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Komplexes Sozialverhalten

Manche Nacktmulle haben ihr ganzes Leben lang Toilettendienst

Nacktmulle treffen sich im Gang
„Entschuldigung, könnte ich bitte vorbei? Ich muss zum Toilettendienst“. So oder so ähnlich könnte die Begegnung dieser zwei Nacktmulle verlaufen sein. Foto: picture alliance / blickwinkel/H. Schmidbauer | H. Schmidbauer
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Louisa Stoeffler
Redakteurin

14. Oktober 2025, 10:37 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten

Kaum ein Tier wird so unterschätzt wie der Nacktmull. Faltig, zahnbewehrt und fast blind, gilt er als Kuriosität der Natur. Doch wer sich von seinem Äußeren nicht täuschen lässt, entdeckt ein Wesen, das biologische Extreme vereint: soziale Perfektion und biochemische Langlebigkeit. Zwei Studien zeigen, warum diese afrikanischen Nagetiere für Forscher zu Modelltieren der Alterungs- und Verhaltensforschung geworden sind – eine Art Miniaturgesellschaft, in der Biologie, Hierarchie und Genetik perfekt verzahnt sind. Und in der manche Nacktmulle anscheinend immer Toilettendienst haben.

Unterirdische Ordnung mit ewiger Jugend

Nacktmulle leben in straff organisierten, unterirdischen Kolonien mit klarer Arbeitsteilung – ähnlich wie Insektenstaaten. Nur eine Königin (Zuchtweibchen) und wenige Männchen pflanzen sich fort, während alle anderen Tiere – sogenannte Nonbreeder – Aufgaben wie Nestbau, Pflege oder Verteidigung übernehmen.

Seit die britische Zoologin Jennifer Jarvis in den 1980er-Jahren erstmals das Gesellschaftsleben der Nacktmulle beschrieb, gelten sie als Ausnahme unter den Säugetieren: Sie leben in einem Sozialstaat, ähnlich wie Bienen oder Ameisen. Die Königin bestimmt dabei über bis zu 300 Untertanen. Sie allein darf sich fortpflanzen; Arbeiterinnen und Arbeiter graben, sammeln Nahrung, pflegen die Jungen – und übernehmen teils erstaunlich spezialisierte Aufgaben.

Obwohl diese Lebensweise intensiv erforscht ist, blieben zentrale Fragen bislang unbeantwortet: Welche unterschiedlichen Verhaltensmuster gibt es unter den Nicht-Zuchttieren – und wie stark sind soziale Beziehungen innerhalb der Kolonie ausgeprägt?Werden bestimmte Nacktmulle tatsächlich zu „Soldaten“ oder verrichten „Toilettendienst“? Und woher wissen die Tiere, wann sie was tun müssen?

Forscher bauten Nacktmull-Burg im Labor

Ein Forschungsteam um Masanori Yamakawa von der Universität Kumamoto sowie Partnern aus Tokio und Fukuoka hat die bislang umfassendste Verhaltensanalyse bei Nacktmullen (Heterocephalus glaber) durchgeführt. Mithilfe eines automatisierten Systems konnten sie das Bewegungs- und Sozialverhalten von 102 Individuen aus fünf Kolonien über 30 Tage hinweg ununterbrochen dokumentieren. Die Ergebnisse wurden am 8. Oktober 2025 in der Fachzeitschrift „Science Advances“ veröffentlicht und liefern neue Erkenntnisse zur sozialen Organisation dieser eusozialen Säugetiere.

Die Forscher entwickelten ein automatisiertes Verfolgungssystem auf Basis von RFID-Technologie, das alle Tiere einer Kolonie gleichzeitig erfassen kann – auch wenn sie sich überlappen oder eng beieinanderliegen. Jedes Tier erhielt einen subkutanen Mikrochip. Die Kolonien wurden in einem standardisierten Labyrinth aus neun Kammern mit 24 RFID-Lesegeräten untergebracht. So konnten die Bewegungen von den Tieren rund um die Uhr über 30 Tage hinweg aufgezeichnet werden.

Die Kammern wurden dabei funktional unterschieden (Nest, Toilette, Müll, andere), und Verhaltensmuster wie Ruhephasen oder Bewegungsfrequenz wurden daraus abgeleitet. Die Analyse umfasste sowohl zeitliche Aktivitätsmuster als auch räumliche Nähe und gerichtete Interaktionen wie Nachfolge-Verhalten. Die Studie wurde durch die Ethikkommission der Universität Kumamoto genehmigt.

Die 7 Verhaltenscluster der Nacktmulle – mit vermuteter Funktion

Die Verhaltensanalyse ergab sieben stabile Verhaltenscluster und belegt eindrucksvoll, dass Nacktmulle – trotz ihres vermeintlich starren sozialen Systems – eine hohe soziale und verhaltensbezogene Komplexität aufweisen. Die klare Differenzierung zwischen Zuchttieren und Nicht-Zuchttieren sowie die Vielfalt der anderen, nicht auf Fortpflanzung basierenden Rollen deuten auf eine feingliedrige Aufgabenverteilung hin, die vermutlich der Effizienz und Stabilität des Koloniealltags dient.

