23. März 2026, 13:45 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Wer an Meeresverschmutzung denkt, denkt meist zuerst an Plastik, Öl oder Geisternetze. Doch längst gelangt noch etwas anderes in die Ozeane: Medikamente, Drogen und andere pharmazeutische Rückstände. Wie weit dieses Problem inzwischen reicht, zeigt eine Studie von 2026 aus den Bahamas. Dort fanden Forscher in freilebenden Haien Schmerzmittel, Koffein und sogar Kokain – und zwar ausgerechnet in einer Region, die lange als ökologisch weitgehend intakt galt. PETBOOK ordnet ein.
Drogenrückstände in vermeintlichen Naturpradisen
Besonders brisant: Die nachgewiesenen Stoffe waren nicht nur im Blut der Tiere vorhanden, sondern standen auch mit messbaren Veränderungen wichtiger Stoffwechselwerte in Zusammenhang. Das legt nahe, dass menschliche Schadstoffe selbst große Meeresräuber beeinflussen könnten.
Die Bahamas-Studie ist damit ein weiterer Hinweis darauf, dass pharmazeutische und illegale Substanzen längst nicht mehr nur ein Problem in Flüssen oder dicht besiedelten Küstenregionen sind. Sie erreichen offenbar selbst Spitzenprädatoren in vermeintlichen Naturparadiesen. Wie weit verbreitet das Problem für marine Ökosysteme ist, zeigen weitere Arbeiten.
Studie von 2026 zeigt Medikamente, Koffein und Kokain in Haien der Bahamas
Für die Untersuchung analysierte ein internationales Forschungsteam um Natascha Wosnick Blutproben von 85 freilebenden Haien rund um Eleuthera Island. Untersucht wurden fünf Arten, darunter Tigerhaie, Zitronenhaie und Karibische Riffhaie. Ziel war es, sogenannte „Contaminants of Emerging Concern“ nachzuweisen – also neuartige Umweltkontaminanten wie Medikamente oder psychoaktive Substanzen, deren ökologische Folgen bislang nur unzureichend verstanden sind.
In 28 der 85 Tiere fanden die Wissenschaftler tatsächlich messbare Rückstände. Nachgewiesen wurden vier Stoffe: Diclofenac, Paracetamol, Koffein und Kokain. Besonders betroffen waren der Karibische Riffhai, der Atlantische Ammenhai und der Zitronenhai – also Arten, die oft küstennah leben und dadurch eher mit menschlichen Einträgen in Kontakt kommen dürften.
Wie beeinflussen Drogen und Medikamente die Haie?
Auffällig war vor allem, dass belastete Tiere veränderte Werte bei Triglyceriden, Harnstoff und Laktat zeigten. Diese Marker geben Hinweise auf Fettstoffwechsel, osmotisches Gleichgewicht und physiologischen Stress. Die Studie beweist zwar noch nicht eindeutig, dass die Schadstoffe diese Veränderungen direkt verursachen. Sie zeigt aber erstmals, dass selbst in den Gewässern der Bahamas menschliche Rückstände bis an die Spitze der Nahrungskette gelangen – und dort möglicherweise biologisch wirksam sind. 1
Während man bei Verschmutzungen von Meeren wohl am ehesten an Plastik oder raffiniertes Öl denkt, gibt es noch ein weiteres, menschengemachtes Problem in den Weltmeeren: Drogen. Scharfnasenhaie vor der Küste von Brasilien wurden nun positiv auf Kokain getestet und Abbauprodukte der Droge in ihren Organen nachgewiesen. Was das für die Tiere und das Ökosystem bedeuten könnte.
Schon 2024 Haie vor Brasilien positiv auf Kokain getestet
Was lange bereits vermutet wurde, wurde jedoch bereits 2024 in einer anderen aufsehenerregenden Studie bewiesen: Damals wiesen brasilianische Forscher Kokain in Scharfnasenhaien vor der Küste von Rio de Janeiro nach. Lange war nur vermutet worden, dass Drogenrückstände auch in Meerestieren landen könnten. Die Untersuchung brachte erstmals einen konkreten Nachweis.
