26. März 2026, 10:27 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Immer wieder liest man, dass Forscher ausgestorbene Arten wie das Mammut oder den Tasmanischen Tiger zurückbringen wollen. Auch der Dodo soll bald wieder durch die Wälder auf Mauritius streifen – zumindest wenn es nach dem Gentech-Unternehmen Colossal Biosciences geht. 150 Millionen Dollar investierte das Unternehmen in die Vogelgenetik. Jetzt stehe man kurz vor dem Durchbruch: schon innerhalb der nächsten fünf bis sieben Jahre sollen die flugunfähigen Vögel wieder durch Mauritius‘ Wälder laufen.
Dodos gab es bis Ende des 17. Jahrhunderts
Obwohl der Dodo vor über 300 Jahren ausgestorben ist, haben die meisten Menschen ein klares Bild von dem Tier im Kopf: ein plumper, etwa ein Meter großer, flugunfähiger Vogel. Wahrscheinlich ist er auch vielen durch Lewis Carrolls Buch „Alice im Wunderland“ ein Begriff. Allerdings handelt es sich dabei nicht um Fabelwesen, sondern um reale Tiere, die bis Ende des 17. Jahrhunderts ausschließlich auf der Insel Mauritius im Indischen Ozean heimisch waren – und es vielleicht bald wieder sind. Denn das Gentech-Unternehmen Colossal Biosciences möchte den Dodo zurückbringen – und das schon in den nächsten fünf bis sieben Jahren, wie das Unternehmen nun verkündete. Aber ist das überhaupt sinnvoll?
Hühner sollen den Dodo zurückbringen
Am 17. September gab Colossal Biosciences bekannt, dass es erstmals gelungen sei, Urkeimzellen von Tauben, Vorläuferzellen von Spermien und Eizellen, zu züchten, wie die britische Tageszeitung „The Guardian“ berichtet. Das Unternehmen ist ein Big Player in der Gentechnik-Szene und sorgte erst kürzlich für Schlagzeilen, als es verkündete, den vor 13.000 Jahren ausgestorbenen Schattenwolf zurückgebracht zu haben (PETBOOK berichtete). Es wurde 2021 vom Tech-Unternehmer Ben Lamm und dem Harvard-Genetiker George Church gegründet. Zwei Jahrzehnte dauerte ihr Weg von einzelnen DNA-Stücken zum kompletten Genom, verriet Beth Shapiro, leitende Paläogenetikerin und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von Colossal Biosciences, damals in einem Artikel des Wissenschaftsmagazins „Spektrum“.
Dafür wurde sogar eine neue Abteilung für Vogelgenetik gegründet und 150 Millionen Dollar investiert. Alles, um den legendären Dodo wieder in seinem natürlichen Lebensraum auf Mauritius auszuwildern. Der Grundgedanke war, die DNA des Dodo zu klonen und anschließend in eine Eizelle einer verwandten Art einzupflanzen – also etwa so wie bei dem Filmklassiker „Jurassic Park“.
Tausende Dodos in wenigen Jahren?
Den entscheidenden Durchbruch lieferte das US-amerikanische Forscherteam um die Genetikerin Anna Berenson, wie die Tageszeitung „Berliner Morgenpost“ bereits März 2025 berichtete. Sie und ihr Forschungsteam an der New York University Langone untersuchen, wie sich aus einer lebenden Vogelart durch gezielte Eingriffe in die DNA eine ausgestorbene Art rekonstruieren lässt. Ziel ist es, durch das Einfügen bestimmter Genabschnitte des roten Dschungelhuhns – des wilden Vorfahren des Huhns – Tiere zu erzeugen, die diesem in Aussehen und Verhalten möglichst stark ähneln. Ein ähnliches Verfahren hat man nun auch auf den Dodo angewendet – mit ersten Erfolgen.
