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Schlaue Kleinbären

Kann man in Deutschland Waschbären als Haustiere halten?

Ein Waschbär in der Natur
Die dunklen Knopfaugen und der schlaue Gesichtsausdruck haben Waschbären viele Fans eingebracht Foto: Getty Images
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Louisa Stoeffler
Redakteurin

13. März 2026, 16:51 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Mindestens seit dem Disney-Film „Pocahontas“ oder spätestens Rocket Raccoon aus den Marvel-Filmen haben viele auch in Deutschland ein Herz für Waschbären. Diese Mischung aus „frech, schlau, irgendwie menschlich“ funktioniert einfach – und wenn dann noch TikTok-Videos auftauchen, in denen ein Waschbär versucht, seine Zuckerwatte zu waschen, und diese sich zu seiner absoluten Verzweiflung auflöst, ist es um manche geschehen: Wie süß wäre so einer als Haustier? Aber darf man Waschbären hierzulande halten? PETBOOK hat sich die Lage genau angeschaut.

Immer noch wild, auch wenn sie im Wohnzimmer sind

In sozialen Medien wirken Waschbären (Procyon lotor) wie perfekte Haustiere: Sie „waschen“ ihr Futter, tapsen mit ihren geschickten Pfoten durchs Wohnzimmer und schauen mit ihrer schwarzen Gesichtsmaske und einem verschmitzten Grinsen einfach zuckersüß aus. Doch so niedlich die Videos – zumeist aus den USA – sind, rechtlich und tierschutzfachlich sieht die Sache ganz anders aus.

Die Kleinbären wirken verspielt – sind aber Wildtiere mit ordentlich Power im Kopf und in den Pfoten. Sie sind extrem geschickt, neugierig und schnell darin, Regeln zu ignorieren, die wir Menschen für „selbstverständlich“ halten. Und: Viele, die Waschbären privat halten (oder es versuchen), berichten von einem Wendepunkt – spätestens mit der Geschlechtsreife. Dann kann aus dem „anhänglichen Jungtier“ ein Tier werden, das:

  • Grenzen nicht akzeptiert
  • unberechenbar reagiert
  • beißt oder kratzt
  • kaum „erziehbar“ ist

Das Ende vom Lied ist leider oft bitter: Überforderung, Abgabe, Zwinger, Auffangstation – oder im schlimmsten Fall ein illegales Aussetzen oder „Beseitigen“.

Domestizierungs-Syndrom bei Waschbären nachgewiesen

Es gibt sogar Forschung, die auf den ersten Blick genau das zu stützen scheint, was viele beim Schauen dieser Videos denken: Waschbären profitieren doch von uns Menschen und können sich an uns gewöhnen. Eine Studie aus 2025 hat Hinweise gefunden, dass Stadt-Waschbären sich körperlich messbar von ihren ländlichen Artgenossen unterscheiden – konkret: kürzere Schnauzen haben.

Das Team wertete dafür knapp 20.000 Fotos aus (Citizen Science über iNaturalist) und fand im Schnitt eine rund 3,5 Prozent kürzere Schnauze bei Waschbären aus menschennahen, urbanen Umgebungen. Dies gehört zu einem Paket von Merkmalen, das Forscher oft unter dem Begriff „Domestication Syndrome“ zusammenfassen – also typische Veränderungen, die bei domestizierten Tieren häufiger auftreten (neben Schädel- und Pigmentveränderungen, oft auch gekoppelt an Verhaltensverschiebungen wie geringere Scheu).

Die Studie diskutiert deshalb, ob Urbanisierung so etwas wie eine frühe „Selbst-Domestizierung“ bei Waschbären anschieben könnte – nicht durch Zucht, sondern durch natürlichen Selektionsdruck im Menschenraum, zum Beispiel durch Müll und andere Futterquellen, sowie Nähe und weniger Fluchtverhalten). Aber: Das ist kein Freifahrtschein fürs Wohnzimmer. Selbst die Forscher betonen, dass eine kürzere Schnauze allein kein Beweis für eine beginnende Domestizierung ist – dafür bräuchte es weitere Merkmale und langfristige genetische Daten. 1

Darf man Waschbären hierzulande als Haustier halten?

