2. Juni 2026, 13:18 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Gestrandete Wale sorgen immer wieder für Aufsehen. Neben lebenden Tieren werden weltweit auch tote Wale an Strände gespült, insbesondere wenn ihre Kadaver nicht auf den Meeresgrund absinken. Bei warmen Temperaturen können im Inneren der riesigen Körper Zersetzungsprozesse Gase bilden, die den Kadaver stark aufblähen. In manchen Fällen steigt der Druck so stark an, dass er sich explosionsartig entlädt. PETBOOK hat mit Wal-Experten gesprochen und erklärt, wie es zu diesen spektakulären und zugleich gefährlichen Explosionen kommen kann.
Übersicht
Untersuchung gestrandeter Wale ist nicht ungefährlich
Stranden tote Wale, sind sie sowohl für Neugierige als auch Wissenschaftler interessant. Während erstere die großen Meeressäugetiere aus nächster Nähe betrachten möchten, erhoffen sich letztere mittels entnommener Proben mehr Informationen über die Wale, etwa über Todesursache, Anatomie, Ernährung oder sogar Lebensgeschichte.
So beispielsweise im Jahr 2023. Die Irish Whale and Dolphin Group (IWDG) untersuchte einen an der Südwestküste Irlands gestrandeten Finnwal. Nach einer Untersuchung des Tieres ging man davon aus, dass der Wal schon seit mehreren Wochen tot sei. Bei der Probenentnahme bemerkte Stephanie Levesque verdächtige Geräusche, die sie sofort in ihrer Arbeit innehalten ließen. Der irischen Zeitung „Irish Examiner“ erklärte die Strandungsbeauftragte der IWDG: „Ich wollte ein paar Muskeln entnehmen, aber ich hörte Geräusche und dachte: Wenn ich noch tiefer gehe, explodiert mir das Ding ins Gesicht.“
Denn ein explosionsartiges Entweichen blutiger Innereien hat schon einige vor Levesque getroffen – oder nur knapp verfehlt. So etwa im Jahr 2013 auf den Färöer-Inseln. Bjarni Mikkelsen, Meeresbiologe des örtlichen Nationalmuseums, wollte den Kadaver eines gestrandeten Pottwals aufschneiden. Aus weiser Voraussicht trug Mikkelsen Schutzkleidung, für die er im Nachhinein dankbar gewesen sein dürfte. Ihn verfehlten beim Schnitt in den Körper des Wals nur knapp gewaltige Mengen in die Luft geschleuderter Organe und Blut. Der britischen Zeitung „Daily Mail“ sagte der Biologe, er habe bei dem mehrere Tage alten Kadaver mit einem gewissen Druck gerechnet – aber nicht mit dem Ausmaß, dass sich dann tatsächlich ereignete.
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Organe und Blut ergossen sich nach Explosion über belebte Straße
Wie gewaltig die Ausmaße bei Walen, die explodieren, sein können, zeigt ein Ereignis in Taiwan. Im Januar 2004 war ein Pottwal an der Südwestküste des Inselstaats gestrandet und verendet. Der zu Untersuchungszwecken auf einen Lkw verladene Kadaver befand sich auf einer belebten Straße der Stadt Tainan, als sich Blut und innere Organe des Tiers explosionsartig über Fahrzeuge und Läden in der Umgebung ergossen. Der Verkehr musste daraufhin für mehrere Stunden gesperrt werden, berichtete der US-amerikanische Nachrichtensender „NBC News“.
Die bislang wohl berühmt-berüchtigtste Walexplosion – allerdings beabsichtigt – ereignete sich im Jahr 1970 im US-Bundesstaat Oregon. Ein nahe der Stadt Florence gestrandeter Pottwal stellte die zuständigen Behörden vor eine Herausforderung. Um sich die Entsorgung des stark riechenden Kadavers zu erleichtern, entschied man sich für den Einsatz von Dynamit. Mit einer „kontrollierten“ Explosion sollte das acht Tonnen schwere Tier in kleine Stücke zerteilt werden. Die Aufräumarbeiten würden Möwen und Aasfresser erledigen, so der Plan.
Das Spektakel wurde sowohl von einer Schar Schaulustiger beobachtet als auch von lokalen Reportern dokumentiert. Das Ausmaß der Explosion war jedoch gewaltig unterschätzt worden. Eine halbe Tonne Dynamit erzeugte eine 30 Meter hohe Säule aus „Sand und Wal“, berichtet Oregonencyclopedia.org. Teile des Kadavers flogen mehr als 200 Meter weit, Schaulustige liefen schreiend davon. Verletzt wurde glücklicherweise niemand, lediglich ein in der Nähe geparktes Auto wurde von einem großen Stück Blubber, wie die mehrere Zentimeter dicke Fettschicht von Walen bezeichnet wird, beschädigt. Seitdem werden gestrandete Wale in Oregon am Strand vergraben.
Wie kommt es dazu, dass Wale explodieren?
