22. April 2026, 13:53 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Am 26. April 1986 nahm eine der schwersten Reaktorkatastrophen aller Zeiten ihren Anfang. Seitdem ist der Ort Tschernobyl von Menschen verlassen – doch nicht von anderen Lebewesen. Viele Tiere und Pflanzen haben sich an das Leben in der radioaktiven Sperrzone angepasst. Die Wölfe von Tschernobyl sogar so sehr, dass sie offenbar Mechanismen entwickelt haben, die sie besser vor Krebs schützen könnten.
Das besondere Leben im Sperrkreis
Das Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine steht wie kein anderes für die Zerstörung, die Atomunfälle ausrichten können. Rund 100.000 Menschen wurden 1986 aus der Umgebung evakuiert und sind bis heute nicht zurückgekehrt. Doch die hohen Strahlenwerte halten Tiere nicht davon ab, sich die Gegend rund um die verlassene Stadt Prypjat und die alten Reaktoren zurückzuerobern.
Neben einer Population halb verwilderter Hunde leben dort auch wieder ihre wilden Verwandten. Wölfe haben sich in der Sperrzone dauerhaft angesiedelt – und das offenbar erfolgreich: Studien zeigen, dass sie trotz hoher Strahlenbelastung stabile Populationen bilden.
Wölfe aus Tschernobyl: auffällig unauffällig
Wer an Tiere in einer radioaktiven Zone denkt, stellt sich oft drastische Mutationen vor. Doch genau das konnten Forscher vor Ort nicht beobachten.
„Ich habe in der Sperrzone keinen einzigen Wolf mit fünf Beinen oder mehr als zwei Augen gesehen“, erklärt die Evolutionsbiologin Dr. Cara Love von der Princeton University laut dem „ORF“. Äußerlich wirken die Tiere völlig normal – ihre Besonderheiten zeigen sich erst auf genetischer Ebene.
Dr. Love, Evolutionsbiologin und Ökotoxikologin an der Princeton University in den USA, war mit ihrem Team seit 2014 vor Ort und hat die Wolfspopulation in Tschernobyl untersucht. Unter anderem nahm das Team Proben des Blutes der Tiere und stattete sie mit GPS-Trackern aus. In diesen GPS-Halsbändern befanden sich außerdem Dosimeter, mit denen die Forscher die radioaktive Belastung der Tiere erfassen konnten.
Mutation im Immunsystem statt sichtbarer Schäden
Das Ergebnis: Die Wölfe sind im Schnitt einer Strahlung ausgesetzt, die etwa sechsmal über dem für Menschen als sicher geltenden Grenzwert liegt (11,28 Millirem). Eine Belastung, die eigentlich mit einem deutlich erhöhten Krebsrisiko einhergehen müsste und sich sogar noch in den viel kleineren Körpern der Wölfe potenziert. Eigentlich würde man erwarten, dass die Tiere mehrere Arten von Krebs und verschiedene Tumore entwickeln. Diese Belastung halten die Wölfe jedoch jeden Tag ihres Lebens aus. Ohne, dass sich ihre Zellen verändern.
Warum das so ist, wollen Love und Kollegen auch anhand von Wölfen untersuchen, die sich außerhalb der Sperrzone aufhielten. Doch genau hier liegt das Besondere:
Genetische Analysen zeigen, dass sich das Immunsystem der Tiere verändert hat.
„Die Befunde von fast jeder Art von Immunzelle im Blut waren verschoben“, so Love. Auffällig ist, dass diese Veränderungen jenen ähneln, die man bei Menschen beobachtet, die eine Strahlen- oder Chemotherapie durchlaufen. Bestimmte Gene, die an der Tumorabwehr beteiligt sind, scheinen besonders aktiv zu sein. Das deutet darauf hin, dass die Wölfe Mechanismen entwickelt haben könnten, die Krebszellen früh erkennen und bekämpfen.
Diese ähneln denen von Menschen, die gerade eine Chemotherapie durchlaufen. Obwohl Mutationen Krebs eigentlich begünstigen, scheinen diese tatsächlich sehr nützlich für die Tiere zu sein und senken ihr Tumorrisiko, anstatt es zu steigern. Die Forscher konnten sogar bestimmte Gene im Wolfsgenom sequenzieren, die resistent gegen Krebszellen geworden sind.
Evolution im Schnelldurchlauf
Die Forscher gehen davon aus, dass die extreme Umwelt einen starken Selektionsdruck erzeugt hat: Überlebt haben vor allem jene Tiere, deren Körper besonders gut mit der Strahlung umgehen konnte.
Über mehrere Generationen hinweg – vermutlich inzwischen acht – könnte sich so eine Population entwickelt haben, die besser gegen die krebserregende Wirkung der Strahlung gewappnet ist.
Wie viele Tiere in den Jahrzehnten nach der Katastrophe gestorben sind, ist unklar. Sicher ist jedoch: Es haben genügend überlebt, um eine stabile Population aufzubauen, die in ihrer Größe mit Wolfsbeständen außerhalb der Sperrzone vergleichbar ist.
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Chance für die Krebsforschung
Die genetischen Besonderheiten der Tschernobyl-Wölfe könnten auch für die Humanmedizin interessant sein. Denn bis heute ist nicht vollständig verstanden, wie Krebs entsteht – oder warum er in manchen Fällen gar nicht erst auftritt.
Die Tiere liefern eine einzigartige Möglichkeit, genau das zu untersuchen: Sie leben seit Jahrzehnten unter Bedingungen, die beim Menschen als hochgradig gesundheitsschädlich gelten würden. Sollten die Mechanismen hinter ihrer scheinbaren Widerstandsfähigkeit entschlüsselt werden, könnten sie neue Ansätze für die Krebsforschung liefern.
Forschung an Wölfen in Tschernobyl liegt seit Jahren auf Eis
Die Forschung an den Tieren im Sperrkreis ist nun jedoch bereits seit Jahren stark behindert. Schon die Corona-Pandemie hatte die Arbeiten vor Ort verlangsamt. Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine kam es dann zu massiven Rückschlägen:
- Aufenthalte in der Sperrzone wurden zeitweise zu gefährlich
- Stromausfälle führten dazu, dass eingefrorene Proben unbrauchbar wurden
- Langzeitdaten weisen inzwischen große Lücken auf
- Landminen wurden auf den bereits verstrahlten Feldern gelegt
Viele Projekte liegen daher auf Eis oder können nur eingeschränkt fortgeführt werden. „Unsere Priorität ist, dass die Menschen und Mitarbeiter dort so sicher wie möglich sind“, sagte Love in einer Pressemitteilung.
Ob die Tiere tatsächlich eine echte „Krebsresistenz“ entwickelt haben oder „nur“ besonders effektive Schutzmechanismen, ist also noch nicht abschließend geklärt. Fest steht jedoch: Ihr Erbgut könnte entscheidende Hinweise darauf liefern, wie Organismen mit einer der gefährlichsten Umweltbedingungen umgehen können – und vielleicht sogar, wie sich Krebs künftig besser bekämpfen lässt. 1