  • Cluster 1 – Hochmobile Transport- und Erkundungsspezialisten
    • Sehr aktive Tiere mit der höchsten Mobilität im gesamten Kollektiv.
    • Häufige Ortswechsel, vor allem Richtung Müllkammern.
    • Werden besonders oft von anderen verfolgt – soziale Magneten.
    • ggf. würden sie auch für Verteidigung eingesetzt
  • Cluster 2 – Vielseitige Arbeiter mit mittlerer Mobilität
    • Ebenfalls aktiv, aber mit weniger Bewegung als Cluster 1.
    • Nutzen mehrere Kammern, ohne sich auf eine Funktion zu spezialisieren.
    • Sozial moderat eingebunden, mittlere Nähewerte.
  • Cluster 3 – Unabhängige Einzelgänger für selbstständige Aufgaben
    • Hohe Aktivität, aber wenig soziale Nähe oder Interaktion.
    • Werden kaum verfolgt, halten sich oft isoliert auf.
    • Einzelaufgaben ohne Kooperation, evtl. für autarke Tätigkeiten geeignet.
  • Cluster 4 – Zurückgezogene Grabarbeiter mit Kontaktvermeidung
    • Geringe Mobilität, hohe Aufenthaltszeit in nicht-funktionalen Kammern.
    • Meiden aktiv andere aktive Tiere – deutlich geringe Nähewerte.
  • Cluster 5 – Hygienespezialisten mit Toilettenfokus
    • Weniger aktiv, aber auffallend oft in der Toilettenkammer anzutreffen.
    • Übernehmen bei Nestwechseln häufig frühzeitig die Initiative.
    • Nacktmulle mit Toilettendienst übernehmen Pflege und ordnungsbezogene Aufgaben im Bau.
  • Cluster 6 – Ruhige Nesthüter mit sozialem Anschluss
    • Sehr geringe Aktivität, kaum Ortswechsel.
    • Verbringen viel Zeit im Nest und halten sich nahe bei Zuchttieren auf.
    • Passive Schutzfunktion, soziale Bindung zur Koloniemitte.
  • Cluster 7 – Zuchttiere als soziale Koordinatoren und Führungstiere
    • Umfasst fast ausschließlich Breeder (Zuchtweibchen und -männchen).
    • Typisch sind viele, kurze Ruhephasen und hohe Bewegungsfrequenz.
    • Starke soziale Bindung: synchronisierte Aktivität, Nähe, häufiges gegenseitiges Folgen.
    • Vermutlich verantwortlich für Dominanzsicherung und Fortpflanzung.

Diese Rollen sind dabei erstaunlich konstant: 95 Prozent aller Tiere blieben über die gesamte Beobachtungszeit in ihrem Verhalten stabil. Das spricht für eine feste soziale Struktur – ähnlich wie bei staatenbildenden Insekten, aber biologisch unabhängig entstanden.

Ein Königspaar mit Taktgefühl

Die Analyse zeigte außerdem, dass Königin und König perfekt aufeinander abgestimmt sind:
Ihre Aktivitätsrhythmen verlaufen fast synchron, sie bleiben einander räumlich nah und folgen einander häufig. Ein echtes Herrscherduo – und der soziale Kern der Kolonie.

Interessant: Während Nacktmulle keine echten Tag-Nacht-Rhythmen besitzen – in der Dunkelheit ihrer Tunnel herrscht ewige Nacht –, stimmen sie ihr Verhalten auch so sozial ab.
Wenn die Königin ruht, tun es oft auch die anderen. Wenn sie sich bewegt, folgt eine Welle kollektiver Aktivität. Ein unterirdisches „Sozialmetronom“.

Doch die Studie zeigt auch: Nicht jeder mag jeden. Einige Tiere suchen gezielt die Nähe anderer, andere vermeiden Kontakt. Besonders die eigenständigen Arbeiter (Cluster 4) hielten bewusst Abstand zu den Hochaktiven. Diese „sozialen Distanzen“ sind kein Zufall, sondern Ausdruck funktionaler Spezialisierung: Während Teamarbeit beim Tunnelbau nützlich ist, kann räumliche Trennung bei der Nahrungssuche effizienter sein.

Parallelen zu Insektenstaaten – und doch anders

Auch Rang und Geschlecht spielen eine Rolle. Weibliche Zuchttiere (Königinnen) bewegen sich häufiger auf jüngere, größere Nicht-Züchter zu – nicht, um sie zu streicheln, sondern, wie frühere Beobachtungen zeigen, um sie durch leichtes Schubsen oder Beißen in ihre Schranken zu weisen. Aggression und Zuneigung liegen im Nacktmullreich offenbar dicht beieinander.

Besonders oft folgt die Königin jenen aus Cluster 4 und 6 – den älteren, ruhigen Tieren. Vermutlich nutzt sie deren Erfahrung, um zu kontrollieren, was im weitläufigen Tunnelsystem vorgeht. Nicht nur Dominanz, auch gegenseitige Beobachtung scheint das System stabil zu halten. So entsteht ein Netzwerk aus Nähe, Synchronität und Rollenbewusstsein, das weit über einfache Arbeitsteilung hinausgeht.