Enrico Mendes Saggioro und seine Kollegen analysierten Muskel- und Leberproben von 13 brasilianischen Scharfnasenhaien, die von Fischern gefangen worden waren. In allen untersuchten Tieren fanden sie Kokain – in Konzentrationen, die deutlich höher lagen als zuvor bei anderen Meerestieren beschrieben worden waren. Ihre Studie erschien in der Zeitschrift „Science of the Total Environment“.
Wie kommt Kokain ins Meer?
Doch wie kommt die Droge überhaupt in die Weltmeere? Grundsätzlich ist dies bekannt: Ein Teil kommt über unzureichend gereinigtes Abwasser in die Küstengewässer. Hinzu kommen Einträge aus dem Drogenhandel, etwa wenn Schmuggelware im Meer landet oder absichtlich entsorgt wird, um Spuren zu verwischen. Gerade in Regionen mit hohem Konsum oder aktiven Schmuggelrouten kann das zu einer dauerhaften Belastung führen.
Welche Folgen das für Haie genau hat, ist bislang noch nicht abschließend geklärt. Denkbar sind jedoch Störungen des Verhaltens, der Fortpflanzung oder der allgemeinen Gesundheit. Besonders problematisch ist das, weil Scharfnasenhaie wichtige Räuber in ihren Ökosystemen sind und vielerorts ohnehin bereits unter Fischerei und Lebensraumverlust leiden.
Fentanyl und Pharmazieabfälle
Doch, wie nun auch auf den Bahamas erwiesen, landen nicht nur harte Drogen im Wasser, sondern auch medizinisch-pharmazeutische Abfälle. Nicht nur Haie, auch Delfine tragen inzwischen menschliche Arzneimittel in sich. US-amerikanische Forscher konnten 2024 erstmals Fentanyl in lebenden, frei schwimmenden Delfinen im Golf von Mexiko nachweisen (PETBOOK berichtete). Damit wurde deutlich, dass pharmazeutische Schadstoffe nicht nur Fische, sondern auch Meeressäuger an der Spitze der Nahrungskette erreichen.
Gerade Delfine gelten als wichtige Bioindikatoren, weil sich Schadstoffe in ihrer fettreichen Speckschicht anreichern können. Dass Fentanyl nicht nur in toten, sondern auch in lebenden Tieren gefunden wurde, ist deshalb besonders alarmierend. Zwar lagen die gemessenen Konzentrationen nach Angaben der Forscher unterhalb akut tödlicher Werte. Dennoch bleibt unklar, welche Folgen eine chronische Belastung für Verhalten, Gesundheit und Fortpflanzung haben könnte.
Die Einzelfälle aus den Bahamas, Brasilien und dem Golf von Mexiko passen zu einem größeren Bild: Rückstände von Medikamenten und Drogen sind längst weltweit in Gewässern nachweisbar. Eine schwedische Studie aus dem Jahr 2024 zeigte, dass solche Stoffe massive Auswirkungen auf Tiere haben können – vor allem auf Fische und Vögel (PETBOOK berichtete).
Antidepressiva und Antibabypille in am Meer lebenden Tieren nachgewiesen
Demnach verändern Rückstände von Antidepressiva das Verhalten von Tieren teils drastisch. Flussbarsche verloren in Versuchen ihre natürliche Vorsicht gegenüber Räubern. Bei Vögeln wurden Veränderungen im Paarungsverhalten und eine erhöhte Aggressivität beobachtet. Auch Hormone aus der Antibabypille gelten als problematisch: Sie können in Fischpopulationen tiefgreifende Störungen der Fortpflanzung auslösen und wurden bereits mit lokalen Bestandszusammenbrüchen in Verbindung gebracht.
Hinzu kommen dann eben illegale Drogen wie Methamphetamin oder Kokain. Frühere Untersuchungen zeigten bereits, dass Fische auf solche Substanzen reagieren und sogar suchtähnliches Verhalten entwickeln können. In Tschechien etwa hielten sich belastete Forellen bevorzugt in Wasserbereichen auf, die Methamphetamin enthielten. Solche Befunde machen deutlich, dass pharmazeutische Rückstände nicht bloß „mitgeschleppt“ werden, sondern biologische Effekte haben können.