Es gilt also: Selbst wenn Waschbären sich in Städten verändern – sie sind (noch) Wildtiere. Ihr Verhalten, ihre Cleverness, ihre Zerstörungskraft und auch mögliche Aggression verschwinden nicht, nur weil ein paar TikToks niedlich geschnitten sind.

Der Waschbär ist also kein Haustier – und in Deutschland darf man auch keinen (neu) anschaffen. Darüber hinaus gilt er in der EU als invasive gebietsfremde Art von unionsweiter Bedeutung. Und genau deshalb greift EU-Recht – mit ziemlich klaren Konsequenzen: Für solche Arten gelten EU-weit Verbote, darunter Haltungs- und Zuchtverbot sowie Einschränkungen bei Handel und Weitergabe.

Die maßgebliche Grundlage ist die EU-Verordnung (EU) Nr. 1143/2014. Dort steht, dass gelistete invasive Arten nicht vorsätzlich gehalten oder gezüchtet werden dürfen (auch nicht „unter Verschluss“). Genau das ist der Kern, warum die private Neuanschaffung praktisch ausgeschlossen ist.

Gibt es Ausnahmen? Ja – aber nicht im klassischen „Haustier“-Sinn

Die Verordnung sieht Übergangsregelungen für Tiere vor, die bereits vor den Verboten rechtmäßig in privater Haltung waren. Hierbei müssen vor Inkrafttreten der Regelung angeschaffte „Altbestände“ von einer Behörde genehmigt sein, sowie ihre Fortpflanzung und ein Ausbruch verhindert werden. Auch für Forschungsstellen, Auffangstrukturen und Zoos kann es unter klaren Vorgaben Ausnahmen geben.

Auch in Deutschland gibt es strenge Auflagen für die Haltung von Wildtierarten, darunter auch Kleinbären wie Waschbären. Was dabei häufig herangezogen wird: das BMEL-Säugetiergutachten (2014).

Mindestanforderungen für Waschbären sind demnach u. a.:

  • Außengehege (Mindestmaß) für Waschbären/Nasenbären: mind. 30 m² pro Paar (mit Höhenangabe) sowie Anforderungen an Innengehege, sofern nötig.
  • Gehegestruktur & Bedürfnisse: Klettermöglichkeiten/Verstecke; Wasserbecken erforderlich; trockene, zugfreie Schlaf-/Wurfboxen; Anforderungen an Ausbruchssicherheit.
  • Zusätzlich enthält das Gutachten eine Tierschutz-Empfehlung mit größeren Flächen (z. B. 50 m² pro Paar).

Nach § 2 Tierschutzgesetz muss man ein Tier art- und bedürfnisgerecht halten, was die oben genannten Punkte beinhaltet. Zudem braucht man die nötige Sachkunde. Amtstierärzte prüfen so etwas in der Praxis sehr konkret.

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„Ich hab’ ein Jungtier gefunden – darf ich es behalten?“

Auch in diesem Fall gibt es keine wirkliche Ausnahme. Viele „mutterlose“ Jungtiere sind zudem gar keine Waisen. Waschbärmütter lassen ihre Jungen bei der Nahrungssuche teils lange allein – auch über 24 Stunden.

Wenn man also ein verletztes oder verwaistes Tier findet:

  • erst beobachten, nicht sofort einsammeln
  • Wildtierauffangstation oder zuständige Behörde kontaktieren
  • Besonders wichtig: Waschbären dürfen als invasive Art grundsätzlich nicht einfach wieder ausgewildert werden

Und: Je nach Bundesland kann auch Jagdrecht eine Rolle spielen, wenn Waschbären aus der Natur entnommen werden.

Fazit

Auch wenn erste Arbeiten zeigen, dass Stadt-Waschbären sich körperlich leicht verändern, sind sie nicht „halb domestiziert“ – sondern noch immer Wildtiere. Dazu kommt die eindeutige Rechtslage in Deutschland und der EU. Wenn man wirklich helfen will, dann sollte man auch die heimische Tierwelt dabei nicht außer Acht lassen, die teils bereits durch Waschbären bedroht ist.

Quellen

  1. Apostolov, A., Bradley, A., Dreher, S. et al. Tracking domestication signals across populations of North American raccoons (Procyon lotor) via citizen science-driven image repositories. Front Zool 22, 28 (2025). https://doi.org/10.1186/s12983-025-00583-1 ↩︎

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