Dass ein Säugetier derart strikte soziale Strukturen entwickelt hat, gilt als biologisches Kuriosum. Bei Insekten basiert Eusozialität auf genetischer Nähe – Arbeiterinnen sind untereinander Schwestern oder Halbschwestern: alle stammen von der Königin ab, können aber verschiedene Väter haben. Beim Nacktmull dagegen teilen alle zwar denselben Bau, aber keine übermäßige Verwandtschaft. Die Hierarchie wird verhaltenstheoretisch aufrechterhalten, durch ständige Interaktion und Unterdrückung von Sexualhormonen bei den Untergebenen.

Yamakawas Team konnte zeigen, dass dieses System dynamisch bleibt: Zwar sind die Rollen stabil, doch einzelne Tiere können zwischen ähnlichen Verhaltensclustern wechseln – etwa, wenn sie altern oder an Gewicht zunehmen. So bleibt die Gesellschaft flexibel, ohne dass Chaos entsteht – ein Modell natürlicher Selbstorganisation. 1

Zwischen Sozialstaat und Zellschutz

Während Yamakawa die soziale Langlebigkeit der Kolonie beschrieb, widmeten sich andere Forscher kürzlich der biologischen Langlebigkeit des Einzeltiers. Im Oktober 2025 veröffentlichten Chen et al. (Tongji University, Shanghai) in „Science“ eine molekularbiologische Erklärung dafür, warum Nacktmulle kaum altern und extrem selten Krebs bekommen.

Im Mittelpunkt steht ein Enzym namens cGAS – ein Sensor, der DNA-Schäden erkennt.
Bei Menschen und Mäusen hemmt cGAS die Reparatur von Doppelstrangbrüchen, was langfristig zu Mutationen und Zellalterung führt. Beim Nacktmull dagegen hat die Evolution vier winzige Aminosäure-Änderungen eingebaut – ein molekularer Minimalismus mit maximaler Wirkung: Diese Veränderungen sorgen dafür, dass das Enzym länger auf der geschädigten DNA verweilt, Reparaturproteine anzieht und so den Alterungsprozess verlangsamt.

In Experimenten mit Fruchtfliegen verlängerte die „Nacktmull-Version“ von cGAS sogar deren Lebensspanne. Wurde sie in alte Mäuse eingeschleust, zeigten diese weniger Zellseneszenz, geringere Entzündungswerte – und weniger graue Haare. Das Fazit der Forschenden: Vier Moleküle verändern ein ganzes Leben. 2

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Nacktmulle mit Toilettendienst sind systemrelevant

So verschieden beide Studien scheinen – Sozialstruktur und Zellschutz greifen ineinander.
Beide dienen demselben Ziel: Stabilität in einem extremen Lebensraum. Unter der Erde herrschen hohe Temperaturen, wenig Sauerstoff und kaum Licht. Nur ein perfekt abgestimmtes Kollektiv kann dort über Jahrzehnte bestehen.

Das gilt sowohl auf zellulärer Ebene – wo jedes Molekül seinen Platz kennt – als auch im sozialen Gefüge – wo jedes Tier weiß, was zu tun ist. Auch wenn das bedeutet, dass manche Nacktmulle ihr Leben lang Toilettendienst verrichten. Im Großen wie im Kleinen perfektionieren Nacktmulle die Kunst, Unordnung zu verhindern – sei es im Erbgut oder in der Gesellschaft.

Die Forschung zeigt: Auch die Nacktmulle mit „Toilettendienst“ sind systemrelevant.
Ihre Konstanz hält die Ordnung, ihre Routine schützt die Gemeinschaft. Das mag uns fremd erscheinen – und doch ist es eine Form von Fürsorge, die aus Instinkt entstanden ist.

Fazit: Nicht schön, aber schlau

Ihr Aussehen mag grotesk wirken, doch in Wahrheit verkörpern Nacktmulle eine subtile Intelligenz der Evolution. Sie beweisen, dass Überleben nicht von Schönheit oder Schnelligkeit abhängt, sondern von Kooperation, Anpassungsfähigkeit und funktionierender Kommunikation – im Gewebe wie im Staat.

Wer also künftig über das faltige Gesicht eines Nacktmulls schmunzelt oder sich gar ekelt, sollte bedenken: Unter dieser runzligen Haut verbirgt sich eines der komplexesten sozialen Systeme der Säugetierwelt – und ein biochemischer Schutzmechanismus, der Altern fast zum Stillstand bringt.

Quellen

  1. Yamakawa, M., Ezaki, T., Watarai, A., Kutsukake, N., Miura, K., Okuyama, T. (2025). Quantitative and systematic behavioral profiling reveals social complexity in eusocial naked mole-rats. Science Advances, 11, eady0481. DOI: 10.1126/sciadv.ady0481. ↩︎
  2. Chen, Y., Chen, Z., Wang, H., Cui, Z., Li, K. L., Song, Z., ... & Mao, Z. (2025). A cGAS-mediated mechanism in naked mole-rats potentiates DNA repair and delays aging. Science, 390(6769), eadp5056. ↩︎

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