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Seltenes Phänomen

Diese Tiere haben giftgrünes Blut

Echse auf einem grünen Blatt
Bestimmte Echsen verfügen über ein einzigartiges giftgrünes Blut, das sie eigentlich töten müsste. Foto: Getty Images
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Louisa Stoeffler
Redakteurin

24. September 2025, 18:02 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Im Regenwald von Neuguinea und den Salomonen lebt eine kleine Echsenart, die mit einer ungewöhnlichen Eigenschaft selbst den Hulk neidisch machen könnte: Ihr Blut ist leuchtend giftgrün – und das ist nicht nur optisch bemerkenswert, sondern wirft auch ein großes biologisches Rätsel über die Echse auf.

Giftgrünes Blut von Echsen als genetisches Kuriosum

Die Echsen der Gattung Prasinohaema sehen auf den ersten Blick aus wie gewöhnliche Baumbewohner: schuppig, langgestreckt, mit kleinen Beinen und einem großen Hunger auf Insekten. Doch ihr Inneres birgt eine biologische Sensation – sie sind die einzigen bekannten Nabelwirbeltiere, deren Blut grün gefärbt ist. Die Ursache dafür ist zwar bekannt, doch der Grund bleibt ein Rätsel.

Die sogenannten Prasinohaema-Skinke kommen fast ausschließlich auf Neuguinea vor, einer Region mit außergewöhnlich hoher Artenvielfalt. Eine Art lebt zudem auf den Salomonen. Was sie von allen anderen Wirbeltieren unterscheidet: Ihr Blut ist grün. Und nicht nur das – auch ihre Knochen, Organe und sogar ihre Zunge schimmern in derselben Farbe.

Giftstoff als Ursache für die grüne Farbe

Die grüne Färbung lässt sich biochemisch erklären: Die Echsen weisen extrem hohe Mengen des Gallenfarbstoffs Biliverdin im Blut auf. Bei Menschen und vielen anderen Tieren transportiert das Protein Hämoglobin den Sauerstoff im Blut – und färbt es rot. Wird Hämoglobin abgebaut, entstehen unter anderem Bilirubin und Biliverdin. Diese werden normalerweise über die Galle in den Darm ausgeschieden. Biliverdin ist für seine grünliche Farbe bekannt – sie zeigt sich beim Menschen etwa in einem Heilungsstadium von blauen Flecken.

Während derartige Pigmente bei den meisten Lebewesen als Abfallstoffe gelten, führen ihre extrem hohen Konzentrationen bei den Prasinohaema-Skinken zu der auffälligen grünen Farbe. Sie besitzen den höchsten je gemessenen Biliverdingehalt aller Organismen. Die Wirkung zeigt sich im ganzen Körper: „Die Knochen sind grün, die Muskeln sind grün, das Gewebe ist grün, die Zunge und die Schleimhaut sind grün“, erklärte der Reptilien- und Amphibienbiologe Christopher Austin gegenüber dem US-Sender „NPR“.

Warum sterben die Echsen nicht an ihrem Blut?

Was die Forscher besonders verblüfft: Biliverdin gilt in hohen Dosen als hochgiftig. Bereits geringe Mengen im menschlichen Blutkreislauf können zu Gelbsucht führen – in der Regel ein Anzeichen für Leberprobleme oder eine noch unreife Leber bei Neugeborenen. Unbehandelt kann ein erhöhter Bilirubin- oder Biliverdinspiegel sogar tödlich sein. „Es ist überraschend, denn bei diesen Konzentrationen von Gallenpigmenten im Blut sollten [die Skinke] komplett gelbsüchtig sein, wenn nicht sogar tot“, sagte Austin weiter.

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Doch offenbar haben die Echsen eine biologische Strategie entwickelt, um die giftigen Substanzen zu tolerieren. Austin vermutet einen evolutionären Vorteil hinter der grünen Farbe: Die hohe Konzentration von Biliverdin könnte einen Schutz vor bestimmten Parasiten bieten – insbesondere gegen Plasmodium: Diese Einzeller verursachen nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Vögeln und Reptilien Malaria.

Austin spekuliert, dass das toxische Biliverdin die Infektion der Skinke mit Plasmodium erschwert, indem es das Blutmilieu verändert: Statt auf Hämoglobin zu treffen, stößt der Parasit auf ein für ihn schädliches Umfeld.

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Grünes Blut hat sich in der Evolution viermal entwickelt

Ein anderes Forscherteam hat sich der Frage der Echsen mit dem giftgrünen Blut ebenfalls gewidmet. Denn mittlerweile weiß man, dass sich diese Farbe in der Evolution nicht nur einmal, sondern viermal ausgeprägt hat. Das häufige Erscheinen dieses ungewöhnlichen Merkmals spricht dafür, dass es evolutive Vorteile mit sich bringt. Ein Hinweis darauf, dass sie mehr als nur ein Zufallsprodukt ist.

Ein Forschungsteam der Brigham Young University (Utah, USA) unter Leitung von Taylor S. Probst hat erstmals das vollständige Genom eines grünblütigen Skinks (Prasinohaema aff. favipes) aus einem historischen Museumsexemplar entschlüsselt. Die Ergebnisse wurden im März 2025 in der Fachzeitschrift „Journal of Heredity“ veröffentlicht.

Die Echse wurde bereits im Jahr 2000 in Papua-Neuguinea gesammelt und ist Teil der einzigen bekannten Wirbeltiergruppe mit dauerhaft grünem Blut. Die Studie nutzte neueste Langsequenzierungstechnologie, um evolutionäre und molekulare Grundlagen dieses einzigartigen Phänotyps zu entschlüsseln.

Schützt ein Gen die Echse vor ihrem giftgrünen Blut?

Diese über zwanzig Jahre alte Museumsprobe enthielt ein auffälliges Gen, das eine veränderte Form eines Proteins namens Alpha-Fetoprotein (AFP) codieren könnte. Dieses Protein könnte eine Schlüsselrolle spielen, wenn es um die giftgrüne Blutfarbe geht. „Es ist plausibel, dass AFP in der Lage ist, Biliverdin zu binden“, schreiben die Forscher in ihrer Veröffentlichung, „wodurch das toxische Gallenpigment ohne Zellschädigung im Blutkreislauf verbleiben kann.“

Wie genau dieses Schutzsystem entstanden ist, bleibt jedoch noch unklar. Aber die Wissenschaftler betonen: „Das Verständnis des genomischen Hintergrunds für [die hohen Konzentrationen von Biliverdin] wird eine solide Grundlage für die Beantwortung dieser ökologischen und evolutionären Fragen bieten, und wir glauben, dass ein hochwertiges Referenzgenom ein ausgezeichneter erster Schritt zur Erreichung dieses Ziels ist.“

Die grüne Lebensader dieser Echsen bleibt also vorerst ein faszinierendes Rätsel – aber vielleicht liefert ihr Genom bald Antworten auf eine der seltsamsten Überlebensstrategien im Tierreich. 1

Quellen

  1. Probst, T. S., Davis, D. D., Whiting, A. S., Frandsen, P. B. (2025). The first de novo genome assembly and annotation of a green-blooded skink (Prasinohaema aff. favipes) from a historic museum sample. Journal of Heredity, 116(5), 653–662. DOI: https://doi.org/10.1093/jhered/esaf014 ↩︎

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