verschiedenen Öffnungsmechanismen (leicht, mittel, schwer). Foto: Hannah J. Griebling; Griebling et al (2026) „Raccoons optimally forage for information: exploration–exploitation trade-offs in innovation“, Raccoons optimally forage for information: exploration–exploitation trade-offs in innovation, Animal Behaviour; https://doi.org/10.1016/j.anbehav.2026.123491

Mehr als nur Futter: Waschbären sammeln Wissen

Die Ergebnisse zeigen klar: Waschbären passen ihr Verhalten dem Schwierigkeitsgrad des Puzzles an. So waren sie bei leichten Aufgaben auch experimentierfreudiger. Auch die Reihenfolge der ausprobierten Lösungen war bei leichten Aufgaben deutlich komplexer – die Tiere wechselten häufiger zwischen verschiedenen Mechanismen.

Je mehr Zeit die Waschbären mit der Box verbrachten, ohne sofort erfolgreich zu sein, desto mehr unterschiedliche Lösungen fanden sie insgesamt. Allerdings bedeutete mehr Exploration auch, dass sie länger bis zur ersten erfolgreichen Öffnung brauchten.

Waschbären sind neugierig – aber nicht leichtsinnig

Wurde es kompliziert, wechselten die Tiere schneller zu einer festen Strategie. Sie blieben häufiger bei der ersten erfolgreichen Lösung und probierten weniger Alternativen aus. Mit anderen Worten: Je schwieriger die Aufgabe, desto sparsamer gingen sie mit ihrer Neugier um. Besonders bemerkenswert war, dass die Waschbären in der Studie auch dann neue Mechanismen ausprobierten, wenn sie bereits das einzige Futterstück erhalten hatten.

„Wir hatten nicht erwartet, dass sie alle drei Lösungen in einem einzigen Versuch öffnen“, zitiert das Wissenschaftsmagazin „Phys.org“ Hauptautorin der Studie Hannah J. Griebling. „Sie lösten weiterhin Probleme, selbst wenn am Ende kein Marshmallow mehr da war.“ Dieses Verhalten interpretieren Griebling und ihre Kollegen als aktive Informationssuche. Die Tiere investieren also Zeit und Energie, um für zukünftige Situationen vorbereitet zu sein.

Gleichzeitig ist ihre Neugier kein Selbstzweck. Sie reduzieren das Ausprobieren, wenn die Kosten – etwa durch hohen Aufwand – steigen. Das entspricht exakt den Vorhersagen eines optimalen Exploration–Exploitation-Kompromisses.

Was bedeutet das für unsere Städte?

In urbanen Lebensräumen ändern sich Bedingungen ständig. Wer flexibel zwischen Neugier und Effizienz wechseln kann, hat einen klaren Vorteil. Für Waschbären könnte genau diese Fähigkeit ein Schlüssel ihres Erfolgs sein – auch hier in Deutschland, wo sie sich seit Jahrzehnten ausbreiten.

Das erklärt vielleicht, warum manche Tiere scheinbar „unermüdlich“ neue Mülltonnen testen, während andere bei bewährten Nahrungsquellen bleiben. „Das ist ein Muster, das jedem vertraut ist, der in einem Restaurant bestellt“, sagte Griebling. „Bestellt man sein Lieblingsgericht oder probiert etwas Neues? Wenn das Risiko hoch ist – eine teure Mahlzeit, die Ihnen vielleicht nicht gefällt –, wählen Sie die sichere Option. Waschbären erkunden, wenn die Kosten niedrig sind, und entscheiden sich schnell, auf Nummer sicher zu gehen, wenn der Einsatz höher ist.“

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Grenzen der Studie

Auch wenn die Ergebnisse recht aussagekräftig scheinen, muss man bedenken, dass die Waschbären in Gefangenschaft getestet wurden. Umweltfaktoren wie Konkurrenz oder Gefahren durch Verkehr und Menschen könnten das Verhalten freilebender Tiere beeinflussen und somit auch die Zeit, die sie haben, um sich mit Rätseln auseinanderzusetzen.

Zudem durchliefen alle Waschbären die Schwierigkeitsstufen in derselben Reihenfolge (von leicht über mittel zu schwer). Lerneffekte lassen sich daher nicht vollständig ausschließen – auch wenn die Daten nicht für eine reine Gewöhnung sprechen. Mit 14 vollständig getesteten Tieren ist die Stichprobe für kognitionsbiologische Studien üblich, individuelle Unterschiede könnten jedoch eine Rolle spielen.

Fazit: Strategen mit Forschergeist

Waschbären sind weit mehr als geschickte „Mülltonnen-Knacker“. Sie sind strategische Entscheider, die abwägen, wann sich Neugier lohnt – und wann Effizienz sinnvoller ist. Dass sie sogar ohne unmittelbare Belohnung weiter tüfteln, zeigt: Diese Tiere lernen nicht nur für den Moment, sondern möglicherweise für die Zukunft. Und genau das macht sie zu so erfolgreichen – und manchmal herausfordernden – Mitbewohnern unserer Städte.

Quellen

  1. Hannah J. Griebling, Shylo R. Johnson, Sarah Benson-Amram (2026) „Raccoons optimally forage for information: exploration–exploitation trade-offs in innovation“, Animal Behaviour, Volume 234,
    123491, ISSN 0003-3472, https://doi.org/10.1016/j.anbehav.2026.123491.
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