25. März 2026, 12:52 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Was nach achtlos weggeworfenem Müll aussieht, könnte für Stadtvögel wie Blaumeisen zur Überlebensstrategie geworden sein: Zigarettenstummel in Nestern. Doch was bedeutet es für Küken, wenn ihr Zuhause nach kaltem Rauch riecht – und mit Giftstoffen belastet ist? Fehlt es ihnen an geeignetem, „sauberem“ Nistmaterial? Oder nutzen sie den Müll der Menschen ganz bewusst? Eine Studie wollte genau das herausfinden.
Vögel werden beim Nestbau erfinderisch
Vögel gestalten ihre Nester aktiv und nutzen Materialien gezielt – oft mit funktionalem Nutzen. Bekannt ist bereits, dass Blaumeisen (Cyanistes caeruleus) frische, aromatische Pflanzen einbauen, deren Duftstoffe Parasiten abschrecken können. Dieses Verhalten wird als eine Art „Selbstmedikation“ interpretiert.
In Städten stehen Vögeln jedoch zusätzliche Materialien zur Verfügung, darunter menschlicher Abfall. Zigarettenstummel sind dabei für sie besonders interessant: Sie enthalten Nikotin, eine Substanz mit insektizider Wirkung. Gleichzeitig sind sie jedoch chemisch stark belastet und enthalten Tausende potenziell schädliche Stoffe wie Schwermetalle oder krebserregende Verbindungen.
Frühere Beobachtungen zeigten, dass bereits einige Vogelarten Zigarettenreste in ihre Nester einbauen. Es wurde vermutet, dass dies Parasiten reduzieren könnte. Allerdings war bislang unklar, ob dieser Effekt auch bei Höhlenbrütern wie der Blaumeise auftritt und ob sich daraus messbare Vorteile – oder Nachteile – für die Jungvögel ergeben. Ein Forschungsteam um Michał Glądalski von der Universität Łódź (Polen) hat dies nun untersucht und ihre Studie in der Maiausgabe 2026 der Fachzeitschrift „Animal Behaviour“ veröffentlicht.
Schaden die Zigarettenstummel den Blaumeisen?
Im Fokus stand die Frage, ob diese ungewöhnliche Materialwahl – häufig in Städten beobachtet – eine Funktion erfüllt. Dazu verglichen die Forscher natürliche Nester, Nester mit hinzugefügten Zigarettenstummeln sowie komplett ersetzte, sterile Nester. Gemessen wurden verschiedene Gesundheitsparameter der Nestlinge sowie die Belastung durch Parasiten.
Die Feldstudie wurde im Frühjahr 2024 in zwei Gebieten nahe Łódź durchgeführt: einem Stadtpark und einem Waldgebiet. Insgesamt wurden 33 Blaumeisennester untersucht. Die Nester wurden zufällig in drei Gruppen eingeteilt:
- Kontrollgruppe: unveränderte Nester
- Zigaretten-Gruppe: Zugabe von zwei gerauchten Zigarettenfiltern an Tag 5 und 10 nach dem Schlüpfen
- Kunstnest-Gruppe: Austausch des natürlichen Nests durch ein sterilisiertes Nest aus Moos und Baumwolle
Mit 13 Tagen wurden bei den Nestlingen mehrere Gesundheitsparameter gemessen:
- Hämoglobin (Sauerstofftransport im Blut)
- Hämatokrit (Anteil roter Blutkörperchen)
- Glukose (Blutzucker)
- Flügellänge als Wachstumsindikator
Zusätzlich wurden nach dem Ausfliegen die Nester eingesammelt und systematisch auf Parasiten wie Milben, Flöhe, Zecken und Fliegenlarven untersucht. Alle Eingriffe erfolgten unter behördlicher Genehmigung und mit Maßnahmen zur Minimierung von Stress für die Tiere.
Nikotin als Insektizid?
Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild. Einerseits verbesserten sich die Blutwerte. Nestlinge in beiden experimentellen Gruppen hatten signifikant höhere Hämoglobinwerte.
