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Flirten mit Folgen

Unglaublich! Männliche Schildkröten drängen Weibchen von der Klippe

Zwei Schildkröten bei der Paarung
Die männlichen Herrmann-Schildkröten treiben die Weibchen durch ihr Paarungsverhalten nicht nur in den Wahnsinn, sondern teilweise sogar in den Tod Foto: Getty Images
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13. Mai 2026, 6:09 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Was nach einem perfekten Rückzugsort für Tiere klingt, entwickelt sich gerade zu einem ziemlich absurden und gleichzeitig tragischen Experiment der Natur. Eigentlich scheint in Nordmazedonien alles perfekt: keine natürlichen Feinde, ein mildes Klima und genug Nahrung. Trotzdem sind die Hermann-Schildkröten auf der kleinen Insel Golem Grad in großer Gefahr. Der Grund dafür wirkt fast banal: Die Männchen meinen es mit dem Flirten ein bisschen zu gut.

Ein Paradies ohne Feinde

Die nordmazedonische Insel Golem Grad im Prespasee wirkt auf den ersten Blick wie der perfekte Rückzugsort für Tiere. Sie ist streng geschützt, frei von klassischen Fressfeinden wie Wildschweinen, streunenden Hunden oder Ratten und liegt in einem milden Klima auf rund 850 Metern Höhe. Für die dort lebenden Hermann-Schildkröten (lat. Testudo hermanni boettgeri) sind das eigentlich ideale Bedingungen. So ideal, dass sich die Population über Jahre hinweg nahezu ungestört entwickeln konnte.1

Langzeitdaten aus einem seit 2008 laufenden Monitoring zeigen: Mit rund 50 Tieren pro Hektar wurde hier eine der höchsten jemals dokumentierten Schildkrötendichten erreicht. Lange galt diese Population deshalb als stabil, fast schon als Vorzeigebeispiel für ein funktionierendes Ökosystem. Was erstmal nach einer Erfolgsgeschichte klingt, hat allerdings einen faden Beigeschmack.

Wenn „Dating-Stress“ zum Problem wird

Das eigentliche Problem hat ausgerechnet mit dem zu tun, was die Population eigentlich sichern sollte: der Fortpflanzung. Die Männchen nehmen ihre Rolle dabei etwas zu ernst. In der ungewöhnlich dichten Population entsteht eine extreme Form von Konkurrenz, bei der die Weibchen kaum noch zur Ruhe kommen.

Die Männchen verfolgen sie dauerhaft, stoßen sie immer wieder an und versuchen mit einer erstaunlichen Hartnäckigkeit, sich als Sexualpartner durchzusetzen. Was grundsätzlich Teil des natürlichen Paarungsverhaltens ist, kippt hier in ein dauerhaftes Stressszenario. Die Weibchen werden nicht nur körperlich belastet, sondern auch daran gehindert, ausreichend Nahrung aufzunehmen. Viele sind deswegen deutlich untergewichtig, geschwächt und damit weniger fortpflanzungsfähig.

Wenn Flirten tödlich endet

In einigen Fällen bleibt es nicht bei Stress und Erschöpfung. Das Verhalten kann für die Weibchen sogar tödlich enden, berichtet Xavier Bonnet im Wissenschaftsmagazin „Phys.Org“. Beobachtungen aus dem Langzeit-Monitoring zeigen, dass die Männchen Weibchen immer wieder in Richtung der steilen Klippen der Insel drängen.

Dabei kommt es vor, dass Tiere aus mehr als 20 Metern Höhe in den Tod stürzen. Ein Verhalten, das in dieser Form in freier Wildbahn kaum dokumentiert ist und selbst Forscher überrascht.

Wie Hermann-Schildkröten sich selbst gefährden

Die Auswirkungen von der aggressiven Flirterei zeigen sich besonders deutlich im Geschlechterverhältnis. Während bei Jungtieren noch ein relativ ausgeglichenes Verhältnis herrscht, verschiebt es sich im Erwachsenenalter massiv. So wurden auf Golem Grad 2009 noch 45 adulte Weibchen gezählt. 2024 waren es nur noch 20 und 2025 gerade einmal 15.

Aktuell leben dort mehr als 700 adulte Männchen, aber nur noch rund 40 Weibchen. Da viele von ihnen geschwächt sind und keine Eier mehr entwickeln, kommen rechnerisch auf ein fortpflanzungsfähiges Weibchen über 100 Männchen. Viele dieser Schildkrötenweibchen sind in so schlechter körperlicher Verfassung, dass sie zudem deutlich weniger Eier produzieren. Auf der Insel ist die Population inzwischen ernsthaft bedroht.

Das Problem verstärkt sich dabei selbst. Je weniger Weibchen es gibt, desto größer wird die Konkurrenz unter den Männchen und desto aggressiver wird deren Verhalten. Dieser zunehmende Druck setzt die verbleibenden Weibchen weiter unter Stress, schwächt sie zusätzlich und reduziert dadurch ihre Überlebens- und Fortpflanzungschancen. Es kommt zu einem Teufelskreis, aus dem die Population kaum noch selbst herauskommt.

Nur vier Kilometer entfernt läuft alles anders

Wie außergewöhnlich diese Entwicklung ist, zeigt ein Blick auf eine nahegelegene Vergleichspopulation, nur etwa vier Kilometer entfernt am Festland. Dort leben genetisch nahezu identische Tiere unter ähnlichen Bedingungen. Der entscheidende Unterschied: Die Umgebung bietet mehr Ausweichmöglichkeiten und es gibt keine steilen Klippen.

Die Weibchen sind dort größer, schwerer und deutlich widerstandsfähiger gegenüber dem Verhalten der Männchen. Das Geschlechterverhältnis ist ausgeglichen oder sogar leicht zugunsten der Weibchen verschoben. Dadurch bleibt auch die Fortpflanzungsrate stabil.

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Nachwuchs kann Gefährdung nicht aufhalten

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Hermann-Schildkröten brauchen rund 15 Jahre, um geschlechtsreif zu werden. Selbst wenn also Nachwuchs entsteht, kann er die Verluste nicht schnell genug ausgleichen. Gleichzeitig zeigen die Männchen zunehmend abweichendes Verhalten und versuchen, sich teilweise sogar mit ungeeigneten „Partnern“ zu paaren – darunter andere Männchen, Jungtiere oder sogar unbelebte Objekte.

Ein seltenes Phänomen

Forscher sprechen von einer Art „demografischem Selbstmord“. Sie beschreiben damit eine Entwicklung, bei der sich eine Population durch ihr eigenes Verhalten langfristig selbst destabilisiert.

Modellrechnungen zeichnen ein entsprechend düsteres Bild. Sollte sich dieser selbstzerstörerische Trend fortsetzen, könnte das letzte Weibchen in wenigen Jahrzehnten verschwinden. Die Männchen würden zwar noch lange überleben, könnten die Population aber ohne Fortpflanzungspartner nicht mehr retten.

Quellen

  1. Arsovski, D., Bonnet, X., Golubović, A., Tomović, L. (2026) „Sex Ratio Bias Triggers Demographic Suicide in a Dense Tortoise Population“. Ecology Letters. First published: 26 January 2026. https://doi.org/10.1111/ele.70296 ↩︎

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