Das Problem beginnt oft an Land: Medikamente werden vom menschlichen Körper nicht vollständig abgebaut und gelangen über Ausscheidungen ins Abwasser. Dazu kommen Einträge aus der Pharma-Produktion, aus Krankenhäusern, aus Haushalten und aus der unsachgemäßen Entsorgung. Viele Kläranlagen sind auf solche Stoffe nicht ausgelegt und können sie nur unvollständig herausfiltern. So landen sie in Flüssen, Küstengewässern und schließlich in Nahrungsketten.
Erstmals Fentanyl in lebenden Delfinen nachgewiesen
Drogenabhängige Fische und aggressive Vögel! Wie Pharmazie-Abfälle die Tierwelt beeinflussen
Konstanter Kokain-Konsum könnte Haie stark beeinflussen
Bereits frühere Forschung hatte ergeben, dass das Problem in Brasilien besonders groß ist. Kokain wird durch unzureichende Infrastruktur mit Abwässern, die einfach ins Meer geleitet werden, dort eingespült. Oder auch bewusst in Drogenlaboren so „vernichtet“ oder über Kleinflugzeuge in die Gewässer geworfen. Dies geschieht vor allem dann, wenn Drogenhersteller oder -händler versuchen, die Aufdeckung ihrer Machenschaften zu verhindern.
Bislang ist jedoch größtenteils unbekannt, wie lange die Droge tatsächlich im Meerwasser bleibt, und welche Auswirkungen sie auf die dort lebenden Tiere hat. Die 100-fach erhöhten Werte der positiv auf Kokain getesteten Haie liefern jedoch erste Anhaltspunkte.2
Denkbare Folgen sind zum Beispiel Störungen bei der Fortpflanzung der Fische, denn es ist bekannt, dass ihre Leber besonders empfindlich auf Toxine reagiert. Giftstoffe aller Arten können die Dotterbildung für Hai-Eier empfindlich stören, wie das Wissenschaftsportal „Phys.org“ berichtet. Auch könnte konstanter Kokain-Konsum das Verhalten der Haie negativ beeinflussen. Zudem weiß man von einigen Meerestieren schon jetzt, dass abgelagertes Kokain ihre DNA nachhaltig schädigen kann.
Menschlicher Abfall muss aus dem Meer raus – nur wie?
Die Erkenntnisse aus den Studien zeigen vor allem eines: Das Problem beginnt nicht im Meer, sondern an Land. Medikamente, Drogen und ihre Abbauprodukte gelangen über Abwasser, Industrie, Landwirtschaft und unsachgemäße Entsorgung in die Umwelt – und werden von dort aus bis in die Ozeane getragen. Kläranlagen sind bislang oft nicht darauf ausgelegt, solche komplexen chemischen Verbindungen vollständig herauszufiltern.
Ein zentraler Hebel liegt deshalb in der Abwasseraufbereitung. Moderne Reinigungsverfahren wie Aktivkohlefilter oder Ozonbehandlung könnten viele dieser Stoffe deutlich effektiver entfernen. Gleichzeitig fordern Wissenschaftler, Medikamente künftig so zu entwickeln, dass sie nach ihrer Anwendung schneller und vollständiger in der Umwelt abgebaut werden.
Doch auch im Alltag lässt sich ansetzen: Arzneimittel sollten niemals über Toilette oder Spüle entsorgt werden. Stattdessen gehören sie in den Restmüll oder – je nach Region – zurück in Apotheken. Denn jeder Wirkstoff, der gar nicht erst ins Abwasser gelangt, ist ein Gewinn für die Umwelt.
Langfristig wird es darauf ankommen, das Problem ganzheitlich zu betrachten. Denn die Studien zeigen: Selbst abgelegene Regionen sind nicht geschützt. Was wir an Land freisetzen, landet früher oder später im Meer – und damit bei den Tieren, die dort leben. Die Herausforderung besteht nun darin, diese unsichtbare Form der Verschmutzung genauso ernst zu nehmen wie Plastik oder Öl.