„Wir gehen grob davon aus, dass es noch fünf bis sieben Jahre dauern wird, aber keine 20 Jahre“, sagte Ben Lamm, Geschäftsführer von Colossal, dem „Guardian“ über den Zeitplan für die Rückkehr des Dodos. „Unser Ziel ist es, genügend Dodos mit ausreichend genetischer Vielfalt zu züchten, um sie wieder in die Wildnis entlassen zu können, wo sie wirklich gedeihen können“, sagte er. „Wir wollen also nicht zwei Dodos züchten, sondern Tausende.“
Der Dodo wurde in nur 150 Jahren ausgerottet
Vor der Seefahrt lebten die flugunfähigen Vögel auf Mauritius und führten ein mehr oder weniger unbeschwertes Leben. Die Tiere waren relativ groß – sie hatten etwa das doppelte Ausmaß eines Schwans. Ob es für den Dodo nennenswerte Fressfeinde gab, ist nicht bekannt. Da die Tiere gegenüber europäischen Seefahrern wenig Scheu zeigten, kann vermutet werden, dass sie zuvor keinen ernsthaften Bedrohungen ausgesetzt waren.
Diese entdeckten den plumpen Vogel im Jahr 1507. Danach dauerte es nur knappe 150 Jahre – so genau weiß das niemand – bis die Tiere vollständig ausgerottet wurden. Dafür war zum einen die Jagd auf die Vögel verantwortlich. So nahmen Seefahrer die Dodos als Proviant auf lange Fahrten mit und verzehrten in großem Maße deren Eier. Bei einer Vogelart, die nur einmal im Jahr ein einziges Ei gelegt haben soll, hatte dies natürlich katastrophale Folgen. Seither steht der Dodo ikonisch für Tierarten, die durch den Menschen ausgestorben sind.
Wie natürlich ist der Lebensraum des Dodos noch?
Neben der Bejagung waren eingeschleppte Ratten und ausgewilderte Haustiere, die die Gelege der bodenbrütenden Vögel zerstörten, die Hauptgründe für das Aussterben des Dodos. So wurden durch den Menschen zahlreiche Tierarten eingeführt. Daran hat sich bis heute nicht wirklich viel geändert. Auf der Insel leben unzählige herrenlose Hunde und Katzen, die sich von Abfällen ernähren und sich vermehren. Da wären doch Dodo-Eier eine willkommene Abwechslung.
Zwar gibt Colossal an, mit Naturschutzorganisationen zusammenzuarbeiten, um sichere, rattenfreie Orte auf Mauritius zu finden, an denen die Art wieder umherstreifen kann. Doch auch für die zahlreichen Bewohner und Touristen kann so ein exotischer und seltener Vogel eine große Verlockung darstellen.
Ohne strengen Schutz ist der Dodo schnell wieder ausgerottet
Zwar sollen die Tiere nicht besonders gut schmecken, könnten aber vielleicht als Jagdtrophäe heiß begehrt sein. Auch auf dem Schwarzmarkt lassen sich mit so einer seltenen Art bestimmt hohe Preise erzielen. Möchte man den Dodo zurückbringen, müsste man dafür sorgen, dass die Tiere streng geschützt werden – sonst ist er schnell wieder ausgerottet.
Leider steht es laut der Organisation Strays of Mauritius um den Tierschutz auf der Insel nicht so gut bestellt. So ist Mauritius nach China der zweitgrößte Exporteur weltweit für Langschwanzmakaken. Der Inselstaat verkauft jedes Jahr etwa 10.000 Affen an die Tierversuchsindustrie. Immerhin gibt es Naturreservate, zwei größere Nationalparks auf der Hauptinsel und einen Inselnationalpark, der aus acht Nebeninseln besteht. Dort könnte man den Dodo auswildern.
