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Attacken gegen Menschen und Hunde

Experte zu Fuchs-Angriffen in Berlin: „Verhalten passt zu einer Fehlprägung“

Fuchs in der Stadt
Ein Fuchs in Berlin sorgte für Aufsehen, weil er mehrfach Menschen und Hunde attackierte. Doch so ein Verhalten ist zum Glück extrem selten (Symbolbild) Foto: Getty Images
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Porträt Saskia Schneider auf dem PETBOOK Relaunch
Redaktionsleiterin

29. April 2026, 11:09 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Ein Fuchs greift in Berlin-Reinickendorf offenbar wiederholt Menschen und Hunde an – bei einem Vorfall starb sogar ein Hund. Der Fall sorgt für Verunsicherung unter Tierhaltern. Doch wie gefährlich sind Füchse wirklich? Und was steckt hinter dem ungewöhnlichen Verhalten? Der Fuchsexperte Daniel Peller hat den Fall ausführlich analysiert und kommt für PETBOOK zu einer klaren Einschätzung.

Angriffe seit Monaten – aber kaum gesicherte Fakten

Seit Ende Januar soll ein einzelner Fuchs im Raum Berlin-Reinickendorf auffällig geworden sein. Berichten zufolge kam es zu mehreren Angriffen auf Hunde. Auch Menschen seien bedrängt und sogar in die Beine gezwickt worden. Insgesamt soll es mindestens 13 Vorfälle gegeben haben.

Doch trotz der Vielzahl an Berichten bleibt die Faktenlage dünn. „Leider gibt es im aktuellen Fall […] keine wirklich belastbaren Informationen, was eine objektive Beurteilung der Sachlage erschwert“, erklärt Experte Daniel Peller, Gründer der Fuchs-Hilfe, einem bundesweiten Netzwerk aus fuchskundigen Beratungsstellen, Tierärzten, Pflegestellen und Wildauffangstationen. Auffällig sei vor allem: „Es existieren offenbar weder Fotos noch Videos von diesem Fuchs“, obwohl er schon so lange bekannt sei.

So verhalten sich Füchse normalerweise

Um den Fall zu verstehen, müsse man zunächst wissen, was bei Stadtfüchsen überhaupt „normal“ ist. Denn: Füchse gehören längst zum Stadtbild.

„Stadtfüchse sind in der Regel in der Stadt geboren, auf diesen Lebensraum spezialisiert und finden hier auch mehr als genug Nahrung“, so Peller. Die Tiere hätten gelernt, in unmittelbarer Nähe zu Menschen zu leben, ohne dabei ihre natürliche Scheu vollständig zu verlieren.

Typischerweise verhalten sich Füchse unauffällig und gehen Auseinandersetzungen aus dem Weg. „Sie schätzen Menschen und Hunde als Gefahr ein und meiden den direkten Kontakt“, sagt der Experte.

Auseinandersetzungen sind extrem selten

Selbst vermeintlich „auffällige“ Begegnungen seien oft harmlos. So könne es vorkommen, dass Füchse Menschen ein Stück folgen oder junge, unerfahrene Tiere auf Hunde zulaufen – etwa aus Spielverhalten heraus. „Wer sich mit Verhalten und Körpersprache von Füchsen nicht auskennt, kann derartige Situationen aber möglicherweise als Angriffe fehlinterpretieren“, erklärt Peller.

Auf Auseinandersetzungen ließen sich Füchse nur in seltenen Extremsituationen ein: „Füchse können zuschnappen, wenn sie sich oder ihren Nachwuchs bedroht sehen und keine Fluchtmöglichkeit haben. Wer einen Fuchs in die Enge treibt, nach ihm greift, schlägt oder tritt oder einen Hund zur Setzzeit zu nah an einen Fuchsbau heranlässt, muss mit Abwehrverhalten rechnen.“

Klarer Befund: Das Verhalten ist „absolut untypisch“

Im aktuellen Fall sieht der Experte jedoch keinen Spielraum für Missverständnisse: „Wenn ein freilebender Fuchs abseits des Baus auf freier Fläche aktiv und gezielt auf Menschen oder Hunde zugeht und diese angreift, ist das definitiv kein normales Fuchsverhalten – auch nicht zur Setzzeit.“

„Ohne jeden Zweifel muss man festhalten, dass ein aggressives Verhalten […] für einen Fuchs absolut untypisch ist und extrem selten vorkommt“, betont Peller. In mehr als 25 Jahren Erfahrung seien ihm bundesweit „weniger als zehn solcher Fälle“ bekannt geworden.

Das Risiko, von einem Fuchs verletzt zu werden, sei daher grundsätzlich „verschwindend gering“. In deutschen Städten leben tausende Füchse – meist völlig unauffällig.

Viele Theorien – aber kaum überzeugende Erklärungen

In den vergangenen Tagen wurde viel über mögliche Ursachen des beobachteten Verhaltens spekuliert. Peller hält die meisten Erklärungen jedoch für nicht stichhaltig.