- Kontrolle: 114,8 g/L
- Zigaretten-Nester: 128,3 g/L
- Künstliche Nester: 138,9 g/L
Auch der Hämatokrit-Wert war erhöht:
- Kontrolle: 40,4 Prozent
- Zigaretten-Nester: 44,2 Prozent
- Künstliche Nester: 44,3 Prozent
Diese Werte deuten auf eine bessere körperliche Verfassung hin, da mehr rote Blutkörperchen den Sauerstofftransport verbessern. Beim Glukosewert zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen. Auch die Flügellänge und somit das Wachstum zeigten keine Unterschiede zwischen der Kontrollgruppe und der mit den Zigarettenstummeln. Lediglich beim künstlichen Nest war die Zahl erhöht (40,4 mm gegenüber 38,8 mm in der Kontrolle).
Besonders spannend war die Parasitenbelastung. Diese war in den natürlichen Nestern am höchsten, weniger in den Nestern mit Zigaretten und in den sterilen der Kontrollgruppe kaum vorhanden. Besonders auffällig: Flöhe und Fliegenlarven waren in künstlichen Nestern deutlich reduziert. In Zigaretten-Nestern zeigte sich nur ein schwacher, teilweise nicht signifikanter Rückgang.
Eine Frage der Flexibilität
Die Studie liefert Hinweise darauf, dass Zigarettenstummel im Nest eine ähnliche Funktion erfüllen könnten wie aromatische Pflanzen: Sie wirken möglicherweise als eine Art „natürliches Insektizid“. Nikotin und andere Substanzen könnten Parasiten abschrecken oder deren Entwicklung stören. Schon eine moderate Verringerung von Parasiten kann die Gesundheit von Jungvögeln verbessern, da weniger Blutverlust und geringerer Stress auftreten.
Die deutlich besseren Werte in sterilen Nestern zeigen zudem, wie stark Parasiten die Entwicklung beeinflussen können. Wenn diese fast vollständig fehlen, profitieren die Jungvögel sogar im Wachstum. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Stadtvögel möglicherweise flexibel auf neue Umweltbedingungen reagieren und sogar menschlichen Abfall funktional nutzen.
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Langfristige Folgen von Zigaretten wurden nicht erfasst
Trotz der spannenden Ergebnisse gibt es wichtige Einschränkungen: Erstens war die Stichprobe mit 33 Nestern relativ klein. Einige Effekte – etwa die Reduktion bestimmter Parasiten durch Zigaretten – waren nur schwach ausgeprägt oder statistisch nicht eindeutig.
Zweitens enthalten Zigarettenstummel zahlreiche giftige Substanzen. Frühere Studien zeigen, dass sie genetische Schäden (Genotoxizität) verursachen können. Die vorliegende Untersuchung erfasst jedoch nur kurzfristige Effekte auf Nestlinge, nicht langfristige Folgen für Überleben oder Fortpflanzung. Hier muss weiter geforscht werden. Drittens bleibt unklar, ob das Verhalten tatsächlich gezielt („adaptiv“) ist oder eher zufällig entsteht, etwa durch die Verfügbarkeit von Material in Städten.
Fazit
Die Studie zeigt: Zigarettenstummel im Nest können kurzfristig mit einer besseren körperlichen Verfassung von Blaumeisenküken verbunden sein – vermutlich durch eine teilweise Reduktion von Parasiten. Allerdings ist dieser Effekt begrenzt und deutlich schwächer als bei vollständig sterilen Nestern. Gleichzeitig bergen die enthaltenen Schadstoffe potenzielle Risiken, deren langfristige Folgen noch unklar sind. Für die Forschung eröffnen sich neue Fragen zur Anpassungsfähigkeit von Stadtvögeln. Für Tierfreunde bleibt die Erkenntnis ambivalent: Was wie ein cleverer Trick wirkt, könnte sich langfristig als problematisch erweisen. 1