Keiner kann die Auswirkungen auf das Ökosystem absehen
Beth Shapiro verweist im „Spektrum“-Artikel zudem auf Umweltschutzprojekte auf Mauritius und den umliegenden Inseln, die zum Ziel haben, ursprüngliche Habitate wiederherzustellen. Dort könnten einheimische Pflanzen und Tiere von der Anwesenheit der wiederbelebten Dodos ebenso profitieren wie diese von jenen, heißt es weiter. Als Beispiel wird die Riesenschildkröte genannt, die unweit von Mauritius neu angesiedelt worden ist. Sie füllt dort die Nische einer ausgestorbenen Art und half Ebenholzbäumen bei der Wiederverbreitung, indem sie deren Früchte fraß und die Samen in der Landschaft verteilte.
Aber nur, weil dies für eine Art funktioniert hat, heißt das nicht, dass das auch auf den Dodo zutrifft. Keiner weiß, welche Auswirkungen eine Wiederansiedlung des Dodos hätte. Die Vögel leben seit über 300 Jahren nicht mehr auf der Insel. Das Ökosystem dort hat sich in dieser Zeit jedoch weiterentwickelt. Zudem wissen wir nur wenig über das Leben der Dodos in ihrer natürlichen Umwelt. Das meiste stammt aus Aufzeichnungen und Berichten aus dem 17. Jahrhundert.
Colossal selbst gibt zu, mögliche Folgen nicht wirklich abschätzen zu können: „Wenn es uns gelingt, einen großen, bodenbewohnenden, fruchtfressenden Vogel wieder anzusiedeln, kennen wir nicht alle Konsequenzen, die sich daraus für diese Landschaft ergeben“, zitiert „The Guardian“ Beth Shapiro, die wissenschaftliche Leiterin von Colossa. „Aber wir gehen davon aus, dass wir einige angenehme Überraschungen erleben werden.“
Sind Wollmäuse der erste Schritt auf dem Weg zur Wiederbelebung des Mammuts?
Fans entsetzt über Tom Bradys Klonhund
Der zurückgebrachte Dodo wäre ein anderes Tier
Zwar ist es der Wissenschaft gelungen, den genetischen Code des Dodos zu entschlüsseln. Die Rekonstruktion und damit auch das fertige Tier würden nicht nur Dodo-DNA, sondern auch genetisches Material einer verwandten, noch existierenden Art enthalten, in deren Eizelle der Klon heranreifen würde. Es würde sich also streng genommen nicht um den ausgestorbenen Vogel handeln.
Weil die ersten Elterntiere auch keine Dodos wären, ist das Verhalten der zurückgebrachten Vögel nicht absehbar. Denn nur ein Teil des Verhaltens ist angeboren bzw. Instinkt. Vieles wird durch Erfahrung und das Verhalten der Eltern geprägt. „Es gibt niemanden, der dem Dodo beibringt, wie man ein Dodo ist“, bemerkte Mikkel Sinding, Paläogenomiker an der Universität Kopenhagen, bereits 2023 passend im Artikel des „Spektrums“.
Ausgestorbene Arten zurückzubringen, zeugt von Ignoranz
Das gilt übrigens nicht nur für den Dodo. Auch Mammut oder der Tasmanische Tiger wären Tiere, deren Verhalten wir nicht wirklich voraussagen könnten. Colossal Biosciences möchte also Tiere zurückbringen, die nicht mehr das sind, was sie einmal waren, in ein Ökosystem, das nicht mehr das ist, was es einmal war – und bildet sich ein, damit etwas Gutes für die Natur zu tun.
Dabei hat unser Ökosystem zurzeit bei Weitem andere Sorgen. Klimawandel, Artensterben und ein massiver Rückgang der Biodiversität. Da hilft es bescheiden wenig, wenn auf diesem Planeten wieder Mammuts oder Dodos durch die Gegend ziehen. Vielmehr sollte man die Technik nutzen, um akute Probleme anzugehen. Das Projekt des Gentech-Unternehmens hat also weniger mit Tierliebe oder Naturschutz zu tun. Es zeugt von Ignoranz und Arroganz des Menschen gegenüber der Natur.