Tollwut?
Diese Befürchtung weist der Experte klar zurück: „Seit rund 20 Jahren wurde hierzulande kein Fall von Tollwut mehr bei einem freilebenden Fuchs nachgewiesen.“ Deutschland gilt seit 2008 als tollwutfrei. Zudem hätte ein infiziertes Tier „unmöglich drei Monate lang überlebt“.

Krankheiten oder Verletzungen?
Auch diese Theorie sei unwahrscheinlich. Zwar könnten manche Erkrankungen Verhaltensänderungen auslösen, „doch diese Krankheiten gehen in der Regel mit auffälligen zusätzlichen Symptomen einher, die im aktuellen Fall nicht festgestellt wurden“.

Hunger?
Ebenfalls keine plausible Erklärung. Der Fuchs wird als gesund und gut genährt beschrieben. Zudem gehören selbst kleine Hunde „ohnehin nicht zum Beutespektrum eines Fuchses“.

Revierverhalten oder Nachwuchs?
Auch diese Theorien greifen laut Peller zu kurz. Zwar verteidigen Füchse ihre Jungen, doch das beschränke sich auf den Bau und dessen unmittelbare Umgebung. Die Angriffe in Reinickendorf erfolgen jedoch in einem Gebiet von mehreren hundert Metern und Revierverhalten werde Artgenossen, nicht aber Hunden gegenüber gezeigt.

Fütterung durch Menschen?
Ein häufig genannter Verdacht – aber auch hier widerspricht der Experte: „Selbst in Regionen, in denen Stadtfüchse intensiv gefüttert werden, gibt es keine Hinweise darauf, dass die Tiere dadurch aggressives Verhalten entwickeln.“ Eine Fütterung könne zwar dazu führen, dass Füchse zutraulicher werden und sich Menschen eher nähern, „mit Aggression hat das aber nichts zu tun“.

Die wahrscheinlichste Erklärung: ein fehlgeprägter Fuchs

Stattdessen hat Peller eine konkrete und in sich schlüssige Theorie: Der Fuchs könnte fehlgeprägt sein.

„Der Schlüssel zur Erklärung des Verhaltens liegt für mich in den Augenzeugenberichten der Begegnungen mit dem Fuchs: Die Leute würden den Fuchs füttern und wenn jemand kein Futter habe, werde der Fuchs aufdringlich, verfolge die Leute und würde auch nach deren Beinen schnappen. Dieses Verhalten ist mir aus der Wildtierhilfe leider bestens bekannt. Es tritt insbesondere bei Füchsen auf, die als Welpen der Freiheit entnommen, anschließend unsachgemäß ohne Artgenossen von Menschenhand aufgezogen und so völlig fehlgeprägt wurden“, erklärt er.

„Solche Füchse verlieren ihren Respekt vor Menschen“, so Peller. Wurden sie zudem mit Hunden zusammengehalten, könnten sie auch diesen gegenüber ungewöhnliches Verhalten zeigen – etwa sie als Konkurrenz wahrnehmen.

Ist der Fuchs in Berlin Opfer falsch verstandener Tierliebe?

Seine Vermutung: „Bei dem Fuchs in Reinickendorf handelt es sich wahrscheinlich um eine stark fehlgeprägte Handaufzucht, die schließlich ausgesetzt wurde. Das würde das stattliche, gepflegte Erscheinungsbild des Fuchses sowie alle Aspekte seines untypischen Verhaltens erklären.“ Am Ende, so Peller, seien solche Fälle oft menschengemacht: „Der Fuchs selbst sowie die Menschen und Hunde, die er verletzt hat, wären letztlich ein Opfer falsch verstandener Tierliebe geworden.“

Die gute Nachricht sei, dass es für Bedenken, andere Füchse könnten sich das aggressive Verhalten abschauen, keinerlei Grundlage gebe. „Bei Füchsen, die in Freiheit und mit Artgenossen aufwachsen, kann eine solche Fehlprägung nicht entstehen – auch nicht, wenn sie gefüttert werden.“

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Was jetzt passieren könnte

Sollte sich diese Einschätzung bestätigen, ist eine Lösung schwierig. „Bei einem fehlgeprägten Fuchs würde ich die Chancen für eine Umerziehung […] als eher gering einschätzen“, sagt Peller.

Wie nun mit dem Fuchs umgegangen werden soll, ist weiterhin strittig. Falls man sich aber nicht mit dem Tier arrangieren und Angriffe vermeiden könne, bliebe in letzter Konsequenz nur das Einfangen des Tieres. Ob es anschließend untersucht und in eine Wildauffangstation vermittelt werden kann oder eingeschläfert werden muss, sei offen.

Besonders wichtig sei jetzt vor allem eines: Aufklärung. Menschen sollten wissen, wie sie sich verhalten müssen und vor allem: Wildtiere nicht füttern.

Auch interessant: Wie verhalte ich mich, wenn ich einem Fuchs begegne?

Wie sich Anwohner jetzt verhalten sollten

Das Bezirksamt rät aktuell:

  • Hunde anleinen und nah bei sich führen
  • Abstand zu Wildtieren halten
  • Füchse nicht füttern
  • Auffällige Tiere melden

Zudem seien Videoaufnahmen hilfreich, um das Verhalten besser einschätzen zu können.

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