Mehrere virale Videoaufnahmen zeigen, wie Wale an unterschiedlichen Orten weltweit explodieren. Doch was steckt hinter dem Phänomen? Eine Ursache dafür sei die Anatomie der Wale, die an ihren Lebensraum in bis zu mehreren tausend Metern Tiefe angepasst sind, erklärt Veterinär und Wal-Experte Jan Hermann auf Anfrage von PETBOOK.
Pottwale etwa zählen zu den am tiefsten tauchenden Meeressäugern, ihre Hautschichten seien daher besonders fest und widerstandsfähig. „Verendet ein Wal mit intakter Außenhülle, führt das je nach Witterungsbedingungen unterschiedlich schnell zur Zersetzung, mikrobiologischer Aktivität mit Gasproduktion und Druckaufbau“, so der Wal-Experte.
Die mehrere Zentimeter dicke Fettschicht der Wale, die sogenannte Blubberschicht, führe dazu, dass im Inneren der Wale eine hohe Temperatur bestehen bleibe. Dadurch bestünden im Organismus optimale Vermehrungsbedingungen für Bakterien, die Gase produzieren. Eine intakte Außenhülle des Wals sei in der Lage, einem großen inneren Druck standzuhalten, weshalb sich der Kadaver stark aufblähen kann. Doch auch diese Widerstandsfähigkeit hat Grenzen. Wird der Druck im Inneren aufgrund der sich bildenden Gase zu groß, gibt das Gewebe an einer Stelle nach. Hermann erklärt, dass die größte Gefahr bei den „aufgegasten“ Tieren bestehe, wenn sie unsachgemäß angeschnitten werden. „Dann entladen sich die inneren, zersetzten Organe zusammen mit Körperflüssigkeiten mit gewaltiger Kraft.“
Fabian Ritter, Meeresbiologe der Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) erklärt auf Anfrage von PETBOOK, dass verschiedene Faktoren dazu beitragen, ob ein Wal potenziell platzen kann oder nicht. Neben Art und Dauer der Verwesung spiele auch die Außentemperaturen und Sonneneinstrahlung eine Rolle. Auch sei entscheidend, wo es im Wal zur Gasbildung komme. Ritter erklärt: „Über Öffnungen, wie Maul- oder Enddarmbereich, können entstehende Gase sich ihren Weg bahnen und entweichen.“
Zudem sei das langsame Entweichen der Gase über tiefere Verletzungen der Haut und der darunterliegenden Fettschicht möglich. „Der Rumpf der Wale ist dagegen von einer dicken Fettschicht umschlossen, weshalb Gase tief im Inneren des Körpers, etwa im Darmbereich, oft nicht entweichen können.“ Bei fortschreitender Gärung bestehe in diesem Fall die Gefahr einer spontanen Explosion des Wals, indem das Gewebe aufplatzt.
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Explodieren Wale auch an deutschen Stränden?
Auch an deutschen Stränden komme es immer wieder zu Strandungen von Pottwalen, erklärt der WDC-Meeresbiologe Fabian Ritter. Das sei in diesem Jahrhundert bereits zwei Mal vorgekommen. Aufgrund ihres enormen Gewichts – Männchen wiegen bis zu 60 Tonnen – gestalte sich der Transport der toten Wale als logistische Herausforderung. Es sei jedoch ratsam, die Tiere vom Strand zu entfernen. Einerseits, um die Sicherheit von Passanten zu gewährleisten, aber auch, um eine pathologische Untersuchung durchführen zu können, so Ritter.
Ob Gefahr durch eine potenzielle Explosion bestünde, sei laut Jan Hermann abhängig davon, wie lange ein Tier schon am Strand liege. Er erklärt, dass gestrandete Wale, in deren Körper der Druck steigt, verschiedene Merkmale aufweisen: „Zu erkennen sind die Wale daran, dass die Flipper abstehen, die Zunge und bei männlichen Tieren der Penis, herausgedrückt wird.“
Seiner Einschätzung nach habe die Zahl der Pottwal-Strandungen an deutschen Stränden zugenommen, die Zahl explodierender Wale aber nicht. „Die Behörden sind meines Erachtens so schnell dabei, die gestrandeten Tiere abzusichern, dass keinerlei Gefahr durch explodierende Wale für Strandgänger besteht.“ Auch von den deutlich häufiger an deutschen Stränden aufzufindenden Schweinswalen gehe laut des Experten keine Gefahr aus. Die etwa 1,5 Meter langen Tiere würden aufgrund ihrer geringen Körpergröße viel schneller auskühlen – das bringe Zersetzungsprozesse zum Erliegen.
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Experte empfiehlt, Abstand von gestrandeten Walen zu halten
Passanten sollten, der Einschätzung von Fabian Ritter nach, grundsätzlich Abstand von gestrandeten Walen halten. Anstatt sich dem Tier zu nähern, empfiehlt er Laien, die Küstenwache, Polizei oder eine Meldestelle über die Strandung zu informieren. Zudem bestehe bei lebenden Walen Verletzungsgefahr durch ihre Fluke, mit der sie versehentlich Menschen treffen könnten. Bei verendeten Walen können zudem verschiedene Bakterien und Viren ein Infektionsrisiko für Menschen darstellen.