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Tödliche Schönheit

Kegelschnecken schießen Gift-Harpunen auf ihre Opfer

Weberkegel aus der Gattung der Kegelschnecken
Was wie eine schöne Muschel aussieht ist in Wahrheit ein Weberkegel. Das Gift dieser und anderer Kegelschnecken kann für Menschen lebensgefährlich sein Foto: Getty Images
Jasmin Reddmann
Autorenfoto
Berlin, 3.6.2026
(c) Niels Starnick / BILD
Redakteurin

16. Oktober 2026, 17:02 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Ihre kunstvoll gemusterten Gehäuse wirken wie perfekte Urlaubssouvenirs. Doch wer eine Kegelschnecke am Strand entdeckt, sollte sie auf keinen Fall anfassen! Unter der schönen Schale kann sich ein hochgiftiger Räuber verbergen, der mit einer winzigen Harpune zusticht und ein starkes Nervengift abgibt. Einige Arten können damit nicht nur Fische innerhalb kürzester Zeit lähmen. Ihr Gift kann auch für Menschen lebensgefährlich werden.

Was sind Kegelschnecken?

Kegelschnecken gehören zur Familie der Conidae. Es handelt sich um räuberische Meeresschnecken, deren Gehäuse meist eine charakteristische Kegelform und eine auffällige Zeichnung besitzt. Insgesamt soll es mehr als 500 anerkannte Arten der Gattung Conus geben.1

Je nach Art jagen Kegelschnecken Würmer, andere Schnecken oder Fische. Gerade die fischjagenden Arten haben besonders schnell wirkende Giftmischungen entwickelt. Schließlich muss eine langsam kriechende Schnecke ihre bewegliche Beute augenblicklich außer Gefecht setzen, bevor diese entkommen kann.

Kegelschnecken sind hauptsächlich in tropischen und subtropischen Meeren verbreitet. Besonders gefährliche Vertreter leben vor allem im Indopazifik. Doch auch im Mittelmeer kommen Kegelschnecken vor, die dort anzutreffenden Arten gelten jedoch als deutlich weniger gefährlich. Die meisten gemeldeten Unfälle passieren, wenn Menschen eine lebende Schnecke anfassen oder ihr vermeintlich leeres Gehäuse als Souvenir mitnehmen.2

Darum kann die schöne Schale zur tödlichen Falle werden

Kegelschnecken leben häufig in flachem Wasser, auf Riffen oder im Sand. Tagsüber graben sich viele Arten ein, während sie nachts auf die Jagd gehen. Ihre farbenprächtige Schale macht sie für Strandbesucher, Taucher und Schnorchler besonders interessant – und zu einem augenscheinlich schönen Souvenir.

Das Problem: Die Schnecke kann sich so tief in ihr Gehäuse zurückziehen, dass dieses auf den ersten Blick leer wirkt. Gleichzeitig kann sie ihr bewegliches Schlundrohr weit aus dem Gehäuse strecken und auch einen Menschen erreichen, der die Schale nur am oberen Ende festhält. Selbst ein Tauchhandschuh bietet keinen sicheren Schutz vor der Gift-Harpune. Deshalb gilt bei einem Fund grundsätzlich, das Tier nicht anzufassen und nicht einzustecken.3

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Kegelschnecken besitzen eine geladene Gift-Harpune

Der Giftapparat der Kegelschnecke besteht aus einer Giftdrüse, einem Giftreservoir und spezialisierten Zähnen. Diese Zähnchen sind hohl, mit Widerhaken versehen und zu kleinen Harpunen umgebildet. Vor dem Angriff wird eine solche Harpune mit Gift geladen. Anschließend schießt die Schnecke den Zahn über ihr ausfahrbares Schlundrohr in ihre Beute. Die Giftstoffe unterbrechen die Signalübertragung in den Nerven und können einen Fisch innerhalb kürzester Zeit bewegungsunfähig machen. Danach zieht die Schnecke ihr Opfer heran und verschlingt es im Ganzen.

