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Die traurige und wahre Geschichte hinter Winnie Puuh

Collage mit Winnie Puuh, der echten Winnie und dem Buch
Winnie Puuh ist nicht nur ein berühmter gezeichneter und literarischer Bär, sondern beruht auf der traurigen Geschichte einer realen Bärin Foto: picture alliance / Cover Images | ZSL London Zoo / Cover Images dpa | Bert Reisfeld / PETBOOK / Louisa Stoeffler
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Louisa Stoeffler
Redakteurin

13. November 2025, 15:04 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Er ist rundlich, gemütlich, liebt Honig über alles – und gehört zu den berühmtesten Kinderbuchfiguren der Welt: Winnie Puuh. Doch was kaum jemand weiß – der gelbe Bär mit dem roten T-Shirt war tatsächlich von einem echten Tier inspiriert. Und die wahre Geschichte dieser Bärin ist rührend – aber auch traurig, wie PETBOOK-Redakteurin Louisa Stoeffler findet.

Ich liebe Winnie Puuh – diesen naiven, freundlichen, immer etwas trägen Honigfan, der uns lehrt, dass man nicht perfekt sein muss, um geliebt zu werden. Als Kind waren die Disney-Verfilmungen über den Bären „mit sehr wenig Verstand“ immer das, was ich schaute, wenn ich krank war. Und mein Winnie-Puuh-Buch muss ich wohl 20-mal gelesen haben und finde, dass er ganz zurecht eins der bedeutendsten Tiere der Weltliteratur ist. Doch was viele nicht wissen: Hinter der berühmten Figur von A.A. Milne, die mittlerweile knapp 100 Jahre alt ist, steckt eine echte Bärin – und ihre Geschichte ist alles andere als honigsüß.

Wie alles begann: Ein Soldat, ein Bärenbaby – und 20 Dollar

Im Jahr 1914 steht der kanadische Tierarzt Harry Colebourn an einem Bahnhof in White River, Ontario. Auf dem Bahnsteig sieht er einen Mann mit einem kleinen Bärenbaby an der Leine. Es ist ein Weibchen, mutterlos, verängstigt. Colebourn kauft das Jungtier für 20 Dollar – damals ein Vermögen – und nennt sie „Winnipeg Bear“, nach seiner Heimatstadt. Kurz: Winnie.

Harry ist auf dem Weg zum Einsatz im Ersten Weltkrieg. Und weil er Tierarzt ist – und ein weiches Herz hat – nimmt er den kleinen Bären einfach mit. Damals benötigte er für den Transport eines Wildtiers nicht einmal Papiere wie eine Ausfuhrgenehmigung oder einen Nachweis, dass Winnie gegen Tollwut geimpft war. Auf dem Schiff nach England steht bald fest: Winnie ist das Maskottchen seiner Einheit, der 2nd Canadian Infantry Brigade. Die Soldaten lieben sie, spielen mit ihr, teilen ihr Essen. Winnie wird zahm, zutraulich – fast wie ein Hund.

Christopher Robin und der Bär im Zoo

Doch als Colebourn nach Frankreich an die Front geschickt wird, darf Winnie natürlich nicht mit. Schweren Herzens bringt er sie zum London Zoo – erst „nur vorübergehend“. Doch schnell wird klar: Winnie ist auch hier der Publikumsliebling. Kinder dürfen sie füttern, sogar auf ihr reiten. Sie schleckt am liebsten Kondensmilch und Sirup – Honig, wie ihr berühmtes literarisches Ebenbild, kannte sie da noch gar nicht.

Einer der vielen kleinen Besucher des Zoos ist Christopher Robin Milne, Sohn des Schriftstellers A. A. Milne. Der Junge ist fasziniert von Winnie – so sehr, dass er sein eigenes Stofftier nach ihr benennt. Seinem Teddy fügt er noch den Namen eines Schwans hinzu, den er „Pooh“ getauft hatte, wie Milne im Vorwort des Buches schreibt.

Entsprechend groß ist auch die Verwirrung im ersten Kapitel von „Pu der Bär“. Der verdatterte Vater fragt Christopher Robin: „Aber ich dachte, das wäre ein Junge?“ und dann könne der Bär doch nicht Winnie heißen. Der Junge antwortet darauf: „Er heißt Winnie-der-Pu. Weißt du nicht, was der bedeutet?“ Und damit ist das Thema des ungewöhnlichen Namens direkt wieder beendet. Geboren war „Winnie-the-Pooh“.

Winnie mit Christopher Robin
Die echten Winnie und Christopher Robin Milne im Londoner Zoo in den 1920er-Jahren Foto: picture alliance / Cover Images | ZSL London Zoo/Cover Images

Winnie Puuh wird berühmt – die echte Winnie lange vergessen

A. A. Milne beobachtete also die Zuneigung zwischen dem realen Kind und der Bärin – und begann zu schreiben. 1926 erscheint das erste Buch über den „dummen alten Bären“, Ferkel, I-Aah, Känga, Ruh – all diese Figuren basieren auf Christopher Robins echten Stofftieren. Nur Tigger kommt später dazu.

Die echte Winnie wird von Harry Colebourn besucht, wann immer er Fronturlaub bekommt. Er erkennt, wie beliebt sie ist, und beschließt: Sie soll bleiben. Ein Opfer aus Liebe. Winnie lebt bis zu ihrem Tod 1934 im Zoo. Frei ist sie nie.

Woher man das alles weiß? Die Ur-Enkelin von Winnies „Halter“, Lindsay Mattick, hat die Geschichte ihres Urgroßvaters Harry Colebourn 2015 in einem preisgekrönten Kinderbuch neu aufleben lassen: „Finding Winnie – The True Story of the World’s Most Famous Bear“.

Das Buch erzählt – eingerahmt als Gutenachtgeschichte, die Mattick ihrem Sohn Cole vorliest – die wahre Geschichte der kleinen Bärin. Als Fortsetzung von „Finding Winnie“ veröffentlichte sie 2018 den Roman „Winnie’s Great War“ – ein fantasievolles Nacherzählen der wahren Geschichte, diesmal aus der Sicht der Bärin selbst.

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Die echte Winnie – geliebt und eingesperrt

Während der fiktive Puuh in den Wäldern des „Hundertmorgenwalds“ frei herumspaziert, lebt die echte Winnie ihr gesamtes Leben in Gefangenschaft. Sie ist zahm, freundlich, geduldig mit Kindern – und wird für viele zur lebenden Märchenfigur.

Doch sie verbrachte ihr Leben in einem Gehege aus Beton und Gitterstäben. Damals galt das als normal – Tiere in Zoos sollten Kinder unterhalten und „gezähmt“ sein. Heute wissen wir: Für Wildtiere bedeutet das vor allem Stress, Isolation und Verlust ihres natürlichen Verhaltens.

Was mit Winnie passiert ist, würde man aus heutiger Sicht eindeutig als Tierquälerei bezeichnen und sie selbst als verhaltensgestört. Und sich dafür einsetzen, dass sie so naturnah wie möglich hätte leben können. Sie war so menschengebunden, dass es vermutlich nicht mehr möglich gewesen wäre, sie auszuwildern. Doch zumindest hätte sie so artgerecht wie möglich in einer Bärenauffangstation, wie beispielweise dem von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten betriebenen Bärenwald Müritz oder einer anderen geeigneten Einrichtung, leben können.

Alle Bären verdienen einen „Hundertmorgenwald“

Heute ist klar: Bären brauchen Wälder, keine Betonwände, keine Kondensmilch und keine Kuscheleinheiten mit kleinen Kindern. Sie müssen graben, klettern, schwimmen und Winterschlaf halten können – Instinkte, die in konventionellen Zoos kaum ausgelebt werden.

Die Geschichte von Winnie Puuh lehrt uns Freundschaft, Güte und Sanftmut. Die echte Winnie erinnert uns daran, dass wir diese Werte vor allem gegenüber echten Tieren leben sollten. Damit jeder Bär eines Tages seinen eigenen Hundertmorgenwald findet. Wer Bären liebt, der sollte eher in seriöse Schutzprojekte investieren, anstatt ein „Selfie mit Bär“ durch Gitterstäbe zu schießen.

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