Kegelschnecke
Kegelschnecken haben eine Art Harpune, mit der sie ihr gefährliches Nervengift abschießen können Foto: Getty Images

Was das Nervengift im menschlichen Körper auslösen kann

Das Gift der Kegelschnecken besteht nicht aus einem einzelnen Stoff. Es ist ein komplexer Cocktail aus zahlreichen biologisch aktiven Peptiden, den sogenannten Conotoxinen. Diese greifen hochspezifisch an unterschiedlichen Ionenkanälen und Rezeptoren an. Solche Strukturen steuern unter anderem die elektrische Erregbarkeit von Nerven und Muskeln.4

Mögliche Folgen einer Vergiftung sind:

  • Schmerzen, Schwellungen oder ein Taubheitsgefühl an der Einstichstelle
  • Kribbeln und fortschreitende Gefühlsstörungen
  • zunehmende Muskelschwäche
  • Lähmung des betroffenen Körperteils
  • Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen
  • Sprach-, Seh- und Schluckstörungen
  • Bewusstseinsstörungen bis hin zur Bewusstlosigkeit
  • Ausbreitung der Lähmung auf den gesamten Körper
  • Lähmung der Atemmuskulatur und Atemstillstand

Besonders gefährlich wird es, wenn die vom Nervengift ausgelöste Lähmung das Zwerchfell und andere für die Atmung benötigte Muskeln erreicht. Ohne schnelle medizinische Hilfe kann die Vergiftung dann tödlich enden. Ein spezifisches Gegengift steht nicht zur Verfügung. Die Behandlung konzentriert sich deshalb vor allem darauf, Atmung und Kreislauf zu sichern, bis die Wirkung des Giftes nachlässt.

Wie viele Menschen sind durch Kegelschnecken gestorben?

Vergiftungen durch Kegelschnecken sind selten. Die verfügbaren Zahlen beruhen auf dokumentierten Fällen und bilden deshalb wahrscheinlich nicht jedes Ereignis ab.

Eine wissenschaftliche Auswertung erfasste für den Zeitraum von 1670 bis 2017 mindestens 141 gemeldete Vergiftungen bei Menschen. Davon endeten 36 tödlich. Die Untersuchung kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass möglicherweise alle bekannten Todesfälle auf eine einzige fischjagende Art zurückgehen: die Landkarten-Kegelschnecke (Conus geographus).

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Jede Art besitzt ihren eigenen Giftcocktail

Das Forschungsteam um Heinrich Terlau am damaligen Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin untersuchte, wie einzelne Conotoxine an spannungsabhängige Ionenkanäle binden. Nach Angaben des Forschungsberichts kann das Gift einer einzigen Kegelschneckenart bis zu 200 aktive Bestandteile enthalten.5

Im Laufe von rund 50 Millionen Jahren hat vermutlich jede Art ihren eigenen Giftcocktail entwickelt. Insgesamt kommen so wahrscheinlich mehrere Zehntausend verschiedene Wirkstoffe zusammen. Viele davon sind bis heute noch nicht vollständig erforscht.

Vom tödlichen Gift zum starken Schmerzmittel

Was Beutetiere lähmt, kann für die Medizin sehr interessant sein. Die Stoffe im Gift der Kegelschnecken greifen gezielt in die Weiterleitung von Nervensignalen ein. Forschende untersuchen sie deshalb unter anderem als Grundlage für neue Schmerzmittel. Ein Wirkstoff wird bereits eingesetzt: Ziconotid. Es hilft bei starken chronischen Schmerzen. Auch weitere Bestandteile des Gifts werden auf ihren möglichen medizinischen Nutzen untersucht.6

Quellen

  1. Kohn, A. J. (2019). Conus envenomation of humans: In fact and fiction. Toxins, 11(1), Article 10. https://doi.org/10.3390/toxins11010010 ↩︎
  2. Kapil S, Hendriksen S, Cooper JS. Cone Snail Toxicity. In: StatPearls. StatPearls Publishing, Treasure Island (FL); 2023. PMID: 29262115. ↩︎
  3. aqua med, „Kegelschnecken“, (aufgerufen am 16.10.2026) ↩︎
  4. Halford, Z. A., Yu, P. Y. C., Likeman, R. K., Hawley-Molloy, J. S., Thomas, C., & Bingham, J. P. (2015). Cone shell envenomation: Epidemiology, pharmacology and medical care. Diving and Hyperbaric Medicine, 45(3), 200–207. ↩︎
  5. Max-Planck-Institut für Multidisziplinäre Naturwissenschaften, „Die Gifte der Kegelschnecken - Lernen aus 50 Millionen Jahren Neuropharmakologie“, (aufgerufen am 16.10.2026) ↩︎
  6. Terlau, H. (2009). Kegelschnecken als Fundgrube neuer Wirkstoffe: Medizin aus dem Meer. Chemie in unserer Zeit. https://doi.org/10.1002/ciuz.200900497 